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auf jeden Fall Lektüren

Weisheit des Traums, Leichtigkeit und Fledermausklugheit

Zur Erinnerung an Catarina Carsten und ihr Werk

© Otto Müller Verlag

Carsten war bereits 55 Jahre alt, als ihr erster Lyrikband Morgen mache ich das Jüngste Gericht (1975) als das Ergebnis traumatisch zu nennender Erfahrungen mit psychisch Kranken und dem „Fremden“ erschien. Aber seitdem brach es aus ihr geradezu heraus: Gedicht- und Erzählbände sowie Autobiographisches (z.B. Hungermusik. Ein autobiographisches Skizzenbuch ohne Ende 1997; Auf Nimmerwiedersehen. Berliner Kellernotizen aus den Jahren 1943 –1945 2001; Glück und Glas. Lebendige Erinnerung 2004) wechselten sich kontinuierlich ab – bis zu ihrem 90. Lebensjahr sollten es zwölf Publikationen werden – dann ließen die Kräfte nach, obwohl ihr, wie sie mehrfach versicherte, die Verse im Tagtraum unentwegt zuflogen: „Wollen Sie den Vers der gestrigen Nacht hören?“ – par cœur-Rezitiertes war immer ein Geschenk, das ich auf meinen Weg mitnehmen konnte. Ihren letzten Gedichtband widmete sie 2010 – als 90jährige – ihrem verstorbenen Mann: Es sind herzzerreißende, poetisch herausragende Liebesgedichte: Dass nichts verloren ist. Eine Liebe. – „An jedem Abend / Musik: / Bartók, Mozart und Bach- / immer das letzte Mal …“.  

Was waren die Koordinaten und Quellen von Catarina Carstens poetischer Existenz und Identität? „Auf schwankender Sehnsuchtsfährte“, „Jahrtausendfremde“, „Erstarrter Sicherheit fern“ – so lauten einige bedeutungsvolle Wegweiser zu ihrer Welt, angereichert von ihren weitgespannten philosophischen, theologischen und literarischen Lektüren. Liebeserfahrung, die Faszination des Schönen, die Erfahrung von Hoffnung, wenn auch oft  einer verzweifelten, die Erfahrung von Zeit, Dauer und Vergänglichkeit, Abgründiges und Erschreckendes – Chimäre –, das sind die poetisch formulierten und bestimmenden Konstituenten ihres Gefühls- und Bewußtseinsraums: „Im Labyrinth / der tausend Wirklichkeiten / nützt kein Scharfsinn; / nur Weisheit des Traums, / Leichtigkeit/ und Fledermausklugheit.“ (1999) Die intensive Nähe zum Tod als dem selbstverständlichen Wegbegleiter des Lebens ist substantieller Bestandteil ihres Werkes: Die Jedermann-Geschichte vom Herrn Charon (1977), der sich als freundlich-geduldiger, nebenan wohnender und immer bereiter mythischer Fährmann über den Styx in die Totenwelt entpuppt, ist ein deutlicher Fingerzeig. Die einfach scheinende Erzählung ist eine parabelhafte Lebensreise, zwischen Wachsein und Traum angesiedelt. Am Ende lächelt Charon über den endlich glücklich Angekommenen. An anderer Stelle steht die Frage: „Warum legst du die Ruder ein, / Fährmann, / warum ziehst du das Boot an Land?“ (Zwischen Rose, Chimäre und Stern 1996)

Catarina Carsten wusste auch um das geschwisterliche Hand-in-Hand von Melancholie und Euphorie (z. B. „Sommerschlußverkauf“. Meine Hoffnung hat Niederlagen 1988) als polare, dialektisch natürliche Ausdrucksformen des Lebens, geborgen letztlich aber im „alten Gesetz“, dem „blühenden Rund schützender Ordnung“, wie es in einem ihrer, der Erinnerung an Martin Buber geschuldeten Gedichte heißt. (Nicht zu den Siegern 1994) Senecas Aphorismus von der Kunst des lebenslangen Leben- und Sterbenlernens steht nicht nur als Motto über einem Kapitel eines ihrer Gedichtbände, sondern auch in einer ihrer Erzählungen. Carsten weiß um die vielfältigen „Schrecken der Hölle“, wozu ein Tag reichlich genug Zeit biete (nach Ludwig Wittgenstein) – sie kennt deren Erscheinungsformen und weiß sie in vielem wiederzuerkennen, genauso wie sie die Zeichen des Lebendigen beschwört und um jene inneren und kosmischen Kräfte weiß, die ein geglücktes Leben ermöglichen. Ein ganzes Kapitel widmet sie in ihrem Gedichtband Nicht zu den Siegern (1994) den vielfältigen Schrecken des Tages, aber es wäre nicht Carsten, würden nicht dem Leidenden, Trauernden, Verzweifelten, dem „Verpuppten“, „Zusammengeschlagenen“, Todgeweihten, Einsamen, dem Gewissensgepeinigten und auf vielfältige Weise Gefolterten Genesung und Erlösung zugesprochen: „Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume?“ (Günter Eich)


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