Kategorien
von Fall zu Fall Fragen

Das Gedicht selbst ist ein Raum

Nadja Küchenmeister im Gespräch mit Petra Nagenkögel über die lyrische Form als Rettung und über das Gedicht als Antwort auf die Flüchtigkeit des Daseins.

Was beinahe jedes deiner Gedichte tut: es schafft Raum. Zum einen sind da reale Orte, von Berlin über Bukarest bis Istanbul, dann sind da erinnerte Orte, Kindheitsorte, vielleicht auch Sehnsuchtsorte, und schließlich gibt es jene Räume, die nicht exakt zu vermessen sind, die Zwischenräume, die Verbindungen schaffen zwischen Nähe und Ferne, zwischen Gewesenem und Kommendem, zwischen Nicht mehr und Noch nicht, zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. Was bedeutet Raum für dich beim Schreiben?

Alles, was wir erinnern, binden wir an Räume. Das können begehbare Räume sein: Hotels, Züge, Büros oder Cafés. Das können aber auch innere Räume sein – Zustände, in denen man sich befand, Empfindungsräume. Für mein Schreiben unabdingbar ist, worauf ich auch im Leben nicht verzichten möchte: Bewegung. Die Bewegung hilft mir, ein Ereignis vom anderen zu scheiden. Die Gedichte nehmen Welt auf, wühlen Welt um. Bukarest schenkt mir andere Bilder als Istanbul, eine helle Aufregung im Innern kann einem Vers jenen Dreh geben, auf den es ankommt. Zudem sind Gedichte Möglichkeitsräume. Man schreibt ja nicht allein über das, was war – das ließe sich ohnehin nie exakt bestimmen. Das Gedicht selbst ist ein Raum mit einer eigenen Wirklichkeit. Und nicht zuletzt ist für mich wichtig: der Raum, den es zum Schreiben braucht. Ich muss Zeit haben. Und Ruhe. Ich muss allein sein.

Du bist 1981 geboren in Berlin, im damaligen Ostberlin, hineingeboren in eine Situation des Umbruchs und in zwei doch sehr unterschiedlichen politischen Systemen sozialisiert. Mir scheint, diese Erfahrung ist deiner Lyrik sehr stark eingeschrieben.

Durch das Schreiben der Gedichte habe ich dafür gesorgt, diesen Teil meines Lebens nicht zu verlieren.  Schon als Kind entwickelte ich ein historisches Bewusstsein für mein eigenes Leben, anhand von Fotos und Erzählungen – das ist nicht ungewöhnlich –, aber noch nicht für die Veränderungen und Brüche der Geschichte. Die Gedichte helfen mir, an etwas heranzukommen, das ich ohne diese fiktionalisierte Biographie womöglich für immer verloren hätte. Schreibend sieht man mehr. Der Raum, in dem ich einst gelebt habe, ist historisch geworden – das gilt zwar für jeden Menschen, aber die Grundpfeiler des Systems, in dem ich meine Kindheit verbrachte, sind weggebrochen. Ich bin von den Realien meiner Kindheit ausgegangen. Es ging mir nicht um die DDR an sich, ich wollte nichts nachweisen, nichts vorführen. Indem man zeigt, was war, zeigt man immer auch, was ist. Alles ist Verwandlung. Am Ende schaut man zurück und weiß: Das war ich. Ein Haufen zerbrochener Bilder, wie es bei T.S. Eliot heißt.

„Im Glasberg“ ist erschienen zu einem Zeitpunkt, an dem die Corona-Pandemie zum alles und alle bestimmenden Thema wurde. Was bedeutet das für das Buch?

Diese Frage wird sich wahrscheinlich erst mit einem gewissen Abstand beantworten lassen. Was sich sagen lässt: Wenn man über ein neues Buch nachdenkt, erinnert das an eine beginnende Verliebtheit. Das geht mit Aufregung einher, aber man ringt auch um den anderen, mal ist man hoffnungsvoll, dann wieder verunsichert. Mit dem Abschluss des Buches jedoch macht man die Sache offiziell, doch ist es nun, als könnten mein Buch und ich nicht beieinander sein. Die Beziehung zum fertigen Buch vertieft sich nicht, man verreist nicht, erlebt nichts miteinander. Ich möchte diesen Vergleich nicht überstrapazieren, aber: Ich muss in mir die Beziehung zu meinem eigenen Gedichtband aufrechterhalten, damit sie sich nicht verliert. Jedoch sind durch die Pandemie so viele Menschen existenziell getroffen, die eigene Traurigkeit verkleinert sich. Dennoch darf und sollte man sich daran erinnern dürfen, wie viel Zeit und Kraft einen das alles gekostet hat.  Man muss es in Relation setzen, aber man darf auch traurig sein. Und dann macht man eben weiter.


Die Gedichtbände „Im Glasberg“ (2020), „Unter dem Wacholder“ (2014) und „Alle Lichter“ (2010) sind im Verlag Schöffling & Co. erschienen.

Hören Sie Gedichte von Nadja Küchenmeiser, gelesen von der Autorin.


Beitrag teilen/drucken:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.