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auf jeden Fall Lektüren

Was mir einfällt, wenn ich letzte Gedichte von Hans Eichhorn lese

Ein Blick zurück: Hans Eichhorn bin ich erstmals bei den Rauriser Literaturtagen 1984 begegnet, unsere Freundschaft hat damals begonnen und sich über sechsunddreißig Jahre zu einer Vertrautheit entwickelt, die nicht zuletzt sogar zu gemeinsamen Schreibprojekten geführt hat.

Ein Blick zurück: Hans Eichhorn bin ich erstmals bei den Rauriser Literaturtagen 1984 begegnet, unsere Freundschaft hat damals begonnen und sich über sechsunddreißig Jahre zu einer Vertrautheit entwickelt, die nicht zuletzt sogar zu gemeinsamen Schreibprojekten geführt hat. Zufällig wären wir zu den heurigen Literaturtagen in Rauris im März wieder beide eingeladen gewesen, es ist dazu nicht mehr gekommen. Am 29. Februar ist Hans verstorben, kurz danach wurden sämtliche Veranstaltungen wegen der sich ausbreitenden Pandemie abgesagt, im April 2021 sollen die ausgefallenen Literaturtage nachgeholt werden, freilich ohne Hans, aber mit seinen Gedichten.

Es ist nicht verwunderlich, daß sich zu den präzisen Beschreibungen einer vertrauten Alltagswelt, die Hans Eichhorn in seiner Literatur stets benutzt und variiert hat, beim Lesen für mich zugleich Erinnerungen und Bilder aus dieser Wirklichkeit einstellen, aus der er geschöpft hat und wie auch ich sie zumindest in Teilen von Besuchen am Attersee oder in der Keplerstraße in Kirchdorf noch im Kopf habe. Wer den Autor und seine private Welt nicht so gut gekannt hat, muß deshalb keineswegs weniger Zugang zu seinen Arbeiten haben, auch wenn die Lektüre eine andere sein mag. Aber wenn der zufrieden schnurrende oder ungeduldig auf das Öffnen der Türe wartende Kater in seinen Texten vorkommt, sehe ich diesen genauso vor mir wie die Utensilien, die stets für die bildnerische Produktion bereit waren, deren Ergebnisse nicht nur an den Wänden der Wohnung in Kirchdorf und im Fischerhaus am See zu sehen waren. Und das moosbewachsene Bootshausdach sehe ich ebenso vor dem inneren Auge wie die Mostbirnbäume auf dem Grundstück vor der Schule in Kirchdorf, auf die der Blick aus der Wohnung im Halbstock ging. Ich habe die Geräusche, die die Wellen des Sees bei Schlechtwetter gemacht haben, wenn sie an die betonierte Ufermauer schlugen, noch im Ohr, aber auch den Lärm, den man im Sommer von Motorbooten oder den auf der Straße zwischen Haus und Seegrundstück vorüberfahrenden Autos hören konnte. Und ich weiß noch genau, wie Hans, wenn er auf einem der regelmäßigen Waldspaziergänge bei uns am Wienerweg einen halb vermoderten riesigen Baumstamm auf einem Windbruchhang liegen sah, mir erklärte, daß sich vermoderndes Holz in ziemlich ähnlicher Konsistenz bestens zum Räuchern der Fische eigne, für die er während der Fangzeiten stets die Netze auswarf.

Die Gedichte von Hans Eichhorn sind seit seiner ersten Buchveröffentlichung Das Zimmer als voller Bauch nahezu immer auch so etwas wie stark verdichtete Alltagsprotokolle, in denen allerdings verblüfft, welch vielfältige Einzelheiten dabei nicht nur eine Rolle spielen, sondern auch mit einem ganz eigenen Blick gewürdigt werden. Und überraschend ist stets die Art, wie aus diesen Einzelheiten eine Komposition entsteht, die einerseits kompakt ist und zugleich dennoch wie mit leichter Hand hingezaubert wirkt. Daß sich etwa ausgespuckte Orangenkerne um einen Kachelofen gruppieren, mag seltsam genug sein, aber daß dann auch noch jeder von ihnen eine eigene Geschichte zu erzählen hätte, so etwas fällt wohl nur einem ein, der seinem Schreiben viel Freiheit läßt und sich von ihr dahintreiben läßt. Und wenn die Mörtelpatzen, die der Maurer am Kamin produziert, in Beziehung gesetzt werden zu den Farbklecksen, die der weitgehend ohne Pinsel, sondern mit Spachtel oder Fingern malende Autor auf das Blatt zu werfen pflegte, finden Handwerk und Kunst spielerisch zueinander.

Nicht nur in den Gedichten, sondern auch in seinen Prosaarbeiten spielt immer wieder ein spielerisches Zwiegespräch eine Rolle, bei dem sich der Autor manchmal fast höhnisch gegenüber den eigenen Einsichten, Erkenntnissen oder Aufforderungen äußert, sie schroff in Frage stellt oder zumindest relativiert, und dann springt er übergangslos und wie zur Entlastung zu einem völlig irrwitzigen Detail und sorgt für einen Bruch oder öffnet eine neue Bedeutungsebene.
Wie sehr sein Schreiben in den letzten Jahren auch von den körperlichen Auswirkungen der Krankheit, den Schmerzen und Beeinträchtigungen überschattet gewesen ist, macht beim Lesen betroffen, und die Gewißheit, daß ihm die kontinuierliche Arbeit mit der Sprache bis zuletzt ein Bedürfnis geblieben ist, das ihn nicht losließ und an dem er sich festzuhalten versuchte, fordert Bewunderung und ist fast tröstlich. Bis dir die Wörter ausgehen und die Leere / Einzug hält. Endlich wirkt das Opiat, heißt es zum Beispiel in einem der hier versammelten Gedichtbeispiele aus seinem letzten Lebensjahr.
Die meisten sind in etwa gleich lang, in zwei-, drei- oder vierzeiligen Strophen läuft der Text zeilen- und strophenübergreifend dahin und liefert ein überschaubares Arsenal von Beobachtungen und Zustandsbeschreibungen, hin und wieder durchschossen von Spontanexkursen und gezielt eingesetzten Brechungen. Darin spiegelt sich nicht nur ein hellwaches Bewußtsein und eine Aufmerksamkeit für Randphänomene und sich täglich wiederholende Abläufe, sondern ein permanentes Suchen und Infragestellen auch des eigentlichen Schreibprozesses. Zwar kommen in seinen Texten Einkaufslisten ebenso wie Kochvorhaben oder zufällige Unterbrechungen durch den unterschwellig mitlaufenden Kontext, welchen die Welt der Nachrichten und Medien liefern, zur Sprache, aber bestimmend bleibt der geduldige Versuch, sich Wort für Wort und Satz für Satz einer Welt zu vergewissern, in der die mit genauem Blick gewürdigten Naturphänomene und jahreszeitlichen Veränderungen rund um den See oder Einzelheiten aus dem Familienalltag helle Akzente setzen.
Ein beträchtlicher Teil seines Schreibens passierte nachts bzw. in den frühen Morgenstunden, oft ging er bereits um vier Uhr morgens an die Arbeit und füllte seine Notizbücher mit seiner manchmal auch für ihn selbst nicht leicht zu entschlüsselnden Handschrift. Welche Dimensionen eines äußerlich unspektakulären Lebens er dabei erkundete, als Vater dreier musisch begabter Kinder und Ehemann einer AHS-Lehrerin für Deutsch und Geschichte, die früh ihre beiden Eltern bei einem tragischen Verkehrsunfall verloren hatte, den sie und ihre Schwester nahezu unverletzt überlebten, mag ihn selbst überrascht und angetrieben haben.
In die Fischereiwirtschaft, wie sie mittlerweile am Attersee nur noch vereinzelt betrieben wird, war die ganze Familie involviert, und in vielen Arbeiten von Hans Eichhorn spielen deshalb häufig auch die verschiedenen Fischarten, ihre Fang- und Schonzeiten und die damit verbundenen Arbeiten ebenso eine Rolle wie all die Wasservögel oder die Wetterlagen mit den unterschiedlichen Winden, die für einen Fischer von Bedeutung sind.

© Bibliothek der Provinz

Die GAV Oberösterreich betreut und beliefert seit 2018 in unregelmäßigen Abständen die kleinformatige Publikation X-Blatt (Hefte für Literatur im Textautomaten), initiiert und redigiert von Kurt Mitterndorfer und Herbert Stöger, und die Ausgabe Nr. 6 unter dem Titel ich kind heute ist Hans Eichhorn gewidmet, der sich an dem Unternehmen von Beginn an beteiligt und für diese Nummer noch ein berührendes längeres Gedicht geliefert hat, in dem er ausgehend von zwei Kindheitsfotos Reflexionen über die Jahre von damals und das Heranwachsen anstellt, bis es in der vorletzten Strophe heißt: Und jetzt, am Ende der Kraft, stehst du / vielleicht wieder vor einer Geburt, / du weißt nicht wie und was, / du stöhnst unter den Begleitumständen, / bis endlich alles weg- und abgefallen sein wird … Sein wenige Tage vor seinem Tod erschienenes letztes Prosabuch trägt den Titel Ungeboren.

Die beiden Impulsfotos zeigen den damals etwa Fünfjährigen auf einem mit frisch gemähtem Viehfutter beladenen sogenannten Radlbock und dann noch lächelnd auf dem hölzernen Balkon mit einer gefleckten Katze im Arm. Doch das Gedicht, das der kurz nach seinem 64. Geburtstag Verstorbene zu den beiden Kindheitsfotos geschrieben hat, beschwört nicht nur diese Idylle, sondern spricht auch vom Schmerz über die Kluft, die ihn von der verlorengegangenen Fülle, von der Vertrautheit und Fraglosigkeit von damals trennt und die er immer wieder mit Hilfe des Schreibens zu überbrücken versucht hat. Die Literatur könnte für ihn so etwas wie ein Versuch gewesen sein, die auseinandergefallen Teile eines Bildes zu rekonstruieren, das nur noch in der Erinnerung und in der Suche nach dem sprachlichen Ausdruck Gestalt annehmen kann. Daß diese Suche zugleich intensive Gegenwartsprotokolle liefert und auch die existenzielle Bedrohung durch die fortschreitende Krankheit illusionslos festhält, ist mit ein Grund für die überwiegend dunkle Grundstimmung dieser poetischen Selbsterkundungen.
Hans Eichhorns kontinuierliche Bemühungen, sich selbst und seine Welt zu erkunden und ihr so etwas wie Sinn abzugewinnen, haben über die Jahre zu einem prallen Werk von mehr als dreißig veröffentlichten Büchern unterschiedlicher Gattungen geführt und können für diejenigen, die sich darauf einlassen, sie lesend mitzuerleben, zu einer das eigene Leben bereichernden Spurensuche werden.

Erwin Einzinger, Kirchdorf


Hier können Sie drei Gedichte von Hans Eichhorn lesen.


© Cover: Peter Brauneis

Dieser Text von Erwin Einzinger ist in der aktuellen Ausgabe von SALZ Zeitschrift für Literatur erschienen. Alle Informationen zum Heft Nahaufnahmen 26 | Rauriser Literaturpreise 2020 finden Sie hier.


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