Es ist, als fühlte man hier in der Abgeschiedenheit mit besonderer Klarheit die großen Gesetze der Seele.
Christiane Ritter
Norwegische Insel, Häuser mit einem Licht im Fenster, Fähranleger, Fischfabrik. Halb drei Uhr nachmittags, meterhoch Schnee, der erste Laden hud- og fotterapie. „Fußheilung und Lichtbehandlung“ lässt die Werbung im Schaufenster vermuten.
Das Wetter dieses Tages war so schön, dass der Zahnarzt Skifahren gegangen ist. „Schön“: Kein Schneefall, minus vierzehn Grad Höchsttemperatur. Der skifahrende Zahnarzt ist mit der ebenfalls skifahrenden Zahnärztin verheiratet. „Ski“ ist ein norwegisches Wort. Wir sind auf der Schalinsel, Skjervøy (gesprochen Schervey). Die erste Offizier des Schiffes hat einen halben Zahn verloren (sagt jetzt nichts gegen den Koch). Doch Zahnarzt und Zahnärztin, auf hundert Kilometer die Einzigen, sind nun einmal Skifahren gegangen. In vier Tagen laufen wir den nächsten Hafen an. Vier Tage Schmerzen, Winterpech. Der Schneepflug hat die Mole nicht beräumt. Wir stehen am Rand des Meeres, vor dem Hafen, hinter dem Hafen, alles zugleich. Es ist dunkel. Eis hängt in dicken Zapfen von einem schneeüberwucherten Dach.
Ich bin nach Norden geflogen und weiter nach Norden geflogen. Die Wintersonnwende ist knapp durchlaufen, die Nordkuppe des Planeten schwebt in Maximalabstand zur Sonne im Weltraum. Um neun Uhr abends, um neun Uhr morgens, um zwei Uhr nachts, um drei Uhr mittags ist es dunkel.
Ich bin aus der Berliner Dunkelheit in noch mehr Dunkelheit gereist.
Was suche ich?
Ich weiß es nicht „in so many words“, sondern folge einem Gefühl, gespeist aus der Erfahrung, dass bestimmte Erkenntnisse nur leiblich zu haben sind – Erkenntnisse nicht gegenüber, sondern mit der Natur. Ich brauche das Erleben von Kälte, schwerer Zugänglichkeit und Dauernacht, brauche die Irritation meiner Zellen, ihr sich Eingrooven in einen nicht mehr sonnenlichtgesteuerten Rhythmus – muss mich aussetzen, um auf die Welt jenseits des Polarkreises anders als nur-papierlich zu antworten. So lässt sich in Literatur tragen, was mich mit meinen Leserinnen und Lesern verbindet, was KI in keiner Weise kann: Körperlichkeit, die Wissen generiert jenseits „reiner“ Rationalität. Einsichten allerdings, die sich nicht ohne innere Übersetzungsarbeit, nicht ohne den Flow des Schreibens, die halbtrancehafte Hochwachheit der Konzentration, unterfüttert von Wissen, einstellen. Dort, wo ich schreibend innen und außen zugleich bin, im Dunkel des Ichs und des Körpers und der Außenwelt. Eine mir bislang unvertraute Synchronizität, die (sich) mir zu-setzen mag, so die Hoffnung. Wohin die Reise tatsächlich führen wird, muss sich zeigen.
Zwischen zwei Felsflanken spannt sich, rechts vom Mond, das Wintersechseck über den Himmel. Wo soll Osten sein, wenn Norden in der Mitte über dir steht? Capella beginnt, sagt der Kapitän in Jogginghose und langarmigem T-Shirt neben uns an Deck. Den Schnee haben wir halb vom Tisch geschoben, fast ganz von der Bank. Wir tragen die Isoanzüge, die das Schiff für längere Außenaufenthalte zur Verfügung stellt. Lang, gelb-schwarz, dick. Hinsetzen muss gehen, Bücken wird schwierig, soviel sich faltender Stoff. Wir sind seit zwei Tag-Nächten unterwegs. Heute ist Vollmond. Ich habe das Gefühl, gerade so angekommen zu sein auf dem Schiff, im Schwanken, auf dem Meer, das sich in Buchten spült, mit Felsen spielt, die zu steilen Berghängen voller Zacken, Kanten und Schroffen ansteigen. Einfach die Alpen nehmen und bis auf die letzten tausend Meter fluten. Weiß, gestriemt, halb bewachsen, dabei dürr, kammig, spitz, nicht einladend, umso beeindruckender, ragen sie in den Himmel. Der ist hoch, offen, klar. Capella (aus dem Sternbild Fuhrmann) steht im Sechseck des Winters an oberster Position, es folgen nach rechts unten Aldebaran, das orangefarben blinkende Auge des Stiers, Rigel, der zu Orion gehört, sowie Sirius aus dem großen und Prokyon aus dem kleiner Hund, schließlich Pollux, der zum Sternbild Zwilling zählt. Das Sechseck ist riesig, es umschreibt fast die gesamte Himmelsfläche vor uns vom Meeresspiegel nach oben, links und rechts von Felsen gerahmt. Man kann es im mittleren Norden von September bis Mitte April finden; ein „Asterismus“ (kein offiziell anerkanntes Sternbild), sondern altes Seefahrerwissen. Ich lerne: Nur mit der Hilfe von Verbindungen, die man herstellt und an andere weitergibt, kommt man durch die Welt.
Ich bin in Tromsø gelandet, habe mich auf der Flughafentoilette mit zusätzlichen Kleidungsschichten versorgt und friere. Warten auf den Bus in die Stadt in Dunkelheit, zwischen Schneehaufen, im Schneetreiben, bei Wind. Er kommt pünktlich, doch in seinem Inneren ist es nur marginal wärmer und heller als draußen. Fenster frostbeschlagen. Niemand außer mir scheint zu frieren. Manche laufen hier in Sneakern durch den Schnee. Aussteigen, klamme Finger auf dem Handy, minus 23 Grad. Das Telefon funktioniert, wenn auch verlangsamt, irgendwie zähflüssig. Selbst unter der Straßenlampe kann ich vor lauter Schal von unten bis zu den Augen, Mützenrand von oben bis zu den Augen, Jackenkragen von beiden Seiten, kaum etwas lesen. Der Weg ist rutschig, es schneit. Sagte ich schon, ich weiß. Es schneit.
Drei Stunden später: Es schneit.
Ob das mit dem Sehen noch besser wird? Wann passen Augen sich einer dunklen Welt an? Statt der Augen geht der Himmel auf. Über den eisüberkrusteten, tiefverschneiten Booten im Hafen Tromsøs erscheint ein leuchtender Schleier, teilt sich in Stränge, fließt wieder zusammen, fließt weiter, wächst nach, wabert, verlischt. So also drückt Sonnenplasma sich in die Atmosphäre, versetzt Elektronen in Anregungszustände, ein Quantensprung am anderen. Fünf Minuten dauert der Spuk. Man schiebt sich in Position, filmt, ist ohne Jacke rausgerannt. Ehrlich gesagt: Das Ganze ist eine Enttäuschung. Mit bloßem Auge grauweiß, leicht grünliche Note. Erst im Handy sieht es gut aus – leuchtgrün, halbscharf, tausend Mal besser als in echt. Der Polarlichthype ist ja auch erst ein paar Jahre alt, erfunden von einer norwegischen Airline, um den Tourismus anzukurbeln. Ohne digitale Fotografie hätte das nie geklappt.
Der Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch Radio Silence. Zwei Essays, das im Herbst 2026 im mare Verlag erscheinen wird; alle Informationen zum Buch finden Sie hier. Hier finden Sie alle Informationen zur Autorin.
