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Weisheit des Traums, Leichtigkeit und Fledermausklugheit

Zur Erinnerung an Catarina Carsten und ihr Werk

Carstens besondere Zuneigung galt Kindern – sie wusste in ihre Seelen zu schauen: Das Beste von der Welt. Kindergeschichten für Erwachsene (1998) ist dafür ein beredtes Zeugnis. Kinder-Weisheitsmund – dem alltäglichen Leben abgelauscht, aufgezeichnet, erinnert und mitgeteilt in einer Sammlung von fast 70 Geschichten und Anekdoten. Erzählerische Petitessen mit Tiefgang sind das – zum Nachdenken und Erschrecken, zum Lachen und Schmunzeln. Ihrem Buch hat sie ein Motto mit dem „kindlichen“ Titel „Hopsa“ vorangestellt: Von tempelhüpfenden Kindern ist da die Rede, die das Straßenpflaster mit Kreidestrichen in „la vie“- und „la mort“-Felder eingeteilt haben und diese „geschickt zwischen Leben und Tod“ durchhüpfen. „Seit jeher scheinen die Kinder zu wissen, was auf dem Spiel steht“, lautet der lakonische Kommentar der Autorin. Es ist ihr ureigenstes Thema. Narren und Kinder, so heißt es ja, lehren uns die Wahrheit, dass das Große klein und das Kleine groß sein kann, das Harmlose gefährlich und das Bedrohliche stärkend.

© Otto Müller Verlag

Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit gehörte dem nicht-verbrauchten Wort: „Das Wort ist ausgewandert in die Wüste. Was es zurückgelassen hat ist Schrei und Schweigen. Wer beides nicht erträgt, der muß ihm nachgehn, bis er verdurstet oder Wasser findet“, so sagt sie in einem ihrer Gedichte. Dementsprechend sind Gedichte für sie Orientierungs-Kompasse in der komplexen Wirklichkeit (nach Günter Eich), sie sind „zur Ruhe gekommene Unruhe“ (nach Reiner Kunze), gefasst in eine Form, die das Ergebnis mühevoller Spracharbeit ist, oft aber auch ein ihr zugefallenes Glück eines goldenen Wortes, dessen „Boden [ausgetreten ist] von jahrhundertelanger Benützung.“ (Meine Hoffnung hat Niederlagen 1988). Carsten hatte ein sehr behutsames, vielleicht sogar asketisches Verhältnis zur Sprache – gerade wegen ihrer Überzeugung, daß das, was uns „zu sagen bleibt […]/unter dem Himmel/noch immer ein Rest“ sei und aus Liebe gesprochen werden müsse, obwohl uns „für das Schönste und Schrecklichste/[…] der Engel/die Lippen versiegelt“ habe. (Nicht zu den Siegern 1994)

Etwa 30 Jahre lang durfte ich Catarina Carsten als meine Nachbarin erleben. Wer meinte, hier hätte eine einsam in ihrer Subjektivität verwobene und vom Getriebe der Welt und des Lebens abgeschnittene Künstlerin und Intellektuelle gelebt, irrt. 1995 bat man sie, anlässlich einer sogenannten Jungbürgerfeier die Festrede zu halten. Sie gab ihr den programmatischen Titel Leben Sie aufmerksam! Carsten appellierte damals an das Gerechtigkeits- und Verantwortungsgefühl, an Zivilcourage und lobte die Freude des Erkenntnisgewinns, sprach für die Pflege des Schönheitssinns und nicht zuletzt für eine Kultur geduldiger Friedensbereitschaft – „gegen die Infamien des Lebens“. Unwidersprochen blieben Carstens Aussagen damals nicht – das war zu erwarten gewesen. Wer aber verstehen wollte, verstand.

Zu einem reichen und sinnerfüllten Leben gehört noch etwas Entscheidendes, das viele Menschen als überflüssig bezeichnen. Ich meine Bücher, ich meine Musik, Theater, das, was man die schönen Künste nennt. […] Das alles ist kein Luxus, wie manche meinen. Es ist lebens-notwendig. Es macht uns reicher.

In ihren letzten Lebensjahrzehnten fand sie geistige Heimat und Geborgenheit im Benediktiner-Europakloster Gut Aich in St. Gilgen. Dort fand sie auch ihre letzte Ruhestätte.

Karl Müller, Salzburg


Auswahlbibliographie – Catarina Carsten:

  • Legenden. o. O.: J. W. Naumann Verlag o. J.
  • Morgen mache ich das Jüngste Gericht. Gedichte. Salzburg: Otto Müller 1975
  • Psychisch krank. Berichte einer Journalistin aus einer offenen Nervenklinik. Wien, Freiburg, Basel: Herder 1976
  • Herr Charon. Geschichten. Salzburg: Winter 1977
  • Was eine Frau im Frühling träumt. Alltag mit fliegender Feder notiert. Wien 1980
  • Sind Sie etwa auch frustriert? Freiburg: Herder 1981
  • Der Teufel an der Wand. Heitere Kindergeschichten für Erwachsene. Freiburg: Herder 1981
  • Der Fall Ottillinger. Eine Frau im Netz politischer Intrigen. Mit einem Nachwort von Eberhard Strohal. Wien, Freiburg, Basel: Herder 1983, (4. Aufl. 1984)
  • Wie Thomas ein zweites Mal sprechen lernte. Dr. Martin F. Schwartz und seine Arbeit mit Stotterern. Wien, Freiburg, Basel: Herder 1985
  • Das Tal vor meinem Fenster. Arbeitsbericht des 1. Marktschreibers von Rauris. Salzburg: Tauriska 1987
  • Meine Hoffnungen hat Niederlagen. Gedichte. Salzburg: Otto Müller 1988
  • Nicht zu den Siegern. Gedichte. Wien: Edition Doppelpunkt 1994
  • Wenn es am schönsten ist. Erzählungen. Wien: Edition Doppelpunkt 1995
  • Zwischen Rose, Chimäre und Stern. Gedichte. Wien: Edition Doppelpunkt 1996
  • Hungermusik. Ein autobiographisches Skizzenbuch ohne Ende. Wien: Edition Doppelpunkt 1997
  • Das Beste von der Welt. Kindergeschichten für Erwachsene. Wien: Edition Doppelpunkt 1998
  • Ich wünsche gute Feiertage. Geschichten für Weihnachten und andere Gelegenheiten. Eschbach/Markgräflerland: Verlag am Eschbach 1998
  • Im Labyrinth der tausend Wirklichkeiten. Gedichte. Wien: Edition Doppelpunkt 1999
  • Hör- und Fernsehspiele, Texte für Film und Fernsehen, Bühnenstücke, Rezensionen und Feuilletons, Märchen
  • Noch ist es Zeit. Engel, Marien und Heilige. Gedichte. Salzburg-Wien: Otto Müller 2007. Mit einem Umschlagbild und Illustrationen von Doris Pacher.
  • Dass nichts verloren geht. Eine Liebe. Salzburg: Otto Müller 2010

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