Kategorien
von Fall zu Fall Fragen

Das Gedicht selbst ist ein Raum

Nadja Küchenmeister im Gespräch mit Petra Nagenkögel über die lyrische Form als Rettung und über das Gedicht als Antwort auf die Flüchtigkeit des Daseins.

Nadja Küchenmeister im Gespräch mit Petra Nagenkögel

Hier können Sie Gedichte von Nadja Küchenmeister hören, gelesen von der Autorin.

Liebe Nadja, soeben ist dein Gedichtband „Im Glasberg“ erschienen, es ist dein dritter Band mit Gedichten, nach „Alle Lichter“ und „Unter dem Wacholder“. Deine Entscheidung für die Lyrik scheint sehr klar zu sein – obwohl Gedichte es nicht eben leicht haben, am „Literaturmarkt“ zu bestehen. Was macht es für dich notwendig und mehr noch: zwingend, Gedichte zu schreiben?

Gedichte erlauben mir einen anderen Zugriff auf meinen Bildervorrat. In ihnen tauchen Landschaften und Menschen, Gesprochenes und Gehörtes auf wie in der Erinnerung– unmittelbar, unbestellt, unverhofft. Sie vermischen sich mit vergangenen Orten und Zeiten, lassen sie gleichberechtigt nebeneinanderstehen, sie sind Schwebe und Punktgenauigkeit, Geschichte und Spiel, Wissen und Ahnen, Dokumentation und Gesang, sie sind schroff und zerbrechlich, und sie erzählen, wenn sie erzählen, nicht kohärent. Irgendwann kommt immer die Sehnsucht nach dem Gedicht zurück, die Sehnsucht nach dem Lied.

Der Titel des neuen Bandes „Im Glasberg“ verweist auf ein Motiv, das wir aus Märchen kennen, der Glasberg ist dort ein Symbol für die Getrenntheit von Geliebten oder Geschwistern. Die Motive des Getrenntseins also überschreiben deinen Gedichtband. Zugleich scheint mir, geht es deinem Schreiben sehr wesentlich um Verbindung, um Berührung, um ein Wiederfinden des Verlorenen kann ein Gedicht Trennungen aufheben, zumindest für einen Moment?

Das Gedicht kann Trennungen aufheben in der Sprache. In Welt der Begegnung jenseits des Papiers bleiben die Trennungen bestehen und werden auch durch ein Gedicht nicht weniger schmerzhaft. Aber man macht sie ansehbar, gibt ihnen eine Form, ohne dadurch etwas klären oder ungeschehen machen zu wollen.  Das treffende Wort kann glücklich machen, auch wenn es von Dunklem spricht.

Dein zweiter Band „Unter dem Wacholder“ bezieht sich auf eine alttestamentarische Stelle – genauer auf den Propheten Elias, der sich unter einen Wacholder zum Sterben legt –, nun die Bezugnahme auf ein Märchen. Du stellst deine Gedichte in einen weiten kulturhistorischen Zusammenhang, schaffst eine Anbindung an Traditionen der Überlieferung, damit auch an ein altes Erfahrungswissen. Deine Gedichte handeln dagegen von sehr gegenwärtigen Erfahrungen, Erfahrungen der „Moderne“. Wie verhalten sich diese Bezüge zueinander?

Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Was heute der Tradition zugeschrieben wird, was eingegangen ist in unser kulturelles Gedächtnis, war einmal Moderne, war Höhe der Zeit, war Ausdruck lebendigen Daseins, selbst da, wo die Dichterinnen und Dichter früherer Jahre ebenfalls auf Vergangenes zurückgriffen. All das ist nun vergangen und auch wir werden vergehen. Das ist der Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen gibt. Der Mensch kommt alt zur Welt, er war schon da, aber er war eben noch nicht als derjenige da, der er jetzt ist, in dieser Zeit, an diesem Ort, mit diesem Wissen. Er ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Mit diesem Bewusstsein schreibe ich meine Gedichte.

Enthält das Motiv des Glasbergs nicht auch eine poetologische Aussage: das Schreiben kann sich dem, was gesagt werden will, zwar nähern, letztlich aber bleibt ein unaufhebbarer Abstand zwischen Erfahrung und Wort, zwischen Ich und Welt und Sprache?

Manchmal scheint es, als würden Erfahrung und Wort nahezu magisch zusammenfallen. Das aber wiederum ist eine Erfahrung, die unteilbar in einem selbst liegt. Mein Gegenüber weiß nie ganz, wo ich mich in meinem Leben gerade befinde, warum mich ein Wort, womöglich achtlos ausgesprochen, bis in die Knochen treffen kann, und auch ich weiß nicht immer, auf welchen Grund meine Worte beim anderen fallen. Wir denken durch das Wort und binden die Erfahrung daran. Natürlich sind da Bilder, aber was wir sehen, liegt schon versprachlicht in uns. Doch spricht sich im Gedicht – das ist die Hoffnung – etwas aus, das sich ohne das Gedicht so nicht aussprechen ließe. Ich erfreue mich zunehmend an jenen Zuständen, meist erlebe ich sie im Halbschlaf, von denen ich weiß: Nie werde ich sie mit jemandem teilen können. Ich kann den Geruch, der Sommer ist und Bilder hochspült, die auf mein früheres Bewusstsein trafen, nicht versprachlichen, ich möchte es auch nicht. Man schreibt sich einerseits an das Leben heran, das in einem ist, an Gedanken und Lektüren, an Flüchtiges und Vergessenes. Und man schafft neue Wirklichkeiten im Gedicht. Mehr kann man nicht erwarten.

 Du arbeitest sehr genau, deine Sprache ist ganz präzise. Während deine Gedichte auf der inhaltlichen Ebene eine große Offenheit der Bedeutung haben, die oszilliert und in der Schwebe gehalten wird, ist die Formgebung klar und sehr bewusst. So als würde die strenge Form zusammenhalten, was in Auflösung oder längst verloren ist. Brauchen wir die Form, um die Welt noch zu fassen? Liegt in der Form so etwas wie Rettung?

Rettung ist ein starkes Wort. Aber natürlich kann und darf man sich aufgehoben, aufgefangen fühlen, manchmal empfinde ich sogar so etwas wie Erlösung (noch so ein starkes Wort), aber alles ist flüchtig, Epiphanien beim Lesen und Schreiben, verwehen schnell. Das Leben hat immer nur jene Form, die ich dem Leben gebe. Gedicht ist Form. Demnach ist die Lautgestalt eines Gedichts womöglich eine Antwort auf die Flüchtigkeit des Daseins.

Noch einmal zum Bild des Glasbergs, zu den Bildern für das Trennende, das sich auch formal zeigt: oft gehen deine Zeilenumbrüche mitten durchs Wort. So entsteht zwar ein Riss im Wort, zugleich eröffnen sich dadurch aber neue Bedeutungsmöglichkeiten, die Wörter werden in ihren Einzelteilen wieder sichtbar – ist das ein Spiel mit Möglichkeiten oder der sehr ernste Befund, dass es keine Einheit gibt, dass Trennungen, Spaltungen, Risse durch alles und alle gehen? 

Überbetonen wollte ich jene Risse, die durch alles, auch durch die Sprache, gehen, nicht, aber manchmal, das kennt jeder Dichter und jede Dichterin, arbeitet einem die Sprache zu. Zeilenende und Doppelbedeutung fallen dann in eins. Ich möchte diesen Effekt nicht erzwingen, aber wenn er sich ergibt, nehme ich ihn dankbar an. In diesem Sinne: Die Möglichkeit wird wahrgenommen, mehr aber auch nicht. Wenn die Zeilen ruhig dahinflössen, ohne, dass auch nur einem Wort dabei Gewalt angetan würde, ohne, dass aus einem Wort womöglich sogar zwei entstünden, die in verschiedene Richtungen weisen – ich könnte gut damit leben.

Was beinahe allen Gedichten eingeschrieben scheint, ist ein Verlust, entsprechend eine sehr elementare Erfahrung. Die zudem hinausgeht über persönlichen Verlust, persönliche Trauer, vielmehr scheint er noch größer und menschheitsgeschichtlich verankert. „O unser verlorenes Paradies“, heißt es bei Georg Trakl. Bedeutet schreiben auch, etwas (gerade noch) zu bewahren? Und sei es nur die Erinnerung an ein „Nicht mehr“?

Wenn man sagt: Ich erinnere mich, heißt das immer auch, dass Vergessen droht, dass Vergessen ist, denn wo wir erinnern, lassen wir anderes am Wegrand liegen, vielleicht für immer. Erinnernd treffen wir eine Auswahl aus einer Vielzahl von Eindrücken – sinnlichen, gedanklichen. So vieles streift und durchdringt uns, und etwas bleibt im Fangnetz Gedächtnis hängen, wird verwandelt, umcodiert, etwas in uns macht daraus etwas Ansehbares. Demnach ist Schreiben auch Bewahren.

In deinen drei Gedichtbänden gibt es Motti vor jedem einzelnen Abschnitt, es gibt innerhalb der Gedichte eine Vielzahl von Zitaten, von Verweisen auf Texte anderer AutorInnen. Es scheint, du trittst mit deinem Schreiben in Dialog zu anderen literarischen Texten, teils auch zu Bildern und Musik. Wie wichtig ist diese Art des „Gesprächs“, wie wichtig ist das In-Beziehung-Sein mit anderen Texten, anderen künstlerischen Medien?

Dieser Dialog ist für mich die natürliche Konsequenz dessen, was geschieht, während man lebt und liest, Musik hört oder sich mit Bildender Kunst befasst. Manchmal werde ich unmittelbar getroffen von einem Bild, einer Songzeile, einer Passage in einem Roman. Gedichte anderer Dichter und Dichterinnen gehen mir nach, manchmal beinahe, als hätte ich sie selbst geschrieben, und diesen Einflüssen sollte man immer offen gegenüber sein, man sollte sie umarmen, sie sind ein unverzichtbarer Teil der eigenen literarischen Entwicklung. Kein Autor und keine Autorin ist eine Insel, es wäre töricht, anderes anzunehmen. Ich schreibe, was ich schreibe, weil so viele andere vor mir geschrieben haben, weil so viele andere schreiben, während ich schreibe, und das alles geht durch mich hindurch, manches bleibt hängen, wird nachwachsender Knochen in meinen eigenen Gedichten, ich verneige mich, ich erinnere daran, ich lebe damit.

In deinen Gedichten finden sich Worte, die wir üblicherweise nicht in Gedichten vermuten, Worte wie Resopal, Unterhosen, überbackene Nudeln, Fliesen, Messerklinge. Was mich immer wieder neu beeindruckt, ist, wie du in deiner Lyrik ganz nah an den Dingen bleibst, am Materiellen, Konkreten, und zugleich aber Räume aufmachst, die weit darüber hinausgehen, ins Elementare.

Alles, was in der Welt Platz hat, hat auch Platz in der Literatur. Ein Meister der Konkretion ist der Schriftsteller Jürgen Becker, auch vom Dichter Michael Hofmann lässt sich einiges lernen über den Umgang mit dem Alltäglichen im Gedicht, das dort selten nur alltäglich ist, sondern über sich hinausweist. Was konkret benannt wird, kann auch symbolisch gelesen werden. Umgekehrt ist das schwieriger. Es gibt darüber hinaus Worte, die ich für weniger gedichtfähig halte – das hat dann vielleicht mit dem Wortkörper zu tun, mit Wortvorlieben oder aber auch mit Assoziationen, Bildbereichen. Dem Dichter Lars Reyer gelingt es, das Wort „Lastkraftwagenproduktion“ ganz natürlich im Gedicht unterzubringen, es geht demnach nicht um Sperrigkeiten. Matthias Kniep, mein wichtigster Ansprechpartner in allen Fragen der Literatur, lehnt das Wort „tuckern“ im Gedicht ab. Ich kann das verstehen.  

Zum Konkreten deiner Bilder gehört auch die Sinnlichkeit, die Körperlichkeit der Erfahrung, die diesen Bildern eingeschrieben ist. Und es gehört – auf der Ebene der Sprache – ein durch und durch lakonischer Ton dazu, der umso eindringlicher nach oben bringt, dass es ums Ganze, dass es ums Existentielle geht.

Existenzielle Fragen sind oft auch sehr komplexe Fragen. Damit einher gehen nicht selten diffuse Beunruhigungen. Es scheint mir nicht ratsam, darauf nicht lakonisch zu reagieren. Darin drückt sich ja auch eine Form von Selbstbehauptung aus. Sind wir doch mal ehrlich: Es wird einem einiges zugemutet. Du bist und weißt nicht, warum. Du stirbst und musst mit diesem Wissen umgehen lernen. Das ist erstmal die Grundkonstellation Leben. Wie wir diese Ausgangslage in uns beantworten, z.B. religiös, ist von Mensch zu Mensch und von Kulturkreis zu Kulturkreis verschieden. Hinzu kommen noch allerlei handfeste Nöte. Wo und in welche Zeit hinein bin ich geboren? Habe ich Krieg erlebt? Armut? Unterdrückung? Wurde ich politisch verfolgt? Bin ich körperlich gesund? Und wie steht es um meine Nerven? So ziemlich jeder Bereich des Lebens ist abgründig und rätselhaft. Und selbst wenn wir meinen, einigermaßen sicher zu sein – womöglich sogar irgendwo angekommen -, müssen wir manchmal feststellen: Das war ein Irrtum. Lakonie, das ist wohl meine Art zu sagen: Okay, ich hab’s verstanden: Die Sache des Lebens ist heikel. Existenzielle Unruhe verlangt nach einem ruhigen Ton. 


Beitrag teilen/drucken:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.