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auf jeden Fall Lektüren

Klug, überraschend, witzig und unsympathisch

Mercedes Spannagel liest Nell Zink.

Nachdem mir, vor Jahren bereits, mein Vater eine Ausgabe des ZEITmagazins gegeben hatte, auf dessen Cover die mittlerweile in Deutschland lebende US-amerikanische Autorin Nell Zink zu sehen war mit dem Zitat „Ich versprach mir nichts vom Leben als schreibender Mensch“[1], und ich mich die letzten Jahre immer wieder aufgrund großer Identifikation daran erinnert habe, las ich während des ersten Lockdowns endlich Nell Zinks Debütroman Der Mauerläufer (im Original The Wallcreeper, 2014), und war – vielleicht war es auch gar nicht anders möglich – fasziniert von den Figuren, die so klug, überraschend, witzig und unsympathisch sind.

© Rowohlt Verlag

Virginia (im Original Mislaid, 2015) ist ihr zweites Buch, übersetzt von Michael Kellner. Und auch hier merke ich, dass Nell Zink ihre Protagonistinnen mit all ihren Macken liebt, und das erfreut mich sehr und ich liebe ja auch. Es geht um Lee Fleming, Lyrikdozent an einem College, Dichter „aus gutem Haus“, schwul: „Eine Runde Poolbillard mit Matrosen ist schöner als Charleston im Frühling, wenn es die richtigen Matrosen sind.“ (S. 30) Und Peggy Vallaincourt, die bei ihm studiert, lesbisch: „Schließlich sagte sie: ‚Ich bin eigentlich nicht mit dir hier rausgekommen, um über Reitturniere zu reden.‘ Das war ein Fehler. Emily starrte auf die Windschutzscheibe und sagte: ‚Dann bist du dumm, denn du magst mich, und ich möchte eben über Reitturniere reden.‘“ (S. 17) Peggy wird schwanger von Lee („Das ist kein Fett. Das ist ein Fleming.“ S. 28), es sind die späten 60er. Peggy haut nach 10 Jahren Irgendwas (Ehe) mit ihrer kleinen Tochter Mireille ab, dabei „kamen der Sheriff und seine Hilfssheriffs regelmäßig zu dem Ergebnis, dass es Peggys erste Priorität hätte sein müssen, auch ihren Sohn bei Lee herauszuholen“ (S. 64). Der Sohn Byrdie, bei seinem Vater geblieben, hatte „das Potenzial, ein arroganter Arsch zu werden, weil alle ihn verehrten, aber bisher war er sicher durch die Sekundarstufe gekommen, in der sich immer noch alles um universelle ethische Werte drehte.“ (S. 138) Und was machen Peggy und Mireille? Peggy gibt ihrer Tochter die Identität eines verstorbenen, schwarzen Mädchens namens Karen Brown: „Im nächsten Jahr war Karen blond, vier Jahre alt und ging auf die fünf zu. Trotzdem war es kinderleicht, sie als schwarze Sechsjährige für die erste Klasse anzumelden.“ (S. 72) Das Spannende an Virginia ist, dass diese Lüge als wahr angenommen wird, das Konstrukt funktioniert, ganz Virginia zweifelt nicht am Schwarzsein von Peggy und ihrer Tochter – aber was sagt mir das? Ich dachte mir dann, es geht um Ignoranz, auch der eigenen Geschichte gegenüber: Im Titel der deutschsprachigen Übersetzung wird der Ort der Handlung noch einmal betont, Virginia nämlich, ein Südstaatenland und ehemaliger sklavenhaltender Staat. Die Ignoranz der weißen Bevölkerung zeigt sich in solchen Sätzen: „Die Gastgeberin meinte sich zu erinnern, dass die Franzosen Schwarze mochten oder vielleicht selbst schwarz waren – so genau wusste sie das nicht.“ (S. 151) Nell Zink prangert also eine mangelnde Bildung oder Auseinandersetzung an, die der weißen Bevölkerung ganz selbstverständlich ist. Nell Zink sagt damit auch: Die Unterschiede, die zwischen Menschen gemacht werden, beruhen rein auf unreflektierten, weitergegebenen Vorurteilen. Und dann gibt es Peggy, eine kluge, emanzipierte Frau oder eine Frau auf der Suche nach ihrer Emanzipation, die diese herrschenden Stigmata für sich nutzt, um unterzutauchen und vom Umfeld unhinterfragt in prekären Lebensverhältnissen leben zu können – das macht sie nicht zu einem besseren Menschen. Tatsächlich scheint es keine wirklichen Sorgen zu geben, oder vielleicht werden diese durch Nell Zinks ironische und daher distanzierte Schreibweise nicht greifbar. Am Ende sind natürlich alle wieder weiß und glücklich: „Ich meine, ich bin froh, als Schwarze aufgewachsen zu sein, weil das cooler ist, aber das Sagen haben ja eindeutig die Weißen.“ (S. 310) Nell Zink führt in ‚Virginia‘ das verantwortungslose Ausnutzen von Privilegien vor, und nur weil Virginia weit weg ist von Österreich, heißt das nicht, dass wir uns nicht angesprochen fühlen sollen.

Mercedes Spannagel, Wien

[1] https://www.zeit.de/zeit-magazin/2016/12/nell-zink-literatur-romane-schriftstellerin-the-wallcreeper/seite-2


© Kiepenheuer & Witsch

Mercedes Spannagel hätte am 26. November 2020 in Salzburg auf Einladung des Literaturforums Leselampe ihren Debütroman Das Palais muss brennen, der in diesem Jahr im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Die Lesung wurde auf den 18. Februar 2021 verschoben.

Der Roman Virginia von Nell Zink ist in der Übersetzung von Michael Kellner im Rowohlt Verlag erschienen.

Bitte kaufen Sie Bücher in Ihrer lokalen Buchhandlung.


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