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Den roten Faden finden

Zu Margit Schreiners „Sind Sie eigentlich fit genug? Mehr über Literatur, das Leben und andere Täuschungen“

Margit Schreiners „Sind Sie eigentlich fit genug? Mehr über Literatur, das Leben und andere Täuschungen“

Neben den Herausforderungen, in den eigenen vier Wänden seit einiger Zeit wesentlich mehr unterbringen zu müssen und dabei verschiedene Lebensbereiche voneinander (räumlich, emotional, psychisch) getrennt zu halten – diese vier Wände sollen nicht näher zu rücken beginnen –,  stehe ich auch vor der Aufgabe, mich dem bzw. vor das Bücherregal zu stellen: Welches Buch nehme ich zur Hand? Was kann ich lesen, soll ich dieses und jenes lesen? Womit beginne ich? 

Wenn sich Ratlosigkeit einstellt, greife ich erst recht zu Büchern, ohne Fragen, die von dem gewählten Buch beantwortet werden sollen. Das eine oder andere Buch schlage ich unwillig, enttäuscht nach nur wenigen Worten, Zeilen, Seiten wieder zu, zur Ratlosigkeit gesellt sich Rastlosigkeit: Womit anfangen?  

„Möglicherweise nimmt der Leser Literatur manchmal zu persönlich, und dann wieder gar nicht. Zu wörtlich, glaube ich, was ihn selbst betrifft; was andere betrifft, wittert er oft bloß niedrige Instinkte.“

Bei einem einmaligen Buchtitel also hängen geblieben, das Buch aufgeschlagen: „Zu persönlich“ und „zu wörtlich“, konstatiert Margit Schreiner in ihrem Essay Schreibt Thomas Bernhard Frauenliteratur? Oder: Liebe, Trost, Hoffnung, der 2003 erstmals in Volltext erschienen ist. Nach der Relektüre des scharfsinnigen, ironischen und bisweilen bitterbösen Essays wird der gleichnamige Band wieder quergelesen – es stellt sich ein Gefühl der Orientierung ein. Zehn Jahre nach Erscheinen des Buches hat Margit Schreiner wieder eine Sammlung ihrer Artikel für Zeitungen, Zeitschriften, Statements, Reden und Essays veröffentlicht, also „mehr über Literatur, das Leben und andere Täuschungen“. Die verstreuten Themen, Fragestellungen und literarischen Formen bilden in dem neuesten Buch von Margit Schreiner Sind Sie eigentlich fit genug? Mehr über Literatur, das Leben und andere Täuschungen Kontinente ab, als die sich Leben und Schreiben der Autorin begreifen lassen: „Literarisches“, „Biographisches“, „Weibliches“, „Redliches“ und „Politisches“. Auf jedem Kontinent – oder jeder Scholle, wie Norbert Niemann Formen von Lebenswirklichkeiten in unserer Gegenwart in seinem Essayband „Erschütterungen“ beschreibt – werde ich fündig: Mit scharfem Blick weiß Margit Schreiner die Untiefen des Literatur(super)markts und -betriebs aufzuzeigen, und fragt sich, wohin manche Bücher, Autorinnen und Autoren verschwinden, die sie begeistert haben. Sofort ist mein Interesse geweckt und ich verfolge die Spuren von John Crace, Jane Bowles und anderen, Lücken im eigenen Bücherregal werden konstatiert, neue Kontinente tun sich auf. So auch der des „Biographischen“, sobald ich wieder zu Margit Schreiners Buch zurückfinde: Margit Schreiners Schreiben entwickelt sich entlang ihrer eigenen Biografie, so etwa auch die drei Bücher Nackte Väter, Haus, Frauen, Sex und Heißt lieben, die die „Trilogie der Trennungen“ bilden. In den großartigen Texten Weg von Linz und, im Abschnitt Weibliches angekommen, Muttertag, der Tag des Wellensittichs, sind es die Trennung von den Orten der Kindheit und eine Studie familiärer Zustände im österreichischen Kleinbürgertum der 1960er und 70er Jahre, die in die Eltern- und Großelterngenerationen zurückführen.  

Mit den Erkundungen der Schreib- und Lebenskontinente von Margit Schreiner komme ich nicht so schnell an ein Ende, die Autorin legt zahllose Fährten und reizt mich immer wieder zu unumwundener Zustimmung, aber auch zur Widerrede; sofort gehe ich in Verteidigungshaltung, wenn im Text Der erste Satz an der Literatur des 19. Jahrhunderts kaum ein gutes Haar gelassen wird. Margit Schreiner ist eine Autorin, die in allem Stellung bezieht und ihre LeserInnen nicht aus der Verantwortung lässt. Auf der Suche nach dem roten Faden in unserem Leben sind wir auf uns selbst zurückgeworfen: „Alles muss man selber machen, finden, erfinden! Besonders das eigene Leben. Eine blöde Geschichte.“ (Der rote Faden) Was für ein Glück, dass es Bücher gibt: „Der Mensch sehnt sich nach Ordnungen in all dem Chaos, das er vorfindet. Genau das ist der rote Faden im Leben und in der Literatur.“

Auf jeden Fall Margit Schreiner lesen und den roten Faden um den Finger wickeln.  

Margit Schreiners Sind Sie eigentlich fit genug? Mehr über Literatur, das Leben und andere Täuschungen ist 2019, der Essayband Schreibt Thomas Bernhard Frauenliteratur? Über Literatur, das Leben und andere Täuschungen 2009 erschienen, beide im Verlag Schöffling & Co. 2008 ist ein Porträtheft der oberösterreichischen Literaturzeitschrift Die Rampe erschienen, herausgegeben von Christa Gürtler. 

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