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von Fall zu Fall Fragen

Von der „Berührung im leisen Spiel mit der Sprache“

Im Herbst 2023 ist Nasima Sophia Razizadehs Debüt „Sprache und Meer“ erschienen, außerdem war sie als H.C. Artmann-Stipendiatin in Salzburg zu Gast. Die Autorin im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Corinna Sauter.

Es finden sich eine ganze Reihe neuartiger Bilder, fortgesetzter Metaphern und phantasierter Szenerien in Ihrem Buch, die sich als Ikonisierung einer Liebeserklärung beschreiben ließen. In welchem Zusammenhang zu Ihrem Schreiben steht die Liebe und welche Funktion kommt Eros zu?

Einer der letzten Romane Patrick Modianos trug, in der deutschen Übersetzung, den Titel Unsichtbare Tinte. Ich komme nicht herum, das auch kindlich zu hören, an Zitronensaft-Geheimschriften zu denken. Aber es ist auch ein Bild für die Spur, die keine sein will, und die Spur, die andererseits ohnehin unmöglich ist, und die ich dennoch hinterlassen oder finden will. Nur um solche Spuren kann es sich handeln, scheint mir, wenn Liebe und Erotik in die Sprache einsickern. Das Begehren und Wollen von etwas Unmöglichem aber hat das Schreiben von der Liebe mit der Liebe gemeinsam. Bestenfalls wird das spürbar. Und die Unleserlichkeit, die Stärke und Unbeschwertheit des, zumindest teilweise, im Dunkeln Verbleibens, hat das Schreiben von der Erotik wiederum mit der Erotik gemeinsam. „Eros is a verb“, schreibt Anne Carson, und ich fühle mich befreit, wann immer ich daran denke, sprachlich wie vorsprachlich.

Ihre worthörige Prosa ist durchwirkt von Alliterationen, Assonanzen, von Wortfiguren, die mit dem Doppelsinn der Worte spielen, und Wortspielen, bei denen die Wortkörper aufgebrochen und die Elemente (Buchstaben und Laute) gleichsam frei- und in Bewegung gesetzt werden. Paronomasien wie Gegenwa/ort, Bes/täubung, Fluch/t oder Seh/nen, das paronomastische Gleiten der Signifikanten und die damit einhergehende Bewegung des Sinns scheinen zentral für Ihre Prosa zu sein. Was hat es mit der Paronomasie auf sich?

Die Nähe zu den Worten, vielleicht also durchaus auch die Nähe der Worte zueinander, untereinander, ist wichtig und wertvoll, beim Schreiben wie beim Lesen: Buchstabenklein zu sein, von Buchstabe zu Buchstabe, Wort zu Wort, Satz zu Satz, mit dem Geschriebenen auf einer Höhe zu gehen. Hindurch zu waten durch Sprache und Schrift, durch Schriftbild und Klang. Die Geschwindigkeit der Sprache geradezu körperlich und rhythmisch zu empfinden oder nachzuempfinden. Und dann wiederum vom Geräusch eines einzelnen Buchstabens aufgescheucht zu werden. In der Sprache ist es nie schlecht, empfindlich zu sein, selbst überempfindlich zu sein. Ich bin sowohl für Feinheit als auch für Grobheit empfänglich im Sprachgebrauch. Und alle Mittel sind erlaubt im Spiel mit der Sprache, solange der Form und Worte wählende Wille, trotzdem, immerzu durch ein unbewusstes, wildes Element gestört wird. Das Spiel mit der Sprache bleibt ein Balancierakt zwischen Ehrfurcht und Lust.

Es gibt die Theorie, dass das Wort im poetischen Text den Status von Namen hat. In Sprache und Meer werden der Akt der Benennung und die (Eigen-)Namen thematisch. Nicht zuletzt scheint so etwas wie eine Utopie der Namenlosigkeit auf. Welche Rolle spielt der Name für die Poetologie Ihrer Texte?

Der Name, ich spreche nun und im Folgenden vom Eigennamen, ist, in meinem Empfinden, ein zutiefst kurioses Wort. Der Name kann zum Wort werden, das Wort zum Namen. Aber der Name als Name bedeutet für mich, wenn ich schreibe, eine Bedrängnis. Im Text, scheint mir, kann kein Platz sein für das, worauf ein Name verweist. Schreibe ich im Gedicht oder auch in den Texten in Sprache und Meer die Worte ich oder du, so meine ich, dass diese Worte genau das sind, was sie sind, eine Selbstbezeichnung oder eine Ansprache. Darüber hinaus bleibt offen und kann offenbleiben, wo das Selbst und der Adressat sind, ob im Text, in der Welt, im Privaten, im Intimen, im Unbekannten, im Unbestimmten, in der Vergangenheit oder Gegenwart oder womöglich Zukunft. Die Öffnung, die diese kleinen Personalpronomen ermöglichen, ist etwas völlig anderes als das klaffend Offene des Namens. Ein Name ist für mich das Ausrufezeichen unter den Worten – ich will nicht ausschließen, dass es sie in meinen Texten geben kann, Namen wie Ausrufezeichen, in jedem Fall werden sie immer selten bleiben. Den Namen zu verlieren, dem Wort für mich oder für eine andere Person zu entkommen, darunter wie unter einer Abgrenzung hinweg zu tauchen, ist ein Ideal, aber es ist auch eine unsagbar unheimliche Vorstellung. Das entgegengesetzte Extrem ist vielleicht, sich einen Namen zu machen. In letzterem Fall entkommt man dem, wofür der eigene Name steht und stand, scheinbar, in die Anonymität des sich gemachten Namens. Im Fall der Namenlosigkeit, wie ich sie denke, wird man sich und der Welt zum Geheimnis, zum Gast, zum unbegründeten, sprachnackten Dasein. – Und immer denke ich an einen Satz aus Oscar Wildes The Picture of Dorian Gray, den ich vor über zehn Jahren gelesen habe und der mir seitdem zu einem Privatgesetz geworden ist, wenngleich ich es auch immer wieder emphatisch breche: “When I like people immensely I never tell their names to any one.”

Das selbstbezügliche Schreiben über Sprache wird in Ihrem Buch in subtiler Komik zum „inzestuösen Akt“ erklärt. Abgesehen vom Inzest, vom Bild des Meeres als einem Element der Symbiose, der Aufhebung der Grenzen und der Unterscheidungen begegnen Figuren wie die Sphinx oder die Sirenen, scheinen punktuell Themen wie Angst, Kränkung, Scham oder die Ananke auf; Freuds Satz, „daß das Ich nicht Herr sei im eigenen Haus“, wird ebenso eingespielt wie der Traum samt der Terminologie der Traumdeutung in gewitzter Wörteranagrammatik – anstelle von Tagesrest und Traummaterial ist die Rede von den „Traumresten als Tagesmaterial“. Verschiebung und Verdichtung der unbewussten Spracharbeit sind aufgerufen, die auch im Versprechen und Verhören am Werk ist und im Wortspiel ihr poetisches Pendant hat. Dass ‚das Unbewusste wie eine Sprache strukturiert ist‘, wusste Jacques Lacan, dessen Satz ‚Liebe heißt: geben, was man nicht hat‘ überdies anzuklingen scheint. Ihre Dichtung ist, um das Mindeste zu sagen, psychoanalytisch informiert. Welcher Status kommt der Psychoanalyse in Ihrem Schreiben zu?

Mit der Psychoanalyse verbindet das Schreiben vielleicht, dass nichts harmlos ist darin. Das Harmlose findet keinen Eingang in die Psychoanalyse oder das Schreiben und die Psychoanalyse oder das Schreiben finden keinen Zugang zum Harmlosen. Beide halten etwas Unerträgliches aus. Beide rahmen etwas immerzu Überschäumendes gewissenhaft. Beide harren aus im Staunen, und kämpfen sich dennoch, beharrlich, weiter vor durch ein Dickicht aus Zwang und Angst, Begehren und Lust. Ich kann eigentlich nicht viel sagen über die Psychoanalyse. Sie kann, in all ihrer Fremdheit und Ferne und Faszination, trotzdem im Verhältnis zu meinem Schreiben als ein gutes, ein ruhiges, grenzwahrendes, unsichtbares Gegenüber gesehen werden. Vielleicht wäre auch eine weitere interessante Frage, welcher Status der Sprache in Freuds Vorstellungen von der Psychoanalyse zugekommen ist und wie das wiederum unser Verhältnis zur Psyche, unseren Umgang mit uns selbst und miteinander prägt. Vielleicht ginge es ja ohne die Sprache. Aber wir müssten natürlich viel weiter zurückgreifen – dann gäbe es womöglich eine Sphinx, die schweigt, Sirenen, die nicht singen. Die Sprache ist eine Fehlleistung, denke ich. Doch die Psychoanalyse erinnert, beinah tröstlich, daran, dass die Verfehlung selbst spricht, dass in ihr eine ungeheure Willenskraft liegt. Und diese Kraft holen weder die Psychoanalyse noch die Schrift ein. Sie lassen, und darin liegt eine je ganz eigene Stärke, diese Kraft einfach gewähren.

Leser dürften bei der Lektüre Ihrer Prosa immer wieder zu Nachschlagewerken greifen: Denn was mitunter wie ein Neologismus anmuten mag, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als einer älteren Sprachschicht entnommenes Wort, wie im Fall von „Schwimmung“, oder als ein Lexem der juristischen Fachsprache wie beim „Entkennen“. Nicht zuletzt hat man zum Goutieren eines Wortspiels wie in der paradoxen Maxime, ein „sprechendes Echo“ sein zu sollen, mit der Etymologie – hier dem altgriechischen Wort für Schall (ēchē) – zu rechnen. Geht es bei der Aktualisierung des Sprachreichtums um Verfremdung, um geistreiches Sprachspiel, das neue Sinnschichten in der Sprache offenlegt, oder darum, Erfahrungen, Empfindungen, Vorstellungen und Bilder der Phantasie vermittels eines ‚unverbrauchten‘ Wortschatzes gerecht zu werden?

Ich denke nicht, dass Wörter Gefahr laufen, je verbraucht zu sein. Es kommt doch eher immer aufs Neue auf den Wort-Gebraucher an, wie ein Wort wirkt. Worte sind ja nicht Münzen in einer Schatztruhe, sondern kleine wilde Tiere. Wie ich mit ihnen umgehe, wie sehr ich die Worte zähme, welchen von ihnen ich meine Phantasie und meine Sprache als Revier überlasse, ist eine immer aufs Neue zu treffende Entscheidung. Und die Wortwahl, die Gewähltheit des Schreibens und Sprechens, ist – um nochmal vom Wort Wortschatz fort zu kommen – die Insigne des Schriftstellers. Aber an dem Wort selbst, scheint mir, scheitert der Ausdruck nicht. Über die Existenz der Worte „Schwimmung“ und „Entkennen“ war ich mir beim Schreiben tatsächlich auch nicht im Klaren. Ich sehe solche Wörter später, beim Wiederlesen des Texts, nach und bin hin und her gerissen zwischen der Freude über die aufgespürten Mit-Bedeutungen oder Vor-Bedeutungen und einer kleinen Enttäuschung, dass es hier etwas, das kurz nur mir zu gehören schien, doch schon gab. Das Wort „Schwimmung“ ist ein gutes Beispiel. In Sprache und Meer taucht im ersten Text, dem einzigen Text ohne Titel, der Satz „Auch die Sprache war bloß Schwimmung.“ auf. In diesem erst sehr spät von mir eingefügten Satz, schien mir alles zusammenzufließen, was ich mich auf die verschiedenste Weise in dem Buch auszudrücken bemühe. Als ich dann das Wort „Schwimmung“ am nächsten Tag in die Suchmaschine eingab, wurde etwas ganz Anderes, ganz Fremdes, und doch auf kuriose Weise das Wort zum zweiten Mal zum Leben Erweckendes angespült: Auf der Webseite eines Bautzener Maschinenbau-Ingenieurs findet sich eine enigmatisch anmutende Definition des technischen Fachworts „Schwimmung“. Es entsteht ein Fremdbild im Eigenbild. Die Sprache, als ein so viel Größeres, flutet manchmal meine Sprache.


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