Die ungarische Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte ist gezeichnet von großen Auswanderungsbewegungen, die sich auch in den jüngsten Jahren fortsetzt. Die Erfahrung der Emigration war und ist nicht zuletzt auch prägend für Kunst und Literatur. Die von Zoltán Lesi herausgegebene Anthologie An unseren Grenzen haben wir Angst (danube books) bietet einen Querschnitt durch die zeitgenössische literarische Auseinandersetzung mit der Emigration aus Ungarn. Zwei der Texte, die diese Anthologie versammelt, möchten wir Ihnen hier vorstellen. Kristina Tóth sowie György Dragomán waren beide mehrfach in Salzburg bei Prolit zu Gast.
Das wird jetzt eine unbeschreiblich schwierige Übung.
Versuche dir vorzustellen, dass du nicht zu Hause bist. Dass du ganz woanders bist. Du bist schon sehr lange dort, seit Monaten, seit Jahren.
Es geht nicht? Ich helfe dir.
Stell dir vor, dass du auf dem höchsten Punkt eines Hügels stehst, in der Mitte eines schön gepflegten Parks in einer fremden Stadt, es ist kühl, aber du frierst nicht, der frische Wind bläst dir ins Gesicht, du schaust hinauf in die sich auftürmenden Quellwolken, für einen Sekundenbruchteil denkst du, dass du hier sogar zu Hause sein könntest, du seufzt, ja, zu Hause, und als ob sich durch die Kraft dieses Seufzers alles in einem Sekundenbruchteil verändert hätte, befällt dich das Heimweh.
Du schaust hinauf in den Himmel, und er ist nicht ganz so, wie er sein sollte, bloß ein kleines bisschen anders, bloß ein kleines bisschen unvertraut, fremd.
Fremd ist der Himmel, fremd ist die Erde, fremd ist das Land, fremd ist die Stadt, du selbst bist auch fremd. Du gehörst nicht hierher.
Du senkst den Blick zu Boden und gehst, hier kannst du nicht bleiben.
Das feuchte Gras unter deinen Schuhen rutscht, der Schotter knirscht, so sehr beeilst du dich, nur weg von hier, zurück nach Hause, du willst auf dem kürzesten Weg dorthin gelangen, jetzt sofort. Du kommst an eine große Pfütze, der Grund des Gehwegs ist eingesunken, das überströmende Wasser des Springbrunnens hineingeflossen, du watest durch, es ist tiefer als du dachtest, deine Schuhe füllen sich mit Wasser.
Du bleibst stehen, siehst hinunter, um deine Füße herum wirbelt das Wasser noch vom Schwung deiner Schritte, dann glättet sich der Spiegel kräuselnd, du erblickst darin dein eigenes Antlitz.
Ein Fremder sieht dir entgegen, das bist du, natürlich, dieses Gesicht hast du schon hunderte, tausende Male gesehen, und dennoch erkennst du dich nun nicht wieder, du siehst dort einen Fremden, der erschrocken sein eigenes Spiegelbild betrachtet, sein Gesicht zuckt, Angst zeichnet sich darauf ab, eiskaltes Grauen, die Kälte des Wassers sickert langsam deine Wade herauf Richtung Knie, und du weißt, dass sie dort nicht Halt machen wird, dass sie schon bald dein Herz erreicht.
Du betrachtest das fremde Gesicht, du weißt nicht, was es hier sucht.
Wer ist das und was will er, wie kommt er hierher, warum ist er gekommen, warum ist er da? Warum gibt es ihn überhaupt?
Du stehst dort, betrachtest das Wasser, und plötzlich weißt du nicht nur nicht mehr, wer du bist, sondern auch nicht, woher du kommst und wohin du gehst.
Nein, das kann nicht sein, du musst es wissen. Du kommst von zu Hause, aus der schönsten Stadt der Welt, und dorthin willst du auch zurück, jetzt sofort wirst du dorthin zurückgehen, du verstehst gar nicht, warum du stehen geblieben bist, du verstehst nicht, warum du dich nicht rühren kannst.
Du willst an dein Zuhause denken, an den Ort, an dem du aufgewachsen bist, an die Straße, in der du gewohnt hast, an euer Haus, an dein Zimmer, an dein altes Leben. Du willst dich daran erinnern, du willst, dass die Erinnerung schön ist, und du erinnerst dich tatsächlich, dort im Wasser spiegelt sich alles wider – für einen Sekundenbruchteil ist deine Geburtsstadt dort um dich herum, du stehst erneut auf dem Boden deiner Heimat, nicht inmitten einer fremden Pfütze.
Du bist nie von dort fortgegangen, nie von hier fortgegangen. Du bist dort und hier, an zwei Orten zugleich, du siehst diese alte Stadt ganz klar, doch du siehst sie nicht mehr mit denselben Augen wie früher, vor deinem Aufbruch, dein Blick ist präziser und kälter, du siehst mittlerweile ihre Fehler und Unschönheiten, du siehst dich selbst in ihr, du wünschst dir, du wärst nie von dort weggegangen, dass du nie hättest weggehen müssen, doch du weißt zugleich, dass du weggehen musstest, dort konntest du nicht länger bleiben, du fühlst dich feige und mutig zugleich, in dir tragen Selbstmitleid und Zorn ein ewiges Duell aus, mal denkst du, du hättest nicht gehen dürfen, mal glaubst du, dass es doch richtig war, du versuchst dich zu erinnern, dabei weißt du jedoch auch, dass du dich gar nicht mehr an deine Erinnerungen erinnerst, sondern nur an die bloße Geste des Sicherinnerns, du hast genug von diesen Wutanfällen, von dieser erschlagenden Ohnmacht, von diesem lähmenden Nicht-hier-nicht-dort und Auch-hier-auch-dort, davon, wie dieses Gefühl alles um dich herum in Grau taucht, als ob du die Welt um dich ab jetzt für immer nur noch über das Spiegelbild von sich grau kräuselndem Pfützenwasser wahrnehmen könntest.
Du stehst da, versuchst in den Himmel zu blicken, der Himmel ist grau, die Wolken sind auch grau, der Schwindel reißt dich nach oben, die Kälte des Pfützenwassers zieht dich nach unten, dein Magen rebelliert, als dich ein unwiderstehlicher, vertikaler Sog erfasst und dich um den eigenen Bauchnabel herum dreht, das Spiegelbild des Himmels tauscht Platz mit dem Himmel selbst, dann kommt alles an den richtigen Ort, nur um dann wieder Platz zu tauschen, die Realität oszilliert hin und her, nichts ist dort, wo es hingehört, du bist auch nicht dort, wo du hingehörst, du stehst in einem endlosen Korridor aus Spiegeln, eingeschlossen in einem langen Moment, du glaubst, für immer dort festzusitzen.
Fertig. Das war’s.
Die Übung ist zu Ende. Wenn du sie richtig gemacht hast, dann wirst du dich immer ein bisschen an dieses Gefühl erinnern, oder zumindest wirst du irgendwie wissen, was es in wirklich hoffnungslosen Momenten bedeutet, heimatlos zu sein.
Natürlich kannst du sagen, dass dies nichts gebracht hat, dass du nicht so bist, dass das nicht du bist, dass dir so etwas nie passieren kann, doch du musst wissen, wenn du allein die Möglichkeit zurückweist, dann wirst du dich selbst vermutlich nie wirklich kennen lernen.
