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Weisheit des Traums, Leichtigkeit und Fledermausklugheit

Zur Erinnerung an Catarina Carsten und ihr Werk

Im Oktober 2019 ist die gebürtige Berlinerin Catarina Carsten, Lyrikerin, Prosaistin und Journalistin, langjährige Präsidentin des P.E.N.-Clubs Salzburg und 1. Rauriser Marktschreiberin (1984) in ihrem 100. Lebensjahr verstorben – über lange Jahre hinweg war sie die Grande Dame der Literatur in Salzburg, zurückhaltend, vornehm, großzügig, menschen- und naturverbunden, sprachsensibel, von beeindruckender Belesenheit und voll weisem Wissen. Seit 1964 lebte sie mit ihrem Mann, dem Musikpädagogen und Komponisten Hermann Regner (1928–2008), und ihrer Familie in meinem Geburtsort Puch bei Hallein. Seitdem war sie meine Nachbarin, die ich seit den 1990er Jahren fast jede Woche auf einen kurzen Plausch besuchte, nach dem sie mir oft das eine oder andere ihrer Gedichte – par cœur – mit auf den Weg gab; und Ihr Mann komponierte für ein kammermusikalisches Trio und Quartett, denen ich angehöre, die schönsten Stücke, die wir uraufführen durften.

Pointierte Prägnanz und minimalistische Verknappung für die Thematisierung von Fragen existentieller Bedeutung und für die poetische Vermittlung von Lebenserkenntnis und Welterfahrung, auch von religiöser, undogmatischer Überzeugung – das sind die prägenden Kennzeichen von Carstens literarischem Werk. Humor, Ironie, aber auch verzweifelter Sarkasmus dürfen nicht fehlen. Nicht zufällig war sie eine Bewunderin von Kurt Tucholsky. Als sie sich im Salzburgischen ansiedelte, wählte sie dafür das „Castello“ in Puch bei Hallein, ein Haus, das ein vielgeliebter Ort und zugleich ein bedeutsames Zeichen geworden war:

© Verlag Alfred Winter

Meine Zuflucht, meine grüne Fluchtburg, angesiedelt auf einem Hügel, auf Fels, nicht auf Sand gebaut. […] Ich habe zehn Jahre nicht gewagt, die Worte zu suchen. […] Meine grüne Zuflucht, meine grüne Fluchtburg, im großen Kreis geschwungen, nicht von mir errichtet, nicht von mir erobert, zugefallen, betreten ohne Verdienst und gewußt: hier. Aufgehoben und gesichert wie der Verfolgte im Bannkreis des Altars für Ewigkeiten, Stunden, Augenblicke.

Herr Charon 1977

Etwa 700 Gedichte, viele noch unpubliziert im Nachlass, stammen aus ihrer Feder. Deren gemeinsames poetologisches Fundament, das vorsichtig-sensible Verhältnis zum Wort hat die Autorin – in Abwandlung bekannter Überlegungen Ilse Aichingers – schon sehr früh, zu Beginn ihrer lyrischen Spracharbeit, folgendermaßen formuliert:

Nichts ist leichter, als einem Wort zu misstrauen. Nichts ist leichter, als über einem Wort verrückt zu werden. […] Aber mit Misstrauen ist nichts getan. Mit Vertrauen alles. […] Man muß mit Vor-Sicht an die Worte herangehen. Wie man Eis im März betritt.

Vor-Wort 1977

Catarina Carsten hatte sich ein ausgeprägtes Verhältnis zum Schönen und Erhabenen in all seinen Facetten in Gesellschaft, Natur und Kunst erworben und zugleich – zuerst als Nachkriegskind in den 1920er Jahren und schließlich als junge Frau mitten im Nazi-Berlin des Zweiten Weltkriegs – ein feines Sensorium für Bedrohungen, den Schrecken, die Gefahren und das Katastrophale angeeignet und zugleich – geborgen in ihrer unerschütterlichen Gläubigkeit – Hoffnung und Zuversicht nicht verloren. In zahlreichen Prosastücken und Gedichten werden immer wieder Anlässe sichtbar, sich mit diesen Themen auseinander zu setzen oder, wie es poetisch heißt: „Auf schwankender Sehnsuchtsfährte / Erstarrter Sicherheit fern, / irrt der Jahrtausendfremde / zwischen Rose, Chimäre und Stern.“ (Im Labyrinth der tausend Wirklichkeiten 1999). Da war Carsten schon 80 Jahre alt. Ihren Gedichtband Zwischen Rose, Chimäre und Stern (1996) eröffnet sie im Zyklus Orte mit dem Gedicht Leeres Haus, sinnbildlich für das zu bewältigende Leben, auf dass dieses in geduldiger Arbeit zu einem bewohnbaren gemacht werde, versehen mit der beschwörenden Geste: „Es wird gut sein hier.“ Dies war Ausdruck ihrer unverrückbaren Haltung – ein Trotzdem. Die geschnitzte Friedenstaube über dem Eingang ihres Castello stellte das verbindliche Orientierungszeichen dar. Ein wichtiges Element ihres Selbstverständnisses war es auch, dass sie viele ihrer Rezitationen mit der Erzählung Der Großvater, die Großmutter und Hans einzuleiten pflegte, die schmerzliche Erinnerung an den sinnlosen „Heldentod“ des achtzehnjährigen Hans und an das Mädchen Johanna, die von der Großmutter Hans genannt wird, als Bürgin eines Lebens in Frieden. (Wenn es am schönsten ist 1995)


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