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von Fall zu Fall Fragen

Literatur und Hilflosigkeit

Die öffentliche Bibliothek ist ein Freiraum. Sie bietet die Möglichkeit, den strengen Vorgaben eines geschlossenen Kollektivs zu entkommen. […]

1. Von der Bibliothek zum Schreiben

Die öffentliche Bibliothek ist ein Freiraum. Sie bietet die Möglichkeit, den strengen Vorgaben eines geschlossenen Kollektivs zu entkommen. Eindrückliches Beispiel dafür ist die Geschichte einer jungen Frau, Mitglied einer jüdisch-orthodoxen Sekte mitten in Brooklyn, die heimlich eine öffentliche Bücherei aufsucht, dort von der jiddischen Muttersprache zur Mehrheitssprache Englisch findet und in der Lektüre von Literatur andere Welten kennenlernt. Mit jedem Buch eine weitere Möglichkeit. Raum, um Gedanken nur für sich selbst zu entwickeln. Das Lesen von Literatur ermöglicht ihre Individuation und in der Folge ihre Befreiung.

Die Bibliothek ist aber auch der Raum, den die junge Frau nur mittels Lügen betreten, der nicht mit dem Herkunftsraum geteilt werden kann. Deborah Feldman, Autorin von „Unorthodox“, die heute in Berlin lebt, nutzte Literatur als emanzipatorische Möglichkeit, was aber den Verrat des Kollektivs und Verlust des Kindheitsraums mit sich brachte.

Auch mein kindliches Lesen erlaubte mir, die Elternwelt für die Dauer eines Buches zu verlassen. Als die Eltern merkten, dass ich mich lieber in der Bücherwelt aufhielt, durfte ich nicht mehr ungehindert dort hinein verschwinden. Bücher wurden mir weggenommen und nur zu gewissen festgelegten Zeiten und Bedingungen durfte ich lesen.

Als Jugendliche dann hatte ich mir mit viel Tränen und Streit einen Freiraum erkämpft. Während die Familie an Ferientagen Berge bestieg, durfte ich zuhause bleiben. Lungerte stundenlang auf dem Sofa und las heimlich Erwachsenenbücher, eines nach dem anderen. Las mich in die Erwachsenenwelt hinein. Manchmal stelle ich mir vor, wie es für meine Mutter gewesen sein muss, diesen oder jenen Roman aus dem Bücherregal zu lesen, an den ich mich heute noch erinnere. Was sie wohl gedacht hat dabei. Wie sie das Gelesene mit der sie umgebenden Welt verband.

Die chinesischen Essgewohnheiten bei Pearl S. Buck.

Die Farmarbeiterwelt bei John Steinbeck

Die Abenteuerwelt der Baumwollpflücker bei B. Traven.

Die Sexszenen bei Willi Heinrich.

Das feindselige, unglückbringende Meer bei Theodor Storm.

Die lesbischen Szenen bei Colette.

Ich frage mich, ob sie mit meinem Vater darüber gesprochen hat. Oder ob jeder für sich behielt, was er da las. Ob sie überhaupt die gleichen Bücher gelesen haben. Ob ihnen die gleichen Szenen in Erinnerung blieben. Ich konnte ja nicht fragen, weil ich die Bücher nicht hätte lesen dürfen.

Immerhin, ich wusste, dass auch meine Eltern ein Leseleben hatten. Ganz im Gegensatz zu den mich umgebenden Familien, für die Bücher in etwa so nutzlos waren wie – ja, es fällt mir gar nichts ein -, denn sogar Ziersträucher im Garten waren wichtiger als Bücher. Lesen überhaupt war eine andere Form von Nichtarbeiten, von Nichtsnutz sein. So wurde ich genannt. Nachdem die erste Verwunderung über das Mädchen, das in kurzer Zeit so viel lesen konnte, verflogen war, sollte ich mir die Flausen möglichst schnell abgewöhnen. Das Staunen verwandelte sich in Abschätzigkeit, denn die mit Lesen verlorenen Zeit hätte besser genützt werden sollen, um Socken zu stopfen, Schals zu häkeln, Marmelade einzukochen, das Frausein zu erlernen und auszuüben, eine Existenz, die an Lektüre nur Strickanleitungen und Kochbücher erlaubte. Alles darüber hinaus war Verschwendung und wurde geächtet. Die mir in allem vorgezogene Kusine wies diesen Makel nicht auf. Und weil meine Mutter mein Lesen nicht abstellen konnte, wurde die Verachtung auf sie übertragen. Sie war keine gute Mutter, weil sie es nicht schaffte, ihre Tochter zu einer Nutzfrau zu erziehen. Worauf sie mir wiederum verbot zu lesen. Worauf ich mir Bücher von Freundinnen borgte, sie während der Schulstunden und Zugfahrten zur Schule las. Die öffentliche Bücherei in Wels konnte sie mir nicht verbieten. Dort las ich mich durch die Weltliteratur.

Als Volksschülerin habe ich außerdem erfahren, dass man auch selbst schreiben kann. Mein Großvater war in der Gegend bekannt, weil er lustige Witze erzählte, die er manchmal in Versform aufschrieb. In Mundart aus dem Hausruckviertel und furchtbar ungelenk, wie mir heute vorkommt. Damals waren wir Kinder stolz auf ihn. Ganze Wirtshaussäle brachte er zum Lachen. Der macht sich zum Kasperl, schimpfte meine Oma. Und Opa erfüllte sich einen Traum, indem er seine Werke in einem Buch versammelte, das er auf eigene Kosten drucken ließ. Titel: He du, los af!

In der Chronik unseres Dorfes bin ich mit einem Kapitel neben dem für Opa vertreten, mit dem Zusatz: Sie ist die Enkelin des Heimatdichters Johann Scholl.

In der Schule bemerkte ich, dass eine Lehrerin für ein Leseheftchen, Gedichte verfasst hatte. Das probierte ich auch aus. So wie sie schrieb ich Rätselgedichte, zeigte sie Freundinnen, die sie gut fanden. Weil das Impressum der Schulheftchen auf Landesverlag lautete und weil diese Firma gleichzeitig Papierhandlungen betrieb, ging ich eines Tages in der Mittagspause mit zwei Freundinnen dorthin, wo wir sonst Bleistifte kauften. Die Blätter mit den Gedichten in Schönschrift hatte ich dabei, und ich bat den Verkäufer, er solle doch im nächsten Heft meine Gedichte drucken, so wie die der Lehrerin.

Er war sehr freundlich, wenn auch die Konsultation enttäuschend verlief, denn er hatte natürlich keinen Zugang zum Verlag. Obwohl ihm mein Mut, glaube ich, imponierte. Die nächste Chance kam dann mit einem schulinternen Schreibwettbewerb, bei dem ich einen zweiten Preis gewann. Seitdem schrieb ich immer weiter. Natürlich heimlich. Ich verfasste Theaterstücke für die Mädchenbande in unserer Gegend, die wir versuchten aufzuführen. Natürlich nur im Keller. Ich schrieb Liedtexte, ganze Kabarettprogramme, glaubte im politischen Kabarett meine Bestimmung gefunden zu haben, verfasste unzählige Gedichte und Berichte fürs Jugendradio, die dann sogar gesendet wurden, fuhr endlich in eine größere Stadt in eine größere Schule, wo wir eine Schülerzeitung gründeten, für die ich dann schrieb. Die Welt, die ich mir damit schuf, war von der Welt meiner Herkunft völlig abgetrennt. Ich schrieb und las mich mich zwar heraus, kehrte aber jeden Abend nach der Schule zurück.

2. Von der Nähstube zum Sterben

Nachdem wir Kinder das Elternhaus verlassen hatten, verlegte meine Mutter ihre Welt ins ehemalige Bubenzimmer, richtete sich dort eine Nähstube ein. Weil Nähen nützlich war und sie sich dadurch eigenes Geld verdiente. Aber sie hortete dort auch Bücher. Las viel. Sie war unglücklich. Immer schon. Suchte sich Lektüre, die ihr das Unglück nicht nur erklärten, sondern bestätigten. Sie selbst war es ja gewesen, die uns Kinder mit der mächtigen Welt der Sprache bekannt gemacht hatte. Das Essen, die Kleider, die Sprache waren ihr Zutun. Die Märchenwelt. Das zerrissene Fell des Bären. Da schimmerten wertvolle Seidenstoffe durch, die den Körper eines Prinzen darunter andeuteten. Die Zerrissenheit, nicht zu wissen, welche von den beiden Mädchen ich war. Schneeweißchen oder Rosenrot? Jahrelang war ich auch Rotkäppchen und lief mit meinem Korb zwar nicht durch den Wald aber den Fluss entlang ins Haus meiner Großmutter. Jahrelang hingen flache Stoffzwerge an meinem langen gebauschten Rock. Identifikationen, die meine Mutter mir nahegebracht hatte, mittels Sprache und Nähmaschine.

Für sich selbst aber suchte meine Mutter die düsteren Geschichten aus und bestand darauf. Die Kommunikation misslang. Erbitterte Streitereien. Die Bücher, die ich ihr schenkte, vergrößerten den Graben zwischen uns. Was sie davon nicht verstehen konnte, entäußerte sich als Vorwurf. Ich wolle ihr mit der Auswahl dieser Bücher vorführen, dass sie dumm sei, die Welt nicht verstehen könne, in die ich mich inzwischen begeben hatte. Trotz aller Verbote. Ich wolle ihr zeigen, dass ich klüger sei als sie. Wolle sie heruntermachen. Meine Mutter hatte die Hilflosigkeit längst als einzige Form ihrer Existenz erlernt. Die Literatur, die sie las, konnte diese Gegebenheit nur verstärken. Ihren Lesestoff wählte sie gemäß ihrer dunklen Stimmung. Das Bild der Welt, das sie sich daraus zusammensetzte, kam ohne Hoffnung aus. Je selbstzerstörerischer, desto besser. Die Sprache diente ihr dazu, noch inniger zu schweigen.

Literatur befreit also nicht selbstredend aus der Hilflosigkeit, weil die Worte und inneren Bilder je nach den Bedürfnissen des Lesenden interpretiert werden können. Es gibt immer mehrere Möglichkeiten, einen Text auszulegen. Meine Mutter schuf sich im Lesen eine Festung, in die niemand dringen sollte. Indem sie diese Mauern errichtete, brachte die Bestätigung durch Worte sie ihrer Erlösung dennoch näher. Denn eigentlich wollte sie ihr Leben lang nur sterben. Was ihr schließlich gelang. Die Bücher, die ihr dabei halfen, stehen immer noch in der Nähstube im Regal. Pessoa, Handke, Schwaiger, Innerhofer, Mitgutsch. Keiner rührt sie an.

Die Bücher haben meine Mutter aber auch zum Schreiben angeregt. Ich denke nicht gern daran. Weil diese Worte, die sie in endlosen Briefen auf Papier brachte, ebenfalls dazu dienten, ihr todessüchtiges System festzumauern. Viel zu spät erst bat ich sie, diese Manifeste ihres Schmerzes nicht mehr an meine Adresse zu schicken, weil ich sie nicht mehr ertragen konnte, weil mein eigenes Leben viel zu schwierig geworden war. Nach ihrem Tod, fragte mein Vater, ob er den Wust ihrer Schriften durchlesen solle und ich sagte nein. Weil sie die Worte verwendet hat, um sich tiefer in ihr Sterbenwollen zu treiben.

Also hat er alles so gelassen. Die Bücher, die Nähmaschine, die Briefe, die Musikkassetten, die sorgfältig nach Farben und Fadenstärke geordneten Nähgarnrollen, die Reißverschlüsse, die Stoffreste, die Druckknöpfe, die Saumbänder, gerollt und in die Laden geräumt, welche sich neben den Laden für ihre Socken und Unterhosen befinden, immer noch an dem Platz, an den sie diese selbst geräumt hat. Ihre selbst gestrickten Jacken hängen nun seit fast neun Jahren an Bügeln zusammen mit ihren Schals an der Garderobe gleich beim Eingang. Ich vermeide es, dieses Zimmer zu betreten, wenn ich zu seltenen Anlässen das Elternhaus betrete, weil ich es überhaupt vermeide das Elternhaus zu betreten. Die Nähstube ist ein Schrein der Hilflosigkeit, der auch die Literatur nichts entgegensetzen konnte.

3. Vom Schreibtisch aus

Gegen dieses Erbe, das ich in mir trage, hilft der Schreibtisch. Die Hilflosigkeit bringt mich zum Schreiben. Dieser Horror ist mein Motor. Deswegen fange ich immer wieder an. Weil ich in Texten mit Sprache eine Welt entwickeln kann. Eine, die ich nicht kenne, bevor ich beginne. Die sich mir eröffnet. Für die schwitze und um die ich bange. Und der ich schließlich wieder entkomme, reicher an Erfahrungen und unerlöst. Tatsächlich bin ich Scheherezade. Durch Erzählen kann ich überleben, durch Geschichten zögere ich den Tod hinaus.

Wenn wir diskutieren wollen, ob die Literatur ein Mittel gegen Hilflosigkeit darstellt, ist es nötig, zu unterscheiden, ob wir von Lesenden oder Schreibenden sprechen, und ob es sich beim Geschriebenen um Literatur handelt. Dass Schreiben, sich eine Erzählung für schmerzhaftes Geschehen schaffen, hilft, ist inzwischen neurowissenschaftlich erwiesen. Worte können trösten. Ihr Klang entscheidet über die emotionale Färbung, die sie auslösen. Ihre lautlichen Strukturen evozieren Bilder des Gegenstands, den sie benennen. Allein das Wort hüpfen zu hören, löst Reaktionen in Gehirnarealen aus, die die Bewegungen des Hüpfens aktivieren. Schreiben kann heilen, psychisch, sogar physisch. Aber das heißt erstens nicht, dass daraus auch immer Literatur wird, und zweitens, wirkt Literatur nicht per se einfach ins Blaue, wie die Luft oder die Düfte, die Kräuter und Blüten verströmen. Zu Literatur muss der Zugang erst gefunden werden, und das ist bei weitem nicht selbstverständlich, wie die Beispiele eingangs zeigen sollten. Du brauchst die Sprache, du brauchst den Raum, du brauchst die Erlaubnis, den Zugang, du brauchst den Mut, dich dafür von den anderen, die etwas anderes wichtiger finden, abzusetzen. Das hat mich mein Herkommen gelehrt. Wenn es keine Bibliotheken gibt, wenn es keine Schulen, keine Lehrerinnen gibt, die das Lesen fördern, kommen diejenigen, denen Literatur helfen könnte, gar nicht dazu, sie je zu entdecken. Die Barriere existiert, auch heute noch. Ich mache mir das immer wieder klar, weil ich zurückschauen kann. Bis ganz nach hinten, an das andere Ende, von wo ich herkam, dort, wo Literatur nichts zählt, eine Spinnerei darstellt.

Auch für die Literatur Schreibenden ist es weiterhin ein Kampf, Zugänge zu finden und ihre in Worte gefassten Welten denen nahezubringen, die sie benötigen. Im Schreiben stellen sich Fragen nach Zusammenhängen und Abhängigkeiten. Immer noch begegnen Frauen, Minderheiten, sexuell und psychisch andere Menschen im gängigen Literaturbetrieb beträchtlichen Schwierigkeiten. Dazu kommen die harten Bandagen des Marktes und die Trägheit der möglichen Leser. Hingegen funktionieren die als Ratgeber definierten Bücher sehr gut. Weil bereits im Titel steht, wobei einem geholfen wird und Hilfesuchende werden in eindeutigen Sätzen und praktischen Aufgaben, welche Punkt für Punkt abzuarbeiten sind, angeleitet, ihr Leben zu verbessern.

Literatur hingegen fordert Lesende heraus, ihre eigenen Welten mit den Welten der Bücher zu verbinden und selbst Schlüsse daraus zu ziehen. Das braucht Muße. Und Hingabe. Den Willen, die vom Schreibenden vorgestellten Welten nachzuvollziehen. Gerade in einer Zeit ständiger Überforderung kann das Eintauchen in einen literarischen Text einen Freiraum eröffnen, den man sonst kaum findet. Intensive Lektüre kann sogar als Widerstand interpretiert werden, so wie ich mich damals mittels Lesen gegen den einschränkenden Weg in ein ländliches Frauenleben wehrte.

«Widerstand» leisten die Texte nun nicht mehr im Sinn einer kritischen Funktion, die sie in der Gesellschaft erfüllen sollen; vielmehr bezieht sich das Konzept jetzt auf das unmittelbare Erleben des Lesers. Wer liest – und zwar nicht nur gelegentlich oder zur Überbrückung leerer Momente, sondern mit einem Fokus im Sinne der literarischen Tradition –, hält sich einen Freiheitsraum offen, den ihm niemand streitig machen kann.

Joao Cezar de Castro Rocha, Hans Ulrich Gumbrecht: Lesen als Akt des Widerstands, in: NZZ, 16.12.2019

In meinem literarischen Schreiben möchte ich Anschlussstellen bieten und dennoch die Sprache nicht verraten. Das heißt nicht, dass Literatur ausschließlich einen Nutzen haben soll. Aber sie soll sich offenhalten, meine ich. Und ich versuche niemals zu vergessen, woher ich komme. Und niemals zu vergessen, woher die kommen, in deren Kreisen ich mich im Raum des Literaturbetriebs bewege. Das Wichtige aber ist, dass es Lesende gibt, die sich in der Literatur erkennen und so aus ihrer Einsamkeit erlöst werden. Dass sie erkennen können, nein, nicht nur ich bin davon betroffen, es gibt auch andere, die so fühlen, so etwas erleben. Mal schauen, was die daraus machen. Und das kann von Anweisungen, wie man gegen einen übermächtigen Fisch kämpft, sich aus restriktiven Familienverhältnissen löst, bis zur reinen Lust an Rhythmen und lautmalerischen Qualitäten von Worten reichen. Dieses Hineinschlüpfen in andere Wesenheiten, so wie bei Schneeweißchen und Rosenrot. Dort ist der Ort, an dem sich Schreibende und Lesende begegnen.

Sabine Scholl, Januar 2020


Sabine Scholl und Margit Schreiner werden am 13. Oktober 2020 über das Thema „Literatur gegen Hilflosigkeit“ im Literaturhaus Salzburg diskutieren.


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