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von Fall zu Fall Fragen

Die Poesie einer fallenstellenden Sprache

Olalla Castro, geboren 1979 in Granada, erhebt ihre Stimme sehr selbstbewusst und schreibt in jeder Hinsicht überzeugende und sehr beeindruckende Gedichte. Es sind sehr bildstarke Gedichte, die der Brutalität der Welt und selbst dem Tod und den Toten direkt in die Augenhöhlen blicken. Ihre Gedichte entwickeln sich aus der Spannung zwischen Leben und Tod heraus, wobei wir den Schmerz umarmen sollten, da es der Schmerz ist, der uns Lebende von den Toten trennt. Das Gedicht ist der gerade noch lebende und wild um sich schlagende Fisch am Angelhaken. Und es war die Dichterin selbst gewesen, die zuvor den größten Wurm auf den Angelhaken gespießt hat, um dann geduldig zu warten:

Ich ernähre mich vom Tod:
benutze ihn als Köder,
um mehr Tod auf meinen Teller zu locken.

Bereits der Titel Wir Frauen im Hinterhof eines sehr großen Hauses verrät uns, dass die Gedichte ganz dezidiert aus einer weiblichen Perspektive heraus geschrieben sind und feministische Anliegen vertreten. Die Botschaften, die in den Gedichten transportiert werden gehen dabei aber nie auf Kosten der Form, sondern bilden mit dieser eine exakt austarierte Einheit und vermögen es daher, mit ungeheurer Wucht und Präzision zu treffen.

Für Olalla Castro bedeutet schreiben, den Fußspuren der anderen Frauen, die vor ihr kamen und sich und nachfolgenden Autorinnen einen Weg gebahnt haben, nachzuspüren. Wenn Olalla Castro den Fußspuren in umgekehrter Richtung zu den Anfängen folgt, dann deswegen, um zu einem unbefangeneren Stadium der Sprache zurückzukehren und damit die Sprache und das Sprechen zu erneuern. 

Damit Sagen wieder zu einem
Zeigen mit der Zunge wird,
zu einem Schnuppern an den Dingen

Wir Frauen im Hinterhof eines sehr großen Hauses ist ein ungemein vielschichtiger, tiefgründiger hochroth-Band, der sehr viel Stoff für wiederholte und eingehende Lektüre bietet. Das nun folgende Interview möchte diese Vielschichtigkeit aufzeigen und zugleich neugierig auf die Gedichte von Olalla Castro machen, die ich als ihre Übersetzerin nur empfehlen kann.


Interview mit Olalla Castra

Über den Gedichtband Nosotras, en el patio de atrás de una casa muy grande (Ü: Wir Frauen im Hinterhof eines sehr großen Hauses) von Olalla Castro (Aus dem Spanischen von Astrid Nischkauer, hochroth Heidelberg, 2020). Das Interview wurde auf Spanisch geführt und von Astrid Nischkauer übersetzt.

I.

Astrid Nischkauer: Einige der Gedichte vertreten einen feministischen Standpunkt. Können Gedichte die Welt verändern? Wollen Gedichte die Welt verändern?

Olalla Castra: Die Literatur, die ich liebe, entspringt aus der Unbehaglichkeit (ich denke da an Dickinson, an Woolf, an Duras, an Plath) und bereitet Unbehagen. Die Welt ist die meiste Zeit beunruhigend und unmenschlich; ihre Logik stützt sich auf grausame Beziehungen von Ausbeutung und Unterdrückung. Eine Poesie, welche diese Gestalt ignoriert, die die Welt annimmt, spielt eindeutig mit der Macht. Der Blick, der sich nicht schmutzig machen möchte, interessiert mich nicht, sondern der, welcher den Fleck, der wir sind, ins Auge fasst und versucht, ihn zu beschreiben. Die Poesie, die mich interessiert ist vor allem ein Zeigefinger. Innerhalb dieses Walfischbauches, der die Sprache ist, versuche ich ein Streichholz anzuzünden, dank dem die Bestie, die uns alle enthält, sichtbar wird und benannt werden kann. Es versteht sich von selbst, dass dieses Benennen alleine die Bestie nicht vernichtet, aber uns ihr Wesen besser verstehen und ihre Dimensionen ausmessen lässt, eine Notwendigkeit um kollektiven Widerstand zu organisieren, der sie harpunieren, der die Welt verändern könnte.

II.

Kehren wir zu den Anfängen und ihrem Gesang zurück.
Streichen wir die Grammatik
und versuchen wir nochmals etwas zu sagen.
So wie noch nie.

Braucht es eine neue Sprache? Eine neue Sprache, die wir dank der Poesie finden können?

Ich sehe es weniger als einen Schritt nach vorn um Neues zu suchen, sondern als ein Zurückverfolgen unserer Fußspuren, um die Geschichte der Sprache neu beginnen zu lassen mit dem Ziel, zu einem vorhergehenden Stadium zurückzukehren, in welchem die Worte noch nicht so sehr mit der Ideologie der Macht imprägniert waren. Zurückzukehren zu einem Moment, in dem die Sprache wieder Fluchtpunkt sein kann, sich noch in alle Richtungen öffnet, benennt, ohne sich vom Benannten zu entfernen, das Lebendige zeigt, ohne es sezieren zu müssen. Diese Sprache, die fähig ist, mit ihrem Sagen die Welt weiter zu machen, ist jene, die ich in der Poesie suche. Für mich zielt das Gedicht auf das Namenlose ab und der Faden, den es verwebt, ist ein Weg um das zu erreichen, was früher außerhalb der Sprache lag, das zu sagen, was bislang noch keine Worte kannte. Damit wendet sich Poesie einer fallenstellenden Sprache zu, die nach Namen sucht um einen Durchgang durchs Geäst zu finden.

III.

Auf der einen Seite wird die Vergangenheit in den Gedichten lebendig. Auf der anderen Seite sind Vergänglichkeit und Tod sehr wichtig in den Gedichten. Entsteht die Poesie zwischen Vergangenheit und Vergänglichkeit?

Die Zeit ist immer zugleich Horizont und Grenze, sagte schon Heidegger. Ich denke, dass meine Poesie sich, mehr als aus der Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, aus der Spannung zwischen Leben und Tod entwickelt. Im Zentrum dieser Spannung ist der Schmerz, der als eine Art Scharnier fungiert. Duras sagte, schreiben bedeutet „lautlos aufzujaulen“. In gewisser Hinsicht steuert mein Schreiben immer auf den Schlag zu, auf die Angst, auf die Verletzung. Ich bin fest davon überzeugt, dass man den Schmerz durchqueren muss, um das, was schillert, zu erreichen. Man muss die Wunde betrachten und den Finger in sie legen: nur in ihrer Mitte gedeiht die Wahrheit. Es geht darum, das Schreckliche zu beleuchten, die Verletzung zu zeigen. Der Schmerz, die Krankheit, als Ankündigung des Todes, der uns ereilen wird, ist zugleich das einzige, das uns von diesem Tod trennt (nur der lebende Körper kann schmerzen), die Grenzlinie, die uns erlaubt zu leben. Dank des Schmerzes können wir feiern, dass wir noch nicht die Toten sind, auf denen die anderen tanzen.


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