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auf jeden Fall Lektüren

Über Joseph Joubert

In meiner Bibliothek steht ein kleines Regal, in dem ich besondere Bücher ablege, zu denen ich manchmal greife, um ein paar Minuten, liegend auf der Couch oder irgendwo im Raume stehend, in ihnen zu blättern und mich auf die Spur früherer Lektüren zu setzen.

In meiner Bibliothek steht ein kleines Regal, in dem ich besondere Bücher ablege, zu denen ich manchmal greife, um ein paar Minuten, liegend auf der Couch oder irgendwo im Raume stehend, in ihnen zu blättern und mich auf die Spur früherer Lektüren zu setzen. Ich weiß selbst nicht, warum mich jäh die Neugier packt, unter den siebzig, achtzig Bänden gerade diesen einen hervorzuziehen und mich neuerlich mit ihm zu beschäftigen, nur ein paar Minuten lang. Ein Buch, das die Hände häufig wie von selbst auswählen, hat vor 250 Jahren ein Franzose namens Joseph Joubert verfasst; „verfassen“ passt nicht recht, denn der Autor hat zwar zeitlebens geschrieben, aber sich große Mühe gegeben, dass kein Buch daraus werde. 

Joubert war in verschiedenen Berufen tätig, bis er eine wohlhabende Frau heiratete, mit ihr bald in Paris, bald auf ihrem Landgut lebte und da wie dort seiner liebsten Beschäftigung nachging: in Notizbüchern, von denen er es im Laufe der Jahrzehnte auf 205 Stück brachte, täglich einzutragen, was ihm durch den Kopf ging. Es sind unsystematische, einander mitunter widersprechende Bemerkungen, Beobachtungen, Reflexionen, Einfälle, die er in eleganten Sätzen festhielt, die freilich mit ihrer stilistischen Eleganz nie selbstzufrieden prunken. Über die Entwicklung des medizinischen Fortschritts schrieb er 1796: „Die Alten kannten die Anatomie des Menschen nur aus dem Krieg. Alles, was sie darüber wussten, hatten sie auf den Schlachtfeldern gelernt.“

Worüber Joubert grübelte? Über Religion und Politik, die Kunst und das Leben, kurz: über Gott und die Welt. Besonders gerne schrieb er über das Schreiben selbst, das seine alltägliche Freude war, seinem Leben die Richtung wies und von dem er wusste: „Die Notiz ist besser als ein Buch.“ Daher verweigerte er sich allen Versuchen seiner Freunde und berühmten Verehrer, diese Notizen für ihn zu sichten und zu veröffentlichen. Die erste Sammlung wird erst lange nach seinem Tod veröffentlicht, und seither hat jede Generation diesen Autor, dem das Schreiben alles war und das Veröffentlichen für gar nichts galt, neu zu entdecken. Sein Buch in meinem besonderen Regal trägt den Titel „Alles muss seinen Himmel haben“, und ich kann es aufschlagen, wo ich will, immer stoße ich auf Ideen, die bedenkenswert sind, auf Sätze, die mich beglücken, und auf Fragen, die jeder für sich beantworten mag: „Hören Sie jene, die schweigen?“  

Karl-Markus Gauß, Salzburg


© Jung und Jung Verlag

Joseph Joubert: Alles muss seinen Himmel haben. Aus den Notizen. Auswahl, Übersetzung, Vorwort von Martin Zingg. Nachwort Paul Auster. Jung und Jung Verlag, 2018.

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