Kategorien
auf alle Fälle Texte

Friulanisches Quartett

Vier Gedichte von Esther Kinsky

Reiher bei Osoppo
am rand des ackers mager bestellt
mit rötlichem kriechwuchs
vergleißtem fruchtstand
alles steht still zur vergangenheit
der reiher wie ratlos
ob der dürre
nicken der stirnlocke
kaum merklich zur anderen seite
des flussbetts blau unter krähen
die ihm erwidern.


Den entronnenen vogel
in händen, die fingerkuppen
auf der starren kopfkappe –
graugefieder weiß gestrichelt
die augen darunter schwärzlich umkränzt –
kommen mir statt seines namens
andere in den sinn,
im entrinnen erlegene wie
die trauermeise bei rom
im februarlicht, der grünfink
vor meiner tür auf dem dorfe,
die nackte amsel, die wir damals begruben,
erstaunt, wie die kaum geschlüpfte haut
unseren kinderhänden glich,
wir weinten und es läuteten glocken
zum mittag, es war eine übung
eingeschlichen in die hände
mit ihrer furcht vor dem bebenden leben
in aller flucht.


Der vogelfremd
allnachts im
obstgarten des nachbarn
ein geckerndes klagen hoch
und nieder kräuselnd und schnarrend
immer so scharf wie
es nur im dunkeln geschieht
dieses wehscharfe tscheckern dem
die nacht über die klinge springt
und mond dabei zeigt
sichelförmig zu klar
um wahr zu sein dieses
ausgestochene horn licht
kindersilber im nachtwo
was ist schon der himmel
wenns finstert?
allnachts dieses rufen
es jammert
um einen namen.


Hier stehts geschrieben das
girgulen der schnepfen
dort tief im verschilften.

Hagebutten verstellen den blick
und schließ ich die augen
sehe ich rittersporn.

Da schreitet der nachbar
kämpft unter der sonne
gegen kohlweißlinge.

Stumpf steht der mittag
auf laub und dem weichen
fell der persimonen.

Am abend taumeln die falter
und ihre schatten werden
blau und zerbrechlich.

Esther Kinsky, Wien


Beitrag teilen/drucken:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.