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Eigentum ist Diebstahl

oder: Was wir von Emilio Renzi lernen können

Mein kürzlich fertiggestelltes Buch über den argentinischen Autor Ricardo Piglia (1941-2017) trägt den Titel Wer war Emilio Renzi? und besteht zu wesentlichen Teilen aus Zitaten, aus Übersetzungen von Passagen aus Renzis Tagebüchern und von Interviews, Gesprächen, Vorträgen. Am liebsten würde ich alle drei Bände dieser Tagebücher [1] übersetzen und veröffentlichen, aber es ist unwahrscheinlich, daß sich dafür ein Publikum fände. Für mich persönlich sind alle Eintragungen hochinteressant, einige vielleicht in geringerem Maß, wie das bei Tagebüchern stets der Fall ist (selbst bei Kafka…), aber doch, interessant, auch diese. Einem europäischen Leser hätte man, wollte man das ganze Material herausbringen, immer wieder Details, Orts- und Personennamen, Momente der argentinischen Geschichte u. dgl. zu erklären. Ich bin aber überzeugt, daß eine Auswahl für jeden Literaturfreund interessant sein kann, und eben diesem hypothetischen Interesse glaube ich mit meinem – unserem, seinem – Buch zu entsprechen. En el lenguaje no hay palabra propia, sagte Piglia 2013 in Monterrey: „In der Sprache gibt es kein Privateigentum.“ Er bezog sich auf öffentliche Gespräche wie das, an dem er gerade beteiligt war, pflegte diese Überzeugung aber insbesondere auf die Literatur, auf literarische Werke zu anzuwenden. Wenn ich einen Autor übersetze, schreibe ich von anderen verfertigte Texte neu, was nicht ohne Aufbietung des eigenen schöpferischen Vermögens geschehen kann. Das gilt auch für Tagebucheintragungen. Im vorliegenden Fall ist der Übergang, ist das Hin und Her zwischen Original und deutschem Text, Interpretation und Wortlaut, Essay und Erzählung, Erzählung und Nacherzählung, zwischen Renzis oder Piglias Überlegungen und meinen eigenen – einschließlich gelegentlicher, doch entschiedener Abschweifungen – besonders ausgeprägt, auffällig und essentiell. Das Eigene und das Fremde. Das Angeeignete, horribile dictu, ein Verbrechen im Zeitalter des Neoliberalismus. Ein pädagogisches Programm in früheren Zeiten, zum Beispiel Goethes. Sobald wir uns öffnen, sobald wir etwas lernen, machen wir uns etwas, letztlich die ganze Welt, zu eigen. Und umgekehrt, wir entfremden uns von uns selbst, lassen uns auf etwas – die Welt – ein, werden ein Anderer. Diese existentielle Lesart des Werdens, besonders des Schriftsteller-Werdens, ist ein wesentliches Motiv von Piglias Konstruktion der Renzi-Figur für seine Fiktionen, aber auch in seinem Leben.

Hier noch ein letzter Diebstahl aus Renzis Tagebüchern:

Gespräch im Büro des Retirement Funds in Bezug auf das Gehalt, das ich bekommen werde, nachdem ich zu unterrichten aufgehört und zu einem pensionierten Professor geworden sein werde. Die Sitzung an einem wunderschönen Ort, vielleicht der eleganteste Raum der Universität, den Wäldern und dem See gegenüber. Die mit der Angelegenheit befaßte Sekretärin ist jung und lächelt automatisch, sobald sie einen Satz beendet. Eine Art seelenloser, aber fröhlicher Killer. „Wie viele Jahre schätzen Sie, daß Sie und Ihre Frau noch leben werden?“, fragt sie, während sie meine Daten in ihrem Computer checkt. Die Menge an Geld muß durch die Zahl der Lebensjahre des „Begünstigten“ geteilt werden. Sie spricht auf natürliche und effiziente Weise über das Thema, zeigt mir sogar die Statistiken und Tabellen, die die Lebenserwartung der emeritierten Professoren der Universität zeigen. Anscheinend leben die Mathematiker und Physiker am längsten (durchschnittlich 85 Jahre). Die Literaturprofessoren sterben hier in der Regel ziemlich jung (76 Jahre [2]). „Es gibt Ausnahmen“, sagt sie lächelnd, „aber die Schätzung ist wichtig, weil davon der Betrag der Rente abhängt.“ Gut, antworte ich, meine Mutter und meine Großmutter haben sehr lange gelebt, länger als der Durchschnitt der Mathematikprofessoren. Sie fragt mich in ernstem Tonfall, wie ich mein Geld zu investieren gedenke. Wenn man ein Risiko auf sich nimmt, steigen die Zinsen; wenn es Anleihen mit Garantie sind, ist der Ertrag natürlich geringer. Dann fragt sie noch, wie lange Carola leben wird. Ich betrachte die schöne Landschaft, die man hinter der Fensterfront sieht, und fühle mich ein bißchen mutlos. Zu schätzen, wie viele Jahre die Leute leben werden, um das Geld zu berechnen, das sie monatlich bekommen dürfen, ist das klarste Beispiel kapitalistischer Ethik. Da gibt es keine ideologischen Schleier oder falschen Hoffnungen, man hat sich der Wirklichkeit als solcher zu stellen. Am Ende schlage ich ihr einen Deal vor; es ist mir lieber, meinem Leben keine Grenze zu ziehen. In diesem Fall, sagt sie, können Sie eine Lebensversicherung abschließen und ein monatliches Fixum erhalten. Es ist eine Wette, wie die Wette Pascals. Werde ich steinalt, ist der Pensionsfond der Dumme; sterbe ich früh, bin ich der Dumme, weil der Rest des Geldes, der nach meinem bedauerlichen Ableben weiter Erträge abwirft, in staatliche Kassen fließt. Die Rente werde ich ab Januar nächsten Jahres beziehen. Wir werden sehen, wie lange das Geld reicht.

Ich habe die Passage nicht nur deshalb ausführlich zitiert, weil ich zeigen wollte, in welcher Gemütsverfassung – mit einer starken Dosis Ironie – Renzi/Piglia seinen Lebensabend betrachtet, sondern auch, weil man hier seine lebenslange Distanz gegenüber der kapitalistischen, insbesondere der neoliberalen Wirklichkeit erwägen kann. Daß er sich nie vollständig vom Peronismus seines Vaters lossagte, hat auch damit zu tun. Nicht ohne merklichen Eigensinn stellte Piglia seinem letzten Buch Los casos del comisario Croce ein fast dreiseitiges Zitat von Karl Marx voran (ohne Angabe des Copyrights, ohne Nennung der Quelle, nur Name und Datum [3]). Der Roman Plata quemada, „Geld brennt“ oder auch „Brennender Zaster“, beginnt mit einem Motto von Bertolt Brecht über Bankraub und Bankgründung, das man, wie so manchen „Sager“ Brechts, durchaus anzweifeln kann [Ricardo Piglia: Brennender Zaster. Aus dem argentinischen Spanisch von Leopold Federmair. Berlin: Wagenbach 2001. Der Originaltitel lautet Plata quemada. An einer Stelle von Wer war Emilio Renzi? erzähle ich von meinen späten Bedenken hinsichtlich der Übersetzung des Titels]. Der Satz ist letztlich eine Variante von Proudhons Diktum, das jedes Eigentum zum Diebstahl am Gemeinbesitz erklärt. Derlei Sprüche haben überhaupt nur Sinn vor dem Horizont eines fernen Ideals, das Karl Marx als Kommunismus beschrieb und das man im 20. Jahrhundert mit den bekannt katastrophalen Folgen zu verwirklichen trachtete. Wenigstens im Geistigen, wenigstens im kulturellen, wenigstens im künstlerischen Bereich sollte dieses Ideal doch hochzuhalten sein? Das, was Adorno als Kulturindustrie beschrieb, hat diesem Ansinnen längst einen Riegel vorgeschoben und geistig-künstlerische Werte zu ökonomischen gemacht. In der Wirtschaft aber regiert das Privateigentum. Tardewski, der polnische Emigrant in Concordia, Entre Ríos [5] versucht, sein Scheitern zu radikalisieren und auf ökonomische Werte ganz zu verzichten. Das gelingt ihm nicht so ganz, denn die Urheberschaft an seiner These über die Begegnung von Kafka und Hitler und ihre Folgen ist ihm wichtig. Daß er dabei als Kopist eines von ihm selbst geschriebenen Textes, den er aber nicht lesen kann, eine groteske Figur abgibt, zeugt wiederum von Piglias Ironie. Am selben Tag, an dem der Text in einer argentinischen Zeitung erscheint, wird Tardewski sein geringes Hab und Gut aus seinem Zimmer gestohlen. „Es war lächerlich, wenn man darüber nachdenkt. Ich veröffentlichte mitten im Weltkrieg in La Prensa einen Artikel, um mir die geistige Urheberschaft an einem künftigen Buch zu sichern, und die Antwort war ein realer Diebstahl. War das nicht eine Lektion?“ Fast ein Lehrstück, obzwar ein komisches.

[1] Ricardo Piglia: Los diarios de Emilio Renzi. 3 Bände. Barcelona: Anagrama 2015-2017.
[2] Genau das Lebensalter, das Ricardo Piglio erreichte.
[3] Karl Marx, Abschweifung über produktive Arbeit, ein Text über die Gestalt des Verbrechers, seine Funktion in der kapitalistischen Gesellschaft und einige Spuren, die sie in der Literaturgeschichte hinterlassen hat.
[5] In Piglias Roman Künstliche Atmung. Übersetzt von Sabine Giersberg. Berlin: Wagenbach 2002.


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