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auf alle Fälle Texte

Egofile 0.1

Im Jänner und Februar, beim Lesen von „Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers“ habe ich mich – spielerisch und zugleich mit dem Gefühl, dass etwas überfällig wäre –, gefragt, wer „Die Welt von Gestern 2.0“ verfassen müsste, wohl am ehesten Autoren und Autorinnen aller Kontinente.

Wien, 2020

Am 7. März höre ich in der Ö1-Sendung Diagonal einen Beitrag über den Filmemacher und Künstler John Akomfrah. Die Absage der Leipziger Buchmesse vier Tage zuvor war ein harter Schlag, aber noch scheint eins mit dem anderen nichts zu tun zu haben: Deutschland ist in weiter Ferne und Österreich mein Container. Akomfrahs Videoinstallationen sind seit 21. Februar in der Wiener Secession zu sehen und sollen bis 21. Juni laufen. Die Buchvorstellung am 20. März in Wien soll meine Feier sein, wir sind zu dritt und dabei, das Rohkonzept abzustimmen. Akomfrah geht mir nicht aus dem Kopf und das, was seit Dezember in mir aufmuckt, hat mittlerweile einen eigenen Ordner, MyMess heißt er. Widerstrebend höre ich die Sendung mehrmals nach – wer oder was zwingt mich eigentlich? –, kopiere Tage später den Moderationstext: „Die Geschichte seiner (Akomfrahs) persönlichen Emigration, eines Fünfjährigen, der mit seiner Mutter aus Ghana flieht und seit über fünfzig Jahren im Vereinten Königreich lebt, ist jeder Begegnung des Filmemachers und Künstlers eingeschrieben. Akomfrah selbst dient nicht zuletzt seine eigene Geschichte dazu, klare Worte zur aktuellen Migrationsdebatte zu finden. (…) Seit seiner Kindheit lebt Akomfrah in London. Afrika könnte ihm also egal sein; doch wo auch immer er seine Filme zeigt, stellt man ihn vor als ‚John Akomfrah, geboren in Accra, lebt in London‘ oder ‚lebt in London, geboren in Accra.‘“ Erst am Tag vor Ablauf der Sendung transkribiere ich Akomfrahs O-Ton dazu: „Wie auch immer man das formuliert, dem Unterton und der Implikation darin kann man nicht entkommen. Darin steckt etwas Unausweichliches, erstens: dass dein Status vorübergehend ist, entweder, weil du gerade erst angekommen bist, oder weil du zwischen den Orten bist, zwischen zwei Welten lebst und so weiter und so fort. In meinem Fall ist das sehr seltsam, weil ich, seitdem ich fünf Jahre alt bin, in London lebe und ich mehr Einblick in die britische als in die ghanaische Gesellschaft habe. Nichtsdestotrotz, es gibt immer die Annahme, dass ich von irgendwoher komme. Wenn man wirklich zynisch sein will, ist es nur logisch anzunehmen, dass, weil ich ja von irgendwoher komme, ich auch irgendwohin zurückgeschickt werden könnte. Und das passiert mehr und mehr, vor allem in England.“ Ob Akomfrah britischer Staatsangehöriger ist, geht aus all dem nicht hervor. Ich nehme es einfach an, so wie andere von mir annehmen, ich sei österreichische Staatsangehörige (oder eben nicht), während ich annehme, dass meine Herkunftszeile, indem sie den Dokumentstatus ausspart, das Eigentliche sagt. John Akomfrah spricht nicht über seinen Dokumentstatus, weil er am Selbstverständnis und der Seltsamkeit nichts ändert. Unsere Lebensläufe sind nicht vergleichbar, aber indem ich Akomfrah über seine Herkunftszeile reden höre, verstehe ich meine eigene Immer-schon-Unsicherheit: In Wahrheit lebe ich bis heute mit der Vorsicht der Fremden und der Frage, ob ich wirklich tun und sagen darf, was ich will und denke.

Neben dem für mein Selbstverständnis unwesentlichen Dokumentstatus spart meine Herkunftszeile auch meinen zweiten Herkunftsort aus, der viel wesentlicher ist als der erste. Laut Schulnachricht 1969/70 bin ich seit September 1968 Volksschülerin (in Frankfurt) und seit November 1969 an der Volksschule in Stockerau. Die Reihung der Gegenstände auf dem Stockerauer Zeugnisvordruck fängt mit Betragen, Fleiß, Religion und Heimatkunde an, erst dann kommen Deutsch, Lesen, Rechnen usw. Im Mai 1980 maturiere ich am örtlichen Bundes- & Bundesrealgymnasium.

Zur Immer-schon-Unsicherheit kommt spät auch die Unsicherheit der Autorin: Darf ich zu Literatur und Land den Mund aufmachen? Im Online-Archiv der erwähnten Tageszeitung lese ich in einem Birgit-Birnbacher-Porträt vom Juni 2019: „Dass sie literarisches Schreiben nicht studiert und ‚auch keine Ahnung von Germanistik oder Literaturwissenschaft‘ hat, sieht Birnbacher als Nachteil. ‚Für mich geht es dabei also immer um persönliche Möglichkeiten, den persönlichen Rahmen von dem, was möglich ist. An einen Text habe ich schon den Anspruch, dass er während des Entstehungsprozesses in meinem Denken und Vorankommen als Mensch etwas verändert. Wenn es weh tut und mühselig ist, ist das meistens ein gutes Zeichen. Wenn es nur leicht geht, hat jedenfalls irgendwas nicht gestimmt.‘“

Wien, 2020

Praktisch über Nacht leben wir nur noch im Netz, auch der Literaturbetrieb bemüht sich um neue Formate. Nach Jahren allein mit einem Text ist eine Lesung an sich schon eine Ausnahmesituation, ein Sich-Aussetzen, aber Verzicht ist keine Option. Lohn der Angst ist die Teilhabe, die Hoffnung auf Verbindung zur Welt. In der die Welt umspannenden Ausnahmesituation ist die einzige Möglichkeit zur Teilhabe digital, für immer abrufbar und viel zu oft ohne Chance auf Korrektur und Wiederholung. Das Netz vergisst nicht, plötzlich existieren wir nur noch dort. Mitmachen oder nicht als Frage von Tod oder Leben? Das soziale Leben impliziert den sozialen Tod, also schreibe und spreche ich den ersten kurzen Radiobeitrag meines Lebens, ringe in einem Interview auf Augenhöhe mit meiner Webcam um Worte oder fertige ein Video zum Thema Keine Angst an.

Am 7. April freue ich mich über ein Mail aus dem Literaturhaus Salzburg: „Literatur für den Fall ist eine unmittelbare Reaktion auf die veranstaltungsfreie Corona-Zeit, soll aber auch darüber hinaus weiterbestehen. Literatur für den Fall möchte ein Forum sein, das den Leserinnen und Lesern die Begegnung mit Autorinnen und Autoren abseits des Lesungsevents ermöglicht, das zu Lektüren inspiriert oder zum Entdecken dessen, was Literatur sein kann und will. Könnten Sie sich vorstellen, uns einen literarischen Beitrag zur Verfügung zu stellen?“ Kein Problem, denke ich mir wie so oft, und dass ich sicher nichts zur C-Situation schreibe. Was ich schreiben werde, weiß ich nicht. Ich sollte es besser wissen: Ich bin nicht der Typ für kurze Texte in für meine Verhältnisse kurzer Zeit, kaue Jahre an meinen Absätzen, den Brocken. Nur war ich auch nicht der Typ für Webcam-Gespräche, und ein Ausnahmezustand bedarf neuer Überlebenstechniken. Leider muss ich wenige Tage vor Abgabe nach Salzburg schreiben: „Außer Themen, die ich vermeide, bis es nicht mehr geht, scheine ich keine zu finden: Bestünde die Möglichkeit, mir noch etwas Zeit einzuräumen?“

In ihrem im Februar publizierten Text Interglazial hält die (österreichische) Autorin Laura Freudenthaler eingangs fest: „Ich will nicht aus meinem Innen berichten, dachte ich und merkte mir das für später. Von diesem Satz sei auszugehen, dachte ich und wiederholte ihn, um ihn in mein Heft zu schreiben. Ich will nicht aus meinem Innen berichten, schreibe ich (…).“ Der als neun Tagebucheinträge über drei Monate strukturierte, achteinhalb Druckseiten umfassende Text schließt mit den Sätzen: „An der Selbstbezogenheit ist im Grunde nichts zu ändern, solange ich nicht aufhöre. Ich will nicht aus meinem Innen berichten und muss möglicherweise genau das tun.“

Wien, 2020

Eine Woche Aufschub, und etwas anderes als das hier tut sich nicht auf. Ich trage fremde Textstellen zusammen, die sagen, was ich meine, und scheitere an den eigenen, kann unmöglich meine Herkunft und Befindlichkeit zum Thema machen. Ich lache über mich, bevor es jemand anderer tut, kenne keine mit Herkunft einhergehende Ausgrenzung, nicht einmal das sattsam bekannt gespannte Verhältnis zwischen Lebensland und Geburtsland hat mich je betroffen.

Als Bruno Kreisky vor genau fünfzig Jahren österreichischer Bundeskanzler wurde, konnten sich im neuen gesellschaftlichen Klima auch Nichtstaatsbürgerinnen und -staatsbürger wohlfühlen. Meine Eltern haben sich nach Ablauf der Mindestaufenthaltsdauer mit den Modalitäten der Einbürgerung befasst und befunden, dass das zu dritt zu teuer käme, vor allem aber viel zu kompliziert und nicht unbedingt notwendig sei. Das Vorhaben wurde vertagt und nicht wieder aufgenommen, um den Preis des Verzichts auf demokratische Teilhabe. Dieser Verzicht konnte nur als verschmerzbar eingestuft werden, weil (uns) scheinbar nichts passieren konnte, weil nie wieder etwas passieren würde und Zivilisationsbrüche wie der ein Vierteljahrhundert zurückliegende ein für alle Mal denkunmöglich schienen.

Wien, 2020

Im Jänner und Februar, beim Lesen von Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers habe ich mich – spielerisch und zugleich mit dem Gefühl, dass etwas überfällig wäre –, gefragt, wer Die Welt von Gestern 2.0 verfassen müsste, wohl am ehesten Autoren und Autorinnen aller Kontinente.

Am 10. März beginnt die österreichische Infektionskurve steil anzusteigen, eine Woche später Lockdown für alle Österreicherinnen und Österreicher. Applaus für die Helden und Heldinnen des Alltags und 18-Uhr-Konzerte, die Polizei ist mit ihren Streifenwagen und I am from Austria dabei. Ich selbst höre nichts, erfahre nur aus den Medien davon und weiß, dass mich gefröstelt hat. Die oben erwähnte Tageszeitung berichtet am 20. März: „Nun beteiligte sich auch die Polizei Wien an den 18-Uhr-Konzerten. Mit Rainhard Fendrichs ‚I am from Austria‘ über die Lautsprecher. Die Videos sorgen für Gänsehaut-Momente.“ Und weiter: „Herausfordernde Situationen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Seit in Italien um 18 Uhr aus den Fenstern und von den Balkonen gesungen wird, lassen auch die Österreicher ihre ‚inoffizielle Bundeshymne‘ erklingen (…)“

Wie es den Ausländern und Österreichern mit Migrationshintergrund dabei ging? Zusammen machen sie vierzig Prozent der Bevölkerung aus, und Gänsehaut ist nicht gleich Gänsehaut. Mir wurde wohl nicht zuletzt unheimlich, weil ich früher einfach nur witzig und charmant fand, dass die Austrian Airlines mich und die anderen Passagiere nach einer Landung in Schwechat mit I am from Austria beschallt haben. Schon als das Thema aufkam, wie viele Österreicherinnen und Österreicher mit Austrian Airlines aus dem Ausland heimzuholen wären, habe ich mich gefragt, welches Land mich eigentlich holen würde. (Ich unterscheide hier zwischen Logik und Gefühl.)

Ich weiß noch gut, dass ich mir zur Gründung der Europäischen Union dachte, die paar Jahre bis zu den Vereinigten Staaten von Europa sitze ich auch noch aus, dann hat sich mein mir fremdes deutsches Dokument erledigt.

Anstelle eines Weltkriegs toben heute Weltkrisen, Zivilisationsbrüche häufen sich. Das Blutvergießen ist regionaler geworden, von der Europäischen Union bleibt zu hoffen, dass sie nicht zerfällt. Im Extremfall entscheidet das Dokument über Leben und Tod. Extremfälle sind nicht mehr die Ausnahme, die Grenzen des Denkunmöglichen haben sich wieder zu verschieben begonnen —

Ich muss das Aufhäufen von Brocken hier abbrechen. Gehirnerschüttert und gleichgewichtsgestört, eigentlich ein vertrauter Zustand, nur habe ich bisher nicht versucht, ihn einzukreisen. Ohne Anlass hätte ich vielleicht nie angefangen. Wie so oft habe ich mich zunächst nur verschätzt und übernommen, doch allmählich hat sich mein Blick auf die zwei Lagen Unsicherheit – als Ausländerin und Autorin – zu verändern begonnen: Ich erkenne meine Uneindeutigkeit und Unsicherheit erstmals als notwendige Voraussetzungen für meine Vorhaben an.

Etwas ist in Bewegung gekommen, und ich bin sicher, dass der (österreichische) Autor Thomas Stangl recht hat: „Das Gegenteil ist genauso falsch.“


Bettina Gärtner hätte am 27. Mai 2020 aus dem Roman „Hermann“ (Literaturverlag Droschl) gelesen. Die Lesung wurde auf den 3. November 2020 verschoben, Bettina Gärtner und Elisabeth Klar werden im Literaturhaus Salzburg ihre aktuellen Romane vorstellen (Veranstalter: prolit, Literaturforum Leselampe).


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