Kategorien
auf jeden Fall Lektüren

Warum ich keine Bücher empfehle

Und für dieses hier eine Ausnahme mache: Ulli Lust „Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte“

Nein. Ich empfehle keine Bücher. Aus dreierlei Gründen:

Erstens glaube ich, dass Bücher schreiben und Bücher besprechen zwei völlig unterschiedliche Dinge sind, die zwei völlig unterschiedliche Zugänge zum Thema Literatur verlangen – so, wie es mit Wein produzieren und Wein verkosten ist. Menschen, die Bücher schreiben, stehen am Eingang der Literaturmaschine, in die sie ihre Texte werfen, damit das Verlagswesen mit all seinen Motoren,  Förderbändern und Rädchen Bücher daraus macht. Die Kritik, die Qualitätskontrolle steht am anderen Ende der Maschine, gleich bei der Werksausfahrt, wo die Rezensent:innen und die Literaturwissenschaft übernehmen. Kann man wirklich an beiden Enden der Maschine stehen? Es braucht viele verschiedene Persönlichkeiten, um ein vom Buch von der Idee bis zur Leserin durch den Betrieb zu begleiten. Ich jedenfalls bin nur mit einer davon ausgestattet.

Zweitens tu ich mir schwer damit, Bücher zu besprechen, ohne das Gefühl des Besprochenwerdens auszuschalten. Die Erfahrungen der Bewertung, von der tödlichen Beleidigung bis zur hymnischen Lobpreisung, sind mir so verinnerlicht, dass sie zwischen mir und der Objektivität stehen. Ich persönlich kann Kritik nicht anders als persönlich auffassen, und ich fürchte, vielen meiner Kolleg:innen geht es ähnlich. Wir arbeiten zu lange und zu beherzt an unseren Texten, als dass wir sie einfach ganz entspannt einer Dekonstruktion, und sei sie noch so kompetent, überantworten können.  Kolleg:innen, die das können, sind mir unheimlich, und außerdem völlig unbekannt.

Drittens: Mein Literaturgeschmack korreliert überhaupt nicht mit meiner Zuneigung zur Kolleg:innenschaft. Wenn es nicht um mich persönlich geht, kann ich Werk und Künstler:in sehr sauber trennen. Was kann ich dafür, wenn ich Person und Schreibe nicht gleichauf lieben kann? Und warum soll ich mir diesen Spagat antun, dass ich die Bücher von lieben Freundinnen nicht mag und das öffentlich machen muss, während ich Bücher von Arschlöchern loben soll? Für diese schmerzhafte Trennung von Künstler:in und Werk gibt es die Kritik. Sie muss die Drecksarbeit machen, indem sie die Literatur aus ihrem persönlichen Verhaberungskorpus (in diesem Land sind wir ein großes Kollektiv, oder etwa nicht?) herausfiletiert und bewertet.

© Reprodukt Verlag

Bei Ulli Lust mache ich eine Ausnahme, weil ich glaube, dass Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte ein Jahrhundertbuch ist, das genau im richtigen Moment kommt: in jenem, wo die Zeit reif ist. Ulli Lust hat ein längst überfälliges Geschichtsbuch geschrieben, das die Präsenz von Frauen nicht, wie es in unserer aufgeklärten, modernen Welt immer noch vorkommt, bestenfalls als historische Randnotiz abhandelt; sondern sie hat die Frauen einfach dort hinein gezeichnet, wo sie schon seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte präsent waren und hingehören – in die Mitte der Gesellschaft und ihrer Geschichte.

Die Mär vom ewigen Patriarchat ist ein gut zementiertes Narrativ, das vor allem in der Ur- und Frühgeschichte bis vor Kurzem unerschütterlich schien. Denn dort, wo die Beweislage dünn wird und die Interpretation immer wichtiger, sitzt die patriarchale Erzählung besonders tief. Nicht nur, dass das Märchen vom jagenden Höhlenmann und der sammelnden Höhlenfrau widerlegt ist: auch die Zusammenhänge von Sesshaftwerdung, Gemeinschaft und Spiritualität müssen völlig neu gedacht werden. Die Annahme, dass das Patriarchat ein Naturgesetz ist, weil es eben „immer schon da war“, bildet den Sockel eines Paradigmas, das uns allen vorgaukelt, man könne eben nichts an bestehenden Ungerechtigkeiten ändern. Ulli Lust zeichnet wissenschaftlich fundiert, aber auch humorvoll gegen dieses Paradigma an. Sie erzählt die Urgeschichte neu und unterhaltsam; sie lässt persönliche Erfahrungen, aktuelle, wissenschaftliche Erkenntnisse und historische Irrtümer mit einfließen und öffnet somit eine Türe in eine Geschichte, die endlich Frauen und unsere vorpatriarchale Vergangenheit berücksichtigt. Es ist wohl nicht zuletzt dem Format des Comics geschuldet, dass sich dieses Wissen so mühelos einprägt. Die Frau als Mensch bespielt die weißen Flecken unserer (Frauen)-Geschichte ganz formidabel und es kann es auch mit so mancher patriarchalen historischen Behauptungen aufnehmen. Wie großartig, dass es mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 ausgezeichnet wurde. Und wie fantastisch, dass der zweite Band schon im Frühjahr erscheint! Kaufen, verschenken, lesen!

Gertraud Klemm, 26.11.2025


© Verlag Matthes & Seitz

Das Sachcomic Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte von Ulli Lust ist im Reprodukt Verlag erschienen. Hier finden Sie alle Informationen zur Künstlerin und zum Buch.

Gertraud Klemm präsentiert am 5. Dezember 2025 auf Einladung der Leselampe und des Literaturhaus Salzburg ihr Buch Abschied vom Phallozän im Literaturhaus Salzburg. Hier finden Sie alle Informationen zur Veranstaltung.


Beitrag teilen/drucken:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert