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Nur kein Gefühl aufkommen lassen!

© Rowohlt Verlag

An Hans Joachim Schädlich haben wir den Sparmeister der neuen deutschen Literatur. Kein Wort zu viel, keine Einmischung eines deutenden Verfassers, keine Handreichungen an ein Publikum, das sanft durch das 20. Jahrhundert geleitet werden will. Alles ist auf Verknappung angelegt. Die Sätze wirken in ihrer Schroffheit gedrängt, so wie aus ihnen Informationen abgepresst werden. Auf schmückendes Beiwerk wie Adjektive wird weitgehend verzichtet. Das bedeutet, dass jedem Satz Gewicht zukommt, denn hat es einer ins Buch geschafft, ist er von Belang. Die großen zeitgeschichtlichen Stoffe bieten sich an für Fabulierer, um ausgekostet zu werden, damit wir von Schicksalen in tragischen Zeiten mitgerissen werden. Das ergibt dann Literatur, der bescheinigt wird, dass sie mit Empathie den Geplagten der jüngeren Vergangenheit begegnet. Nichts davon finden wir bei Hans Joachim Schädlich, der peinlich genau darauf achtet, uns nicht in Gefühlen des Mitleids und der Trauer abdriften zu lassen.

Dabei wird die Familie Kramer im Vogtland arg gebeutelt. Sie steht das 20. Jahrhundert durch, was Nationalsozialismus, Krieg und das anschließende Aufgehen der Region in den sowjetischen Einflussbereich bedeutet. Dass die Jahre hart sind, steht außer Frage, nur staucht Schädlich alle Ansätze, Gefühle zu mobilisieren, schon im Ansatz zusammen. Literatur ist ihm eine rationale Angelegenheit, und Geschichte muss verstanden, nicht durchfühlt werden. Das ist der Schädlichsche Imperativ. Emotionen stören nur, weil sie sich über den Verstand hinwegsetzen und eine Scheinnähe entstehen lassen. „Versuchte Nähe“ hieß das literarische Debüt dieses Verfassers aus dem Jahr 1977, der stets darauf bedacht war, zuviel Nähe nie aufkommen zu lassen. Das hat mit der Angst vor der Vereinnahmung zu tun, von der einer mit DDR Vergangenheit zu erzählen weiß. Schädlich wurde, nachdem er 1976 die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR unterzeichnet hatte, aus der Akademie der Wissenschaften ausgeschlossen und schikaniert.

Über die Vergangenheit zu schreiben birgt die Gefahr, die Distanz zu verlieren, wenn jemand Figuren porträtiert, an denen er selbst zu sehr
hängt. Dann meint der Zeitgenosse von heute, den Leuten von damals kumpelhaft auf die Schulter klopfen zu dürfen, weil er deren Miseren so gut kennt, indem er sie an den eigenen misst. Schädlichs Literatur ist eine rigorose Veranstaltung zur Vertreibung des Kitsches. Nur das Notwendige also, ein karges Erzählen, niemals das Ausmalen von markanten Szenen. Damit steht Schädlich in der Nachfolge der Moderne, die dem Realismus des 19. Jahrhunderts den Kampf ansagte. Plastische Charaktere zum Anfassen werden durch die Abstraktion von Menschen ersetzt.

Hans Kramer, seine Frau Elisabeth und deren vier Kinder bleiben schemenhaft in ihrer Charakterisierung. Wir erfahren wenig von ihrer Art zu denken, zu fühlen, schon gar nicht wissen wir, wie sie aussehen. Sie agieren auf dem Schachbrett ihrer Möglichkeiten und kommentieren das nicht. Schädlich verbannt Psychologie aus seinem Schreiben. So bleibt das Handeln seiner literarischen Figuren rätselhaft. Statt sie schlüssig nach in ihnen waltenden Motiven und Interessen agieren und sie ihr Tun rechtfertigen zu lassen, sind sie Teil einer Geschichtsmaschine, die sie zurichtet. Es ist gleich, was ihre Individualität ausmacht, sie agieren auf dem Hintergrund einer Geschichte, die ihnen wenig Spielraum lässt. Sie stehen für Prototypen, nicht für Individuen ein. Nehmen wir Hans Kramer. Früh schließt er sich den Nazis an, und das obwohl er doch „´n kleiner Itzig“, ein Jude, sein soll. Lange trägt er mit, was von der Partei verlangt wird, Zweifel kommen ihm erst, als der Angriff auf die Sowjetunion gestartet wird. „Müssen wir jetzt Angst haben?“, fragt seine Frau. „Jetzt müssen wir Angst haben“, antwortet er. So gepresst sehen Dialoge bei Schädlich aus. Hineinsehen kann man in solche Gesprächspartner nicht. Bei Schädlich haben sie kein Wunsch-, Traum oder Fantasie-Ich, sie stecken tief in ihrer Realität, die sie beackern.

Schädlichs Literatur immunisiert gegen Macht. Sie lässt uns teilhaben an Menschen, die in den Mahlstrom der Geschichte gezogen werden. Das tut ihnen nicht gut.

Anton Thuswaldner, Salzburg


Die Villa von Hans Joachim Schädlich ist im Rowohlt Verlag erschienen.

Bitte kaufen Sie Bücher in Ihrer lokalen Buchhandlung.


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