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auf alle Fälle Texte

Stimmen der Unzugehörigkeit

Die Literatur ist keine Flucht vor der Wirklichkeit, sondern vor den auferlegten und kanonisierten Wahrheiten. Doch existieren wir auf den Wurzeln der ererbten Wirklichkeiten. Deshalb bin ich der Meinung, dass Literatur genauso, wie sie im archäologischen Bewusstsein des Autors lebt, auch ein Gespräch mit den Empfindungen jener sein muss, die in diesem Augenblick geboren werden. T. S. Eliot meinte, Dichtung bedeute nicht, den Emotionen freien Lauf zu lassen, sondern vor ihnen zu fliehen, Dichtung sei kein Ausdruck von Individualität, sondern eine Flucht vor ihr, doch nur jene, die Emotionen und Individualität besitzen, wüssten auch, was es bedeutet, vor ihnen flüchten zu wollen. Besonders heute, wo sich die Wirklichkeit der Welt als eine Realität der Entfernungen und Ängste manifestiert.

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Im Rahmen der mazedonischen Gegenwartsliteratur betraten zu Beginn des neuen Jahrtausends Autoren die Bühne, die in andere Wirklichkeiten als jene ihrer Vorgänger hineingeboren worden waren. Der Übergang von einem Millennium in ein anderes war nicht nur das Überschreiten einer numerischen Schwelle, sondern auch die Konfrontation mit neuen Ideologien und geographisch-politischen Grenzen. Die Landschaft der Zeit, die diese Autoren umgab, brachte die Fragmentierung von Staaten, von Erinnerungen und des Glaubens an die Mythen von Beständigkeit mit sich. Eine ganze Generation von Dichtern, Erzählern und Romanciers versuchte, den Zaun der aggressiven faktologischen Geschichte zu überspringen und sich als Stimme des neuen persönlichen Bewusstseins und Imaginierens zu etablieren, um in irgendeiner Weise das zu bestätigen, was Danilo Kiš über die Literatur sagte – dass sie zum Besonderen tendiert, um zum Allgemeinen zu gelangen.

Diese Auswahl von Autoren, geboren zwischen 1980 und 1989, stellt nur einen Teil des Horizonts der mazedonischen Gegenwartsliteratur dar, die aufmerksam um ihre Stimme auf dem Palimpsest des universellen literarischen Erbes kämpft. Es ist die Generation, die zwischen dem Todesjahr des unsterblichen jugoslawischen Anführers Tito und dem Jahr des symbolträchtigen Falls der Berliner Mauer geboren wurde, eine Generation, geboren mit dem Bewusstsein über die Endlichkeit geplanter Ewigkeiten. Eine Generation, die in den Umarmungen der veränderlichen Mythen und geopolitischen Wirklichkeiten lebt, eine Generation, der die Literatur als Schild und Waffe gegen das augenblickliche Erinnern an alle versprochenen Ewigkeiten aus dem vorhergehenden sozialistischen System geblieben ist, in dem sie geboren wurden und ihre Ausbildung erhielten und in dem sich ihre ersten Erinnerungen bildeten und verblassten.

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Einige der ausgewählten Gedichte und Prosastücke in dieser Übersicht wurden mit den höchsten mazedonischen Literaturpreisen und dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet, was nur dafür spricht, dass ihre Stimmen trotz der genetischen Angst vor dem Schreiben in einer sogenannten kleinen Sprache wiedererkannt werden. Der isländische Dichter Sjón sagt, dass man in seinem Heimatland die isländische Sprache als eine Sprache ansieht, die von einer kleinen Anzahl von Menschen gesprochen wird, nicht als kleine Sprache. Für den passionierten und strengen Literaten ist die Sprache mehr als nur ein Instrument oder eine verbale Antwort auf die Einzigartigkeit der Welt. Ohne Rücksicht auf die statistische Verbreitung einer Sprache ist sie für den Schriftsteller ein Körper, in dem er alle Leidenschaften und Einschränkungen spürt, ein enger Kokon, in dem er die Größe der Welt fühlen muss.

Die Gedichte und Prosastücke in dieser Auswahl verbildlichen den Platz der gemeinsamen Entfremdung und eine vorübergehende Zugehörigkeit zur Stadt, zur Stimme der Erinnerungen, zu dynamischen Formen des Zuhauses und zum ultimativen Aufgeben der Kulte, die der historischen Zeit innerlich sind. Die meisten Autoren dieser »Generation der Unzugehörigkeit« reiften mit dem Reflex zur Entsakralisierung der Codes für Sicherheit heran, indem sie durch Labyrinthe der neuen Natürlichkeit und Urbanität streiften und ihre literarischen Stimmen von der Last der institutionell definierten Intellektualität befreiten. Ihre Poetik ist offen für einen universellen Dialog, für die Übertragung eines ästhetischen Wesens der Sprache in ein anderes.

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Nikola Madžirov, Skopje

Übersetzung: Alexander Sitzmann


© Otto Müller Verlag

Der gekürzte Text ist der aktuellen Ausgabe Literatur und Kritik (November 2020) entnommen, mit einem Vorwort von Karl-Markus Gauß, die demnächst erscheinen wird. Die Zeitschrift Literatur und Kritik, die mit ihren Herausgebern Karl-Markus Gauß und Arno Kleibel seit je ihr Augenmerk auch auf die Literatur weniger bekannter Regionen und Sprachgruppen richtet, stellt in ihrem aktuellen Heft die neueste mazedonische Literatur, die Dichter und Dichterinnen des 21. Jahrhunderts vor. Nikola Madžirov hat die Auswahl der AutorInnen gemacht.
Hier finden Sie alle Informationen zu Literatur und Kritik.

Die Ausgabe Literatur und Kritik wäre am 10. November 2020, veranstaltet von prolit und dem Otto Müller Verlag, im Literaturhaus Salzburg präsentiert worden, mit Lesungen von Nikola Madžirov und Davor Stojanovski. Die Veranstaltung wird verschoben.
Hier finden Sie einen Text von Davor Stojanovski, ebenfalls aus dieser Ausgabe.


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