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An den Balaton!

An den Balaton! Doch diesen Namen kenne ich noch nicht, ich sage Plattensee. Dort will ich hin in diesem Sommer 1983, denn ich habe nicht allzu viel Geld und noch weniger Zeit, aber immerhin ein Auto. Und ich muss dringend weg aus Salzburg, wo ich an der Universität als Studienassistent arbeite und mir vom Schreiben meiner Diplomarbeit schon der Kopf und vor allem der Rücken wehtut. Aber nach Caorle oder Bibione will ich auf keinen Fall, denn da fährt ja Krethi und Plethi hin, und so elitär muss man als Student der Geisteswissenschaften doch noch sein dürfen, dass man das verachtet und sich etwas Besseres ausdenkt. An den Plattensee zu fahren, auf diese Idee kommen die Salzburger wohl schon deshalb nicht, weil ihnen mulmig wird, wenn sie an ein kommunistisches Land denken. Auch mir war mulmig, als im Sommer 1974 im Pamhagen die Straße plötzlich in einem Niemandsland endete – einem verlockenden Niemandsland, wären da nicht der Grenzbalken und die Warnung vor Minen gewesen. Doch seit ich 1980 in Budapest war, weiß ich, wie einfach man an der Grenze ein Visum bekommt, während man es für eine Reise in die DDR oder in die Tschechoslowakei, wo ich auch schon war, wochenlang im Voraus beantragen muss.

Dazu kommt, dass Ungarn für mich eine magische Anziehungskraft hat, denn irgendwo hallen in mir die unverstandenen ungarischen Lieder meiner Großmutter aus der Kindheit wider – der Großmutter, die noch in der Habsburgermonarchie nach Budapest ging und dort ein gutes Jahrzehnt als Erzieherin in vornehmen Familien tätig war. Sie starb, als ich sieben war, und ich kannte sie nur, als sie schon blind, taub und halbseitig gelähmt war. Aber sie konnte noch erkennen, wann die Sonne schien, und da schmetterte sie der gebirgigen Dorflandschaft von Rußbach am Pass Gschütt im Salzburger Tennengau ihre ungarischen Lieder entgegen, die niemand verstand, die mir aber gerade deswegen in Erinnerung geblieben sind als Ausdruck ihres Lebenswillens.

Außerdem glimmt noch immer ein Stück ungarischer Landschaft in mir, seit ich in der Schule Adalbert Stifters Erzählung „Brigitta“ gelesen habe; die Handlung habe ich längst vergessen, aber eine vage Vorstellung der Pusztalandschaft hat sich in mir eingenistet, und natürlich glaube ich wie viele Österreicher, dass die Puszta gleich neben dem Plattensee liegt. Also nichts wie hin zu diesem See, der von Salzburg aus noch ein exotisches Reiseziel darstellt und auch für die Wiener erst Jahre später zum Hausmeisterstrand und zur Badewanne für den Billigtourismus werden wird.

Als ich einer Freundin von meinen Plänen erzähle, bringt sie mich mit ihrer Schwester zusammen, die auch dringend auf Urlaub fahren will, aber nicht weiß, wohin. Schnell werden wir handelseins, und schon bald fahren wir los: an den Balaton, an das Nordufer, einfach der Nase nach. Überall gibt es Zimmerangebote – wir wundern uns über so viel Privatwirtschaft in einem kommunistischen Land. In der Kleinstadt Badacsonytomaj finden wir ein Zimmer, das uns mit seinen Teppichen und dunklen Möbeln gefällt.

Doch plötzlich wird uns klar: Die Familie hat uns ihr eigenes Wohnzimmer vermietet, sie lebt während dieser Zeit zusammengedrängt im Rest des Häuschens. Wir schämen uns, dass wir es so schön haben hier und sie sich einschränken müssen. Doch da fällt mir wieder mein Kindheitsdorf Rußbach am Pass Gschütt ein und dass dort Menschen vor zwei Jahrzehnten den Sommer über in der Badewanne geschlafen haben, um ein Zimmer mehr an die sogenannten Sommerfrischler zu vermieten, damit sie einigermaßen über die Runden kamen und ihr Haus sanieren konnten. Da begreife ich, wie wichtig es für unsere Vermieter sein muss, etwas Geld zu verdienen. Also beschließen wir, unseren Aufenthalt auch für sie so angenehm wie möglich zu machen und ihnen unsere Dankbarkeit zu zeigen, dass wir hier sein können.

Langsam geht es auf den Abend zu, und nach der Reise sind wir sehr hungrig. Zur Feier unseres ersten Tages gehen wir in ein Restaurant, von dem aus wir auf den See und in die langsam untergehende Sonne schauen. Bei einer scharfen Fischsuppe, serviert von einem schnauzbärtigen Kellner, fühlen wir uns endlich in Ungarn angekommen und freuen uns, dass fast jeder hier Deutsch versteht, denn mir ist ja schon das Wort köszönöm zu schwierig, und keine Rede davon, dass ich wenigstens ein jó estét hervorbrächte. Als dann während des Essens eine Zigeunerkapelle an unseren Tisch kommt – ja, das Wort Zigeuner hat noch nichts Anrüchiges, und das Wort Roma kennen wir noch nicht –, da sind die Zigeuner mit dem Schmelz ihrer Musik für mich noch kein Klischee aus dem Bilderbuch, sondern die Beglaubigung, dass wir jetzt mitten im waschechten Ungarn sind, und der Himmel, an dem die Sonne wie für uns unterzugehen scheint, ist auch noch kein Postkarten-Himmel.

Für das erste Frühstück hat unsere Wirtsfamilie Salami und Käse vorbereitet, und eine violette Zwiebel – die erste, die ich zu Gesicht bekomme und vorsichtig schäle; und unter der äußeren Schale entblättert sich ein tiefvioletter Glanz, von dem ich nicht loskomme. Schade, diese Zwiebel einfach aufzuessen. Außerdem habe ich noch nie eine rohe Zwiebel zum Frühstück gegessen. Doch ein vorsichtiger Versuch zeigt mir: Die violette Zwiebel ist nicht so beißend scharf wie diejenigen, die ich zwiebelfarben nenne, weil ich bislang keine andere kannte.

Es wird Zeit, endlich an den See zum Baden zu gehen. Ich bin kein guter Schwimmer und beruhigt, dass der See nicht tief ist; trotzdem schwimme ich nicht allzu weit hinaus. Danach tut es gut, auf dem Handtuch in der Sonne zu liegen. Immer ist es das Wasser, das mich zur Ruhe kommen lässt. Es wird guttun, jeden Tag hierherzukommen, nichts Großes zu unternehmen und nicht herumzufahren, einfach Sonne und See zu genießen. Und eine Kleinigkeit zu essen. Ich weiß noch nicht, was ein Langos ist, aber weil alle es essen, will ich es auch probieren. Dass dieses einfache Fladenbrot so gut schmecken kann – besonders wenn es mit einer glänzenden Knoblauchsoße bestrichen ist.

An den Abenden erkunde ich neugierig die Speisekarten. Die kalte Weichselsuppe, ihre Farbe und ihren Geschmack, kenne ich schon aus Budapest; auch paprikás csirke habe ich schon gegessen, nur das Wort kann ich nicht aussprechen. Doch ich weiß noch nicht, welche Beilage sich hinter dem Wort tarhonya verbirgt oder wie ein pörkölt schmeckt. Ich weiß noch nicht einmal, dass ein gulyás kein Gulasch ist.

Aber ich mag den Ausdruck Gulaschkommunismus, denn ich begreife noch nicht, dass er eine Diktatur als fröhlichste Baracke des Ostblocks verharmlost, und habe keine Ahnung von den Langzeitfolgen für die ungarische Gesellschaft und die Psyche der Menschen. Sie werden vielleicht gerade deswegen länger wirksam sein, weil diese Diktatur in den 1980er Jahren nicht mehr so brutal aufgezwungen erlebt wird wie in anderen Staaten des Warschauer Pakts.

Eines Abends spazieren wir durch den Ort, wollen sehen, wohin es uns verschlagen hat. Wir kommen zu einer Kirche, wie wir noch keine gesehen haben: Sie ist aus unendlich vielen kleinen Basaltsteinen gebaut, die aus dem Badacsony stammen, dem vulkanischen Tafelberg am Nordufer des Sees, wie in der Kirche zu lesen ist, die in den 1930er Jahren im neoromanischen Stil gebaut wurde. Die raue, kleinteilige Oberfläche ihrer Mauern und die vielen Farbschattierungen der Basaltsteine haben es mir angetan.

Ich bin froh, dass es sonst nicht viel zu besichtigen gibt, ich will Sonne und See die Gleichförmigkeit unserer wenigen Tage bestimmen lassen. Und freue mich auch, dass für uns alles so billig ist; einmal nicht aufs Geld schauen zu müssen, das ist vielleicht das schönste Urlaubsgefühl. Und dazu noch schönes Wetter. (Von Salzburg ist man viel Regen gewohnt.) Also jeden Tag ins Wasser!

Schneller als wir uns gewöhnen können an Sonne und See, naht schon der letzte Tag. Meine Gefährtin war noch nie in Budapest, also fahren wir hin. Mich freut der erneute Blick auf die Stadtszenerie, aber die Überraschung, die mir in Erinnerung bleiben wird, ist das Museum der Bildenden Künste. Ich habe ja nicht erwartet, hier so vielen Bildern von Velázquez zu begegnen, der mich vor sechs Jahren im Prado in seinen Bann gezogen hat. Velázquez ist es wert, dass wir lange bleiben und dann unterwegs im Auto übernachten müssen.

In Salzburg geht alles wieder seinen Gang, doch Velázquez bleibt mir; und Sonne und See. Unsere Tage am Balaton dauern fort als die leuchtende Insel dieses Sommers. Ich kann mir noch nicht vorstellen, dass ich auch nur ein Detail davon vergesse. Aber noch weniger, dass ich vierzig Jahre später darüber schreiben soll.


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