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auf alle Fälle Texte

Untitled (Gaeta)

Ein Bild. Als ihr angekommen seid, war die Sonne schon untergegangen. Der Außenraum lag im Dunkel. Du hattest dir alles hell gedacht.

Ein Bild. Als ihr angekommen seid, war die Sonne schon untergegangen. Der Außenraum lag im Dunkel. Du hattest dir alles hell gedacht. Hast dir eine gleißende Helligkeit gedacht, aber jetzt: Die Pinienallee der Zufahrtsstraße konntest du nur erahnen, an den Schatten und dem Geruch. Den Verlauf der Hügel konntest du an den wenigen Lichtern erkennen, die wie Sternbilder einzelne Punkte in der Kontur der Berge markierten. Schrift verblassend im Hintergrund. Auch im Innenraum lag alles im Dunkel. Das Klicken des Lichtschalters ein Geräusch, das nichts an der Dunkelheit änderte. Nach dem Aufwachen fällt dir Vieles auf. Besonders jenes, an dem du am deutlichsten erkennst: Du bist nicht zu Hause. Zeichen ins Holz geritzt. Wie häufig, wenn du unterwegs bist, überkommt dich das Gefühl, dass die Eindrücke dich überschreiben. Das Gefühl, dich in den Umraum hin aufzulösen, kennst du schon. Es dauert ein paar Tage, weißt du, bis du wieder Form annimmst. Dich wieder zusammensetzt, auf andere Weise, zwischen all dem Ungesehen.

Drei Teile. Ihr fahrt schon früh nach Colleferro. An den Straßenseiten wächst Gestrüpp und Bambus hoch. Manche Äste hängen über die Fahrbahn, sodass du den Eindruck hast, in einem warmen Tunnel entlangzufahren, in den die Helligkeit an manchen Stellen als Lichtblitz einbricht. Du siehst schon beim Hineinfahren in den Ort die Fabriken. Sie ragen in dieser Ortschaft auf, wie an anderen Orten Türme und Kuppeln. Um die hohen Behälter und Verstrebungen aus Eisen herum baut sich in mehreren Teilen eine Vedute zusammen, die aus Funktionalität entsteht. Nur knapp erwischt ihr den Zug nach Rom.

222.5 x 99.7 cm. Am Vorabend hat euch V., der Hausverwalter, un uomo molto simpatico, wie er in dem in der Arbeitswohnung aufliegenden Logbuch beschrieben wird, in seiner Heimatgemeinde, in der er ohne Unterbrechung seit seiner Geburt lebt, zum Abendessen eingeladen. Ihr habt euch zu einer Zeit getroffen, zu der keine Einheimischen Essen gehen, sodass das Lokal noch menschenleer war, als ihr angekommen seid. Am Tisch saß nur die Runde temporär hier Gestrandeter, die V. zusammengesammelt hat: Eure Hausgemeinschaft, sowie eine Klangkünstlerin, die gerade einen dreimonatigen Arbeitsaufenthalt hier hinter sich hatte, F. ein römischer Rechtsanwalt, und M., ein Unternehmer aus Vermont, der hier ein Haus gekauft hat. V. erzählt, wie sie heute gemeinsam in seinem Olivenhain gearbeitet hätten und er M. alles gezeigt habe, wie sie die Reihen abgegangen und vermessen haben. Sich ausgerechnet haben, wie viel Fläche sich in wie viel Öl pressen lässt. Wie M., der ursprünglich ein Haus in der Toskana oder in Umbrien kaufen wollte, nun ein Bürger von Romano Olevano sei und sie euch heute zum Essen einladen werden, da ihr hier bei ihnen im Ort und also ihre Gäste seid. Du fragst M. wie er auf diesen Ort hier gekommen sei und er erzählt, dass es ein Versehen war. Er habe bei der Recherche nach Häusern nebenbei gegessen und sei mit den fettigen Fingern auf der Tastatur verrutscht. Das Gespräch mäandert dreisprachig. F., der römische Rechtsanwalt, der zu spät kommt, weil er auf der Autobahn von Rom her ein Unfall war, aber sobald er da ist das Gespräch beherrscht, will von V. wissen, wieso eigentlich hier. Wieso hierher seit Jahren Künstler:innen kommen, und diese Arbeitsaufenthalte nicht etwa am Meer stattfinden würden, das ja nicht weit entfernt ist.

Öl, Kreide, Bleistift auf Sperrholz. Du denkst daran, wie ihr gestern am Meer wart. Wie ihr Gaeta besucht habt, wo Cy Twombly lebte und in Sperlonga am Strand entlang gegangen seid. Ihr habt einen warmen Tag erwischt und konntet noch barfuß über den Sand gehen. Die Schatten der Boote, geisterhaft im Hintergrund, als leere Doppelungen. Den Orten war der Sommertourismus an den geputzten Fassaden und Speisekarten vor den Lokalen anzusehen, auch wenn jetzt in der Nachsaison vieles geschlossen war und nur wenige an der Strandpromenade entlang gingen. Die Passagiere wachsen aus den Booten wie Blumen. Die mediterrane Landschaft am Küstenstreifen mit den Kakteen und Palmen, dahinter die steil aufragenden Monti Aurunci und der Blick aufs Tyrrhenische Meer hat dich schneller eingenommen, als die wildere Landschaft im römischen Hinterland. Die kleinen Gebirgsdörfer dort stehen auf eine Weise leer, die nichts mit dem beginnenden Winter zu tun hat und es hat einige Tage gedauert, bis du Spazierwege durch das Gestrüpp entdeckt hast. Auch S., die Klangkünstlerin, spricht davon, wie die Stille zuerst gewöhnungsbedürftig war und der Wald, der direkt hinter ihrem Haus beginnt, ihr Respekt einflößte. Besonders die Schlangen und Skorpione, die sie von zu Hause nicht gewohnt ist. Ob sie zum Arbeiten gekommen sei, in diesen drei Monaten, will F. wissen und sie spricht davon, wie sie zuerst noch etwas fertigstellen habe müssen, aber die restliche Zeit vor allem gelesen und nachgedacht habe, und dass auch das Arbeit sei, sagt sie und lächelt dabei auf eine Weise, als sei sie Widerspruch gewöhnt. Wie sie viel Zeit darauf verwende, das Licht hier zu beobachten, das ganz seltsam sei. Sie spricht mit einer leisen Stimme vom Licht und als ihr euch später im Halbdunkel vor dem Lokal verabschiedet, hörst du wie sie sich bei M. für das Essen bedankt und er sagt, er sei vor allem gekommen, um sie sprechen zu hören.

1992. Deine ersten Tage hier waren verregnet, aber seitdem die Sonne wieder durchbricht, hast auch du die Eigenheit des Lichtes feststellen können. Die Wellen als Andeutungen im Weißraum. Es liegt den ganzen Tag über eine dünne Schicht wie eine Membran vor dem Himmel, die die Hügellandschaft unter dem Dunst weichzeichnet und alle Objekte dahinter in eine Ferne rückt. Auch jetzt, als du aus dem Zugfenster beobachtest, wie die verlassene Landschaft langsam in die Randzonen der Stadt übergeht, liegt ein seltsames Licht auf allem. Dicht aneinander gedrängte Wohnblocks mischen sich zwischen Olivenhaine, Hänge voller Wein und Überreste römischer Aquädukte vor Tennisplätzen. Die Bilder hier entziehen sich dir auf die gleiche Weise, wie am Strand vor Gaeta, wo du die kantige Form der Circeo Halbinsel gesehen hast, nicht weit entfernt, aber im Dunst ausfransend. Du dachtest daran, wie auch Twombly hier entlang gegangen ist und nicht malte, sondern nur aufs Wasser schaute und Treibgut sammelte. Wie sich in seinen Bildern als Treibgut sammelt, was man nicht in Bildern vermutet. Die Boote im hellen Licht platziert, als würden sie schweben ganz ohne Wasser, als würden sie dabei in violetter Farbe aus dem Rahmen rinnen. Während du weiter aus dem Zugfenster schaust, merkst du, wie manches langsam durchlässiger wird.


© Jung und Jung Verlag

Anna Maria Stadler liest am 21. September 2022 im Literaturhaus Salzburg (Veranstalter: Literaturforum Leselampe) aus ihrem Debütroman Maremma, der im Jung und Jung Verlag erschienen und für den Österreichischen Buchpreis Debüt nominiert ist.

Hier finden Sie alle Informationen zum Buch, hier geht’s zur Veranstaltung.


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