Kurze Einlassung aus dem RE von Frankfurt am Main nach Bamberg nach 6 Stunden und 21 Minuten Fahrt ab Zug in der Schweiz von Nora Gomringer
Das Reisen wird oft Opfer einer Verklärung: Es ist gar nicht schön und es bildet nur bedingt.
Das geschäftliche Reisen ist eigentlich nur anstrengend, auslaugend und ein Gesundheitsrisiko – vor allem im Winter. Irgendeiner niest immer!
Ach ja, ich meine das Reisen mit der Bahn, wenn das nicht schon klar ist.
Ich liebe die Bahn, aber ich mache mir Sorgen.
Das Reisen und das Auftreten bedingen einander. Kein Autor verdient annährend genug, wenn er nicht auf Lesereise eingeladen wird. Lesereise… das klingt so stringent und gut ausgedacht. Meistens ist es das nicht. Es ist eine Perlenkette mit mehr oder weniger Abstand zwischen den Perlen, den Anfragen, den Auftritten.
Um irgendwo vorlesen zu können, muss man dorthin transportiert werden. Nur etwa viermal im Leben ist mir von einem Veranstalter ein Chauffeur angeboten worden. Hui! Da hatte ich es kurzzeitig geschafft. Die Welt potenziellen Luxus öffnete sich einen Spalt breit. Einmal habe ich dieses Angebot angenommen. Dreimal hat es nicht in den Kalender gepasst. Was ich am Auto nicht mag, ist die Unmöglichkeit des Schreibens.
In der Bahn kann ich den Laptop aufklappen und mit einem Tischplatz sogar etwas Papier ausbreiten. Da gelingt mir einiges. Ich habe mich so trainiert über die letzten drei Dekaden des schreibenden Reisens, des lesenden Auftretens.
Bei einer Dichte von 70 Lesungen zum neuen Buch im Laufe von 10 Monaten reise ich jede Woche viele hundert Kilometer, bin gezwungen, mich leicht zu bepacken, ständig die Reiseroute zu verfolgen und schnellen Schrittes – also mit bequemem Schuhwerk – Bahnsteige zu wechseln. Zürich, München, Stuttgart sind dafür in diesen Tagen ein Grauen.
Leipzig, Frankfurt und Hannover ok. In Würzburg wird fast nichts erreicht beim ersten Anlauf, also lernt man das Menü beim – übrigens ausgezeichneten – asiatischen Imbiss und das Sortiment von Rossmann auswendig. Und manchmal enttäusche ich mich mit einem Einblick beim Buchhändler Schmidt & Hahn, um mein Buch dort nicht zu finden oder werfe die guten Ernährungsvorsätze 9 süß-sauer-besoßten ChickenMcNuggets zu (fehlenden Hühner-)Füßen.
Ich las einmal, dass Mariah Careys Tourrider, also quasi der Beipackzettel zu ihr und ihrer letzten großen Auftrittsreise, rund 150 Seiten umfasste und dass in ihm extrem strenges Augenmerk auf die Schlafsituation der Sängerin gerichtet war. Um diese schwindelnd hohen Töne abends singen, die schweißtreibende Show mittanzen zu können, musste die Carey wie eine Larve gebettet, umsorgt, gefüttert und beruhigt werden. Das Wunder des Schlüpfens der glasklaren Stimme sollte allabendlich erfolgen können in immer gleicher Brillanz, weshalb alle Eventualitäten weitestgehend eingedämmt sein mussten. Das einzig bedingt Luxuriöse, das ich mir leiste und erbitte, ist das Reisen in der 1. Klasse der Bahn. Wenn man allerdings Pech hat, ist der Fußboden der 1. Klasse genauso bescheuert und teurer als der in der zweiten. Beim Autor und selbst bei der fahrenden Bardin Nora G. interessieren Qualitätserhalt und dafür ausgeklügelte Reisebedingungen freilich keinen. Muß es auch nicht. Meine Bühnenshow ist (noch) nicht mit Millionen von Dollar versichert, um den Arbeitern der Bühne ein Einkommen zu sichern, sollte ich erkranken.
Wenn ich erkranke, haben alle Pech. Wenn mein Leben und meine Berufe kollidieren, hat die Literatur das Nachsehen. Mein Büro geht vor. Wie oft lag ich in den Wintermonaten schon mit meinen zwei obligatorischen Bronchitiserkrankungen platt darnieder und dachte mir, dass ich unter Umständen wohl auftreten, aber sicher nicht reisen könne. Von allen Kollegen, die ich kenne, wird mir dieses genauso bestätigt: Reisen, also Verspätungen, Warten auf zugigen Bahnsteigen, unregelmäßiges und allzu ungutes Essen – alles schwächt, während der Auftritt die Künstler in der Regel stärkt. Man steht im eigenen Text, man singt und spricht ihn gerne. Man ist für und mit ihm auf Reisen.
Himmel, wäre es anders – und begegnete man nicht immer wieder hinreißenden Leserinnen und Lesern, Veranstalterinnen und Veranstaltern, Buchhändlerinnen und Buchhändlern – es wäre n i c h t auszuhalten!

Nora Gomringer las im Februar 2026 im Literaturhaus Salzburg auf Einladung des Literaturforums Leselampe und Vereins Literaturhaus aus ihrem aktuellen Buch Am Meerschweinchen übt das Kind den Tod, das im Verlag Voland & Quist erschienen ist. Hier finden Sie alle Informationen zum Buch und zur Autorin und alle weiteren Termine ihrer Lesereise…
