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Selbstporträt mit Canetti

Cornelius Hell liest Elias Canetti.

Er hatte nur einen einzigen Roman geschrieben, und so war er mein Gewährsmann, dass die Zeit der Romane vorbei ist. Ich liebte Canettis Aufzeichnungen, vor allem „Die Provinz des Menschen“; und die unvergesslichen, ins Surreale gesteigerten Porträts des Bandes „Der Ohrenzeuge“. Wenn ich einmal schreiben kann, wenn es mir gelingt, dann so, dachte ich als Student.

Und plötzlich blickte ich ihm ins Gesicht. Ja, es war sein Gesicht, aber er selbst war es nicht, sondern ein Gast auf der Hochzeit einer Studienkollegin in Amstetten am 24. Juli 1982. Ich wollte ihn nicht ansprechen, denn er war ein einfacher Mensch, der Canetti vermutlich gar nicht kannte, aber ich konnte meinen Blick nicht von ihm lassen, und auch als ich zum ersten Mal in meinem Leben mit einer Braut im Hochzeitskleid tanzte, fragte ich sie nach Canetti und erfuhr: Er war der Onkel ihrer Schwiegermutter. Heute, fast vierzig Jahre später, weiß ich von dieser Hochzeit fast nichts mehr, nur Elias Canetti blickt mir noch ins Gesicht.

Die Erinnerung wachgehalten hat der Ort Blindenmarkt unweit von Amstetten. Einmal fuhr ich im Zug ganz langsam durch den Bahnhof und konnte das Schild entziffern: „Blindenmarkt“. Ich erinnerte mich sofort an das Entsetzen, das Elias Canetti einmal angesichts dieses Ortsnamens beschrieben hat, aber das milderte mein eigenes Entsetzen keine Spur, sondern löste es geradezu aus. Ich sah die Blinden mit ihren Produkten vor mir, vor allem Besen und Bürsten; in meiner Kindheit hat es ja noch blinde Besenbinder gegeben. Ich wollte ihnen etwas abkaufen, doch zugleich hatte ich Angst vor ihnen, wie ich noch immer Angst habe vor Blinden, denn blind zu werden, das fürchtete ich in meiner Kindheit am meisten, und als sich meine Kurzsichtigkeit in den Jugendjahren rasant verschlechterte, musste mir mein Augenarzt immer wieder versichern, dass ich nicht erblinden werde.

Dass ich taub werden könnte, habe ich nie befürchtet, obwohl die taube Großmutter bis zu meinem siebten Lebensjahr stets um mich war. Dennoch war mir Hören und Horchen immer selbstverständlich. Vielleicht hat es mir deswegen Canettis Buch „Der Ohrenzeuge“ so angetan.

Im Frühling 1985 stand ich in einem Hörsaal der Universität Vilnius und unterrichtete österreichische Literatur; nach langem Zögern wagte ich mich auch über den „Ohrenzeugen“. Es war gespenstisch, im Wissen, dass wir in dem sowjetisch okkupierten Land abgehört wurden, einen Text über das Abhören zu analysieren. Wir sprachen über Wortbildung und dass das Deutsche zwar einen Augenzeugen kennt, aber keinen Ohrenzeugen; und über die Geschichte des Abhörens, die mit den „Augen und Ohren des Königs“ beginnt, dem Spitzelsystem der persischen Könige, das Xenophon beschreibt. Aber alles, was wir sprachen, war nur ein Umkreisen unseres eigenen Abgehört-Werdens, das wir nicht ansprechen durften. Ich hätte nicht viel zu verlieren gehabt und hatte für den Ernstfall Argumente parat, warum ich gerade diesen Text behandelte: Weil ich Canetti, den „österreichischen“ Nobelpreisträger, doch unbedingt mit den Studentinnen lesen musste, weil „Der Ohrenzeuge“ titelgebend war für ein ganzes Buch und weil die einzige Anthologie, die uns in zehn Exemplaren zur Verfügung stand, eben nur diesen Text von Canetti enthielt. Doch die Studentinnen hätten sich zwar nicht um Kopf und Kragen, aber zumindest um ihre berufliche Zukunft reden können, hätten sie den Text auf unseren Alltag bezogen. So umkreisten wir diesen wie ein schwarzes Loch, und die kalkulierten Worte kamen aus einem brennenden Schweigen. Noch heute höre ich es, sobald das Wort „Augenzeuge“ fällt.

Aber auch „Blindenmarkt“ hat mich nicht aus seinem Fangnetz entlassen. Wenn ich meine Liebe besuche, fahre ich mit der Straßenbahn durch die Blindengasse, und kaum tönt mir der Name dieser Haltestelle aus dem Mikrophon entgegen, sehe ich eine ganze Gasse voller Blinder, sehe die Blinden auf und ab gehen, vorsichtig, um sich nicht gegenseitig zu stoßen, sehe Blinde, die ihr Gesicht in das geöffnete Fenster halten, und Blinde, die in meine Straßenbahn einsteigen. Da verfluche ich Elias Canetti dafür, dass er mich nicht einfach davonkommen lässt mit der Banalität eines Namens, der längst seine Bedeutung verloren hat. Und weiß doch: Könnte ich mich an Wort-Konventionen gewöhnen, so verfinge ich mich blind und taub im Uhrwerk des Lebens und wäre nicht fähig, sein Augenzeuge zu sein oder sein Ohrenzeuge.

Cornelius Hell, Wien


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