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auf alle Fälle Texte

Heiss und eisig

Wir schauten in Richtung Norden, vor uns lag eine hügelige Landschaft, ein weites grünes Hügelgebiet, von unserer Aussichtsplattform aus (im Norden Ungarns) war in einer Senke die Donau zu erahnen, und meine Mutter zeigte mit beiden Armen auf eine langgestreckte Linie, wo der Eiserne Vorhang zu sehen war. Ich sah ihn nicht. Im Norden liegt die Tschechoslowakei (so war es damals) dann folgt der Eiserne Vorhang, und hier stehen wir, sagte meine Mutter. Nach einer Weile gab sie das Zeigen auf und drehte mir den Rücken zu.

Damals war ich etwa sieben Jahre alt, und kurz nach dem Ausflug ins Grüne saß ich in der Oper, wo ich den erschütternden Don Giovanni kennenlernte. Erst stand er stolz auf der Bühne, dann öffnete sich der Boden, Flammen schlugen in die Höhe, und mit einem lauten Schrei stürzte der Don ins Feuermeer, womit die Oper beendet war. Dieser Mann, ein Frevler, hatte seine Fehler, das verstand ich, aber wie er (in der damaligen unvergesslichen Inszenierung) vom Feuer verschlungen wurde, war schwer zu ertragen. Nach dem Höllenfeuer senkte sich der Eiserne Vorhang, und da wusste ich, was ein solcher Vorhang ist. Eine erschütternde Angelegenheit, allerdings ein Schutz gegen die Feuergefahr, zudem die Trennung zwischen Gut und Böse.

Etwa gleichzeitig habe ich einen weiteren bemerkenswerten Mann kennengelernt, ebenfalls auf der Bühne. Dieser Mann, ein fröhlicher Soldat, ein Husar, stand in der sommerlichen Sonne vor einer schlichten, hölzernen Grenzschranke, die hoch- und niedergeklappt werden konnte, und jenseits der Schranke lag Russland in Schnee und Eiseskälte. Die Grenzwächter trugen dicke Fellmützen. Stumm schauten sie in die sommerliche Gegend hinüber, zum singenden Husar Háry János, dem Titelhelden des Singspiels, beziehungsweise der Kinderoper des ungarischen Komponisten Zoltán Kodály.

So habe ich geballte Früherfahrungen mit der Eiseskälte hinter Grenzbäumen und dem Eisernen Vorhang, und als ich wenige Jahre später auf dem langen, stillen, schlammigen Weg aus Ungarn nach Österreich gelangte, kam nichts Erhellendes hinzu. Wir waren nachts unterwegs, wollten in keinerlei Vorhänge hineinlaufen und von Schranken nichts wissen.

Nach wie vor habe ich einen eisernen Respekt vor Schlagbäumen, selbst bei manchen Einfahrten zu den Parkhäusern. Außerdem habe ich Vorbehalte Zöllnern gegenüber, beinahe fürchte ich sie, schleppe ständig etwas Unerlaubtes mit, was die mit den Grenzen verknüpften Leute wittern könnten. Wobei es kaum jemanden gibt, der nichts Verwerfliches mitschleppt, nur ist das ein anderes Thema. Aber die Zöllner, unter denen es freundliche, verständige und im positiven Sinn neugierige Leute geben mag, stehen mit ihrer Gestalt für die Grenzen selbst, für die Grenzgefahren. Sie sind wandernde Grenzpflöcke, und wuchtig sind sie, wenn sie in fahrenden Zügen auftauchen oder die Autofahrer auf Nebenstraßen abzufangen versuchen. Gehorsame wuchtige Grenzwächter. Allein schon der Schritt, wenn sie sich einem nähern!

Mal tauchen sie überraschend auf, mal stehen sie gut gesichert an ihren Grenzposten, an Grenzstellen in den unterschiedlichsten Ländern, und von Land zu Land ist es ihnen wohl unterschiedlich zumute, sie alle haben nicht überall die gleiche innere Verfassung und /kein einheitliches Lebensgefühl oder Selbstvertrauen, aber sie alle sind Zöllner mit gewissen Rechten, sie selbst sind wandernde Grenzen, damit untereinander doch ähnlich, und Vorbehalte gegen sie habe ich, weil sie grundsätzlich Unrechtmäßigkeiten vermuten oder sogar voraussetzen, anstatt einem hilfsbereit entgegenzukommen.

Durch ihren Auftritt an unerwarteten Orten innerhalb ihres Territoriums, das sie verteidigen, verändern sie den Grenzverlauf. Ständig verändern sie die Gesamtlinie der Grenzen, weil jederzeit mehrere Beamte an mehreren Orten auftauchen, so dass die Linien wanken, die Ränder oder die Außenhaut der jeweiligen Gebiete (Staatsgebiete) verändern sich, ähnlich wie Amöben ihre Gestalt endlos umformen. Dank der Zöllner sind die Grenzen ein Gummiband, daher nicht wirklich fassbar. Am besten sollte man die Situation mit den Uniformierten und wie sie mitsamt ihren Grenzen hin und her schreiten, auf der Bühne darstellen, und hat man sie lang genug betrachtet, fällt der Eiserne Vorhang.

Einmal habe ich die Veränderung der Grenzlinien als eine Art Gleisverlegung wahrgenommen. Der Abbau der Grenzen zwischen Deutschland und Deutschland und die neu entstandenen Absperrungen in den ehemaligen jugoslawischen Ländern (das Baltikum sollte nicht unerwähnt bleiben) war eine solche Verlegung. Die eisernen Schienen, die sich an einem Ort plötzlich als störend erwiesen, wurden an anderen Stellen installiert, zwischen den slawischen Ländern im Süden. Aus heutiger Sicht könnten die damaligen Verlegungen als nachhaltiger Umgang mit den Materialien bewertet werden, falls es sich bei der Umfunktionierung tatsächlich um eisernes, stählernes Gleismaterial gehandelt hatte, was nicht der Fall war.

Entsperrungen, einschüchternde Absperrungen, nicht recht fassbare Inszenierungen.

Um auf die Zöllner zurückzukommen, befremdet es mich, dass mir bei meinen jeweiligen Einreisen kein Grenzmann und keine Grenzfrau je eine Orientierungshilfe angeboten hat. Aufmerksame Grenzbeamte könnten von sich aus auf landeseigene Eigenschaften hinweisen, sie könnten eingrenzen,  welche /Lebensgefühle unerwünscht und welche willkommen sind, denn trotz weltweiter Vernetzung und Verbundenheit haben einzelne Regionen durchaus ihre eigene innere Verfassung, und sie haben unausgesprochene Abmachungen in Punkto Gemütsregungen, so dass es gut wäre, den Einreisenden gleich am Schlagbaum, wo manchmal Gebührenlisten und andere Vorschriften ausgehändigt werden, ein landeseigenes Witzpaket zu überreichen, um mit diesem Paket die eigenen Witzgewohnten zu ersetzen.

Einmal hatte ich die Einreise nach Rumänien ohne Umstände geschafft, der Schlagbaum hatte sich hinter mir ruhig gesenkt, die Wetterbedingungen waren diesseits und jenseits der Grenze dieselben, aber nach einigen Kilometern wurde ich von einem Uniformierten mit der roten Kelle angehalten. Er wollte Zigaretten haben. Das ist kein Witz. Andererseits haben Grenzen ohnehin ihren nicht ehrlichen, unanständigen, natürlichen Witz.

Zsuzsanna Gahse, Müllheim, Schweiz, 3.9.2021


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