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von Fall zu Fall Fragen

Wie uns Sprache widerfährt

Yanara Friedland liest aus ihrem Buch „Uncountry. Eine Mythologie“ und führt ein Gespräch mit Petra Nagenkögel.

Petra Nagenkögel: Nicht zuletzt diese universellen Themen sind es auch, die für mich als Leserin die Zugänge zum Buch ermöglichen. Wir alle haben Vorfahren, wir alle sind Teil einer Menschheitsgeschichte, in uns allen ist Gedächtnis abgelagert. Meine Leseerfahrung war, dass dein Buch dieses stumme, aber wirksame Gedächtnis angestoßen hat, dass es präsenter und virulenter wurde. Auch die scheinbar so fernen Figuren der „Urgeschichte“ kommen auf besondere Weise näher, man kann anknüpfen an das Erfahrungswissen, das ihnen – wie jedem Mythos – eingeschrieben ist. Dein Bild des „Entgrenzens“ trifft für mich so auch den Prozess, der beim Lesen ausgelöst wird, durch das Assoziative der Schreibweise, das Zusammenspannen der disparatesten Geschichten. Zugleich gibt es die formale Ebene, die der Entgrenzung entgegenzuarbeiten scheint. Formal ist Uncountry sehr klar strukturiert: es gibt vier Teile, jeder dieser Teile folgt derselben Dramaturgie.

Yanara Friedland: Die Form des Buches hat lange gebraucht, bis sie sich gefunden hat. Es gab viele Anfänge, Geschichtsstränge und Charaktere, die zwar in Beziehung miteinander standen, allerdings nicht im klassischen Sinne wie ein Roman oder Kurzgeschichtenband funktionierten. Ich habe eine Struktur gebraucht, die diese recht wilden Fäden, Figuren, Erzählformen halten kann.  Die vier Teile sind sowohl einer gewissen Geographie, verschiedenen alttestamentarischen Figuren und persönlichen Ahnen gewidmet. Die oben zitierten „Themen“ bilden weitere Verbindungsglieder. Reelle historische Figuren, wie zum Beispiel Unica Zürn oder Katharina die Große, durchwandern diese Teile neben fiktiven Charakteren. Die archaischen Prologe, die eine Art Tor zu jedem der vier Haupteile darstellen, sind ein erfundener Mythos, der die Grundenergie des jeweiligen Kapitels heraufbeschwört. All das lebt in diesem Uncountry zusammen, gewiss ein mythischer Ort, der jedoch nicht unabhängig von weltlichen Realitäten und historischen Ereignissen existiert. Mythologie also als etwas, das in uns allen existiert, eine erlebte und imaginäre Welt der verschiedensten Einflüsse und Inspirationen, in der es keine klare Hierarchie gibt, sondern nur Stimmen und Wahrnehmung, Denkprozesse. Es ist gleichwohl eine verfluchte Welt voller Geister und Ahnen, die nicht immer als prinzipiell gut oder schlecht einzuordnen sind, wo die Suche nach einer Wahrheit jegliche Nostalgie verfremdet und sich als verfranzt und multivokal darstellt.

Petra Nagenkögel: Das Vielstimmige, die Verbundenheit von allem mit allem, die komplexe Struktur machen es schwer, dieses Buch zu beschreiben, zu besprechen. Seine Besonderheit lässt sich nur erfahren, indem man es liest, indem man sich seiner Sprache überlässt, seiner Bildhaftigkeit. Und dem vielen Weißraum, der sehr prägnant auf das Ungesagte und Unsagbare verweist, auf das, was offen bleiben muss, auf die Leerstelle.

Eine letzte Frage noch, die mich beschäftigt hat: Du hast die vier Teile von „Uncountry“ erwähnt, die Geschichte der Asche, des Atems, des Hungers und der Zukunft. Die Wörter Asche, Atem und Hunger lese ich sehr verbunden mit Vergangenem, mit dem Menschheitsgeschichtlichen. Das Wort Zukunft dagegen macht einen völlig neuen Raum auf. Könnte ich es so verstehen, dass Uncountry auch eine (paradoxe) Erinnerung an das noch nicht Gewesene bewahrt? Gleichsam ein Gedächtnis des Kommenden, das noch nicht geschrieben, aber im Vergangenen schon enthalten ist?

Yanara Friedland: Ich glaube an eine Spiegelwirkung. Die Vergangenheitssuche befeuert auch eine Vision für die Zukunft, die wir uns trotz aller Schwierigkeiten und Ängste vorstellen müssen.  Und was in der tiefsten Erde einmal gesät wurde, ist oft erst in ferner Zukunft sichtbar.  An der Geschichte der Zukunft habe ich am längsten gearbeitet und dieser Teil ist auch für mich etwas rätselhaft geblieben. Ich habe mich doch sehr von einer Poesie leiten lassen, gewisse hartnäckige Bilder, die in den Text wollten und zwei Charaktere, die mir sehr unbekannt waren. Johanan und Esther sind menschlicher Natur und doch wohnt ihnen etwas gänzlich anderes inne. „Fahne“, die letzte Erzählung des Buches, zieht Resümee über unsere Existenz, und unsere Zukunft auf dem Planeten Erde ist ungewiss. Eine alte Frau sitzt auf dem Dach ihres Hauses und lässt ihr Leben Revue passieren. Die Erzählung ist von einer stoischen und einsamen Atmosphäre geprägt und das Buch endet mit einer Litanei an Fragen, die letzte lautet: „Du fragst dich vielleicht warum enden?“ Und dann endet das Buch. Für mich ist dieses Paradox ein wichtiges und eines, in dem wir uns ein Zuhause schaffen müssen. Nicht unbedingt bequem, aber seelennah.


Yanara Friedland liest aus der deutschen Fassung von Uncountry. Eine Mythologie, in der Übersetzung von Maria Meinel. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Yanara Friedland liest aus der englischen Originalfassung von Uncountry.

Yanara Friedland im Gespräch mit ihrer Übersetzerin Maria Meinel über Uncountry. Eine Mythologie

Yanara Friedland liest auf Einladung von prolit am 9. September 2021 im Literaturhaus Salzburg aus ihrem Buch.


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