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im schönsten Fall Geschichten

Die Wirklichkeit kann warten

Leo Tolstois Geschichtensammlung „Die leere Trommel“

Im Sommer habe ich eine Sammlung von Geschichten gelesen, die – scheint’s – einfacher zu begreifen nicht sein könnten. Sie stammen von Tolstoi; Wladimir Kaminer hat sie vorgestellt und ein Vorwort dazu verfasst. Das Buch [1] ist nicht sehr sorgfältig gemacht; und nirgendwo ist nachzulesen, wer die Texte übersetzt hat, aber unabhängig von diesen Mängeln haben mich diese Geschichten sehr beschäftigt.

Die erste erzählt von einem Kaufmann namens Aksjonow, der zwar in seiner Jugend ein etwas liederlicher Mensch war (er hatte gern getrunken), mit seiner Verheiratung aber ein solides Leben beginnt. Eines Tages will er zu einer Warenschau fahren; seine Frau versucht ihn aufgrund eines Traumes, den sie hatte, zurückzuhalten, er fährt fröhlich trotzdem. Auf der Fahrt lernt er einen andern Kaufmann kennen, verbringt in einem Gasthaus einen Abend mit ihm, bricht am nächsten Morgen früh auf, wiederum sehr fröhlich, wird auf einer weiteren Station von der Polizei aufgehalten und des Mordes an eben jenem andern Kaufmann bezichtigt (für die Polizei leicht zu beweisen, da sie in Aksjonows Koffer ein Messer findet). Ziemlich schnell, wenngleich nicht sofort, erkennt Aksjonow, dass er aus dieser Sache nicht mehr herauskommen wird; das Verfassen weiterer Gnadengesuche an den Zaren (seine Frau hatte es bereits versucht) erspart er sich: Es wird sich niemand die Mühe machen, der Sache auf den Grund zu gehen. Er wird also unschuldig zu Peitschenhieben und Sibirien verurteilt. Der Erzähler vermerkt: „All seine Lustigkeit war verschwunden.“ (…) Und:

Im Zuchthause lernte Aksjonow Stiefel machen und kaufte sich für das verdiente Geld die Legenden der heiligen Märtyrer und las darin, wenn es im Zuchthaus hell war; an den Feiertagen ging er in die Gefängniskirche, las die Apostelgeschichte und die Episteln des Neuen Testaments und sang auf dem Chor – seine Stimme war immer noch schön.

Nach 26 Jahren taucht im Gefangenenlager ein Mann namens Ssemjonowitsch auf; es kommt zu den üblichen Gesprächen unter den Gefangenen (weshalb sie hier sind, schuldig oder unschuldig etc.), und Aksjonow ahnt aufgrund der Reden des Neuen, dass dieser der eigentliche Mörder des Kaufmanns ist. „Nachts konnte Aksjonow nicht schlafen, und er litt so große seelische Schmerzen, dass er nicht wusste, was er beginnen sollte.“ In ebensolcher Nacht sieht er, wie Ssemjonowitsch einen Ausgang zu graben versucht. Ssemjonowitsch verspricht Aksjonow, ihn auch hinauszubringen; wenn er ihn aber verraten sollte, würde er ihn totschlagen. „Ich habe keinen Grund von hier fortzugehen, und mich töten kannst du nicht, du hast mich schon lange getötet. (…)“ Der nächste Tag beschert Aksjonow die Gelegenheit, Ssemjonowitsch bei der Gefängnisdirektion in dessen Gegenwart zu verraten; kurz zögert er, aber er tut es nicht. Ssemjonowitsch taucht in der Nacht vor seiner Pritsche auf und bittet Aksjonow, ihm zu verzeihen, er sei es gewesen, der den Kaufmann getötet habe –. Ssomjonwitsch wiederholt seine Bitte und betont, dass er sich selber anzeigen werde, Aksjonow könne dann „nach Hause zurück“. –  „Du hast gut reden, aber was wird aus mir? Wohin soll ich jetzt gehen? … Mein Weib ist tot, meine Kinder haben mich vergessen; ich kann nirgend hin…“ 

Und dann sagt er: „Gott wird dir verzeihen; vielleicht bin ich hundertmal schlechter als du.“ Am Ende heißt es:

Ssemjnowitsch hörte nicht auf Aksjonow und gestand sein Verbrechen. Als die richterliche Entscheidung eintraf, er könne heimkehren – war Aksjonow gestorben.

Die Geschichte ist nur ein paar Seiten lang, und man könnte meinen, unmissverständlich bis in alle ihre Glieder. Sicher kann man sich einige Fragen zu Aksjonows Verhalten stellen, etwa, was es ihm möglich macht, so zu handeln? Ob er eher ein gnadenloser Realist als ein Heiliger ist, der von der einzigen Freiheit Gebrauch macht, die ihm bleibt? Oder ist „Realist“ und „Heiliger“ hier fast dasselbe – und das Ergreifen von innerer Freiheit ebenso Gabe wie Folge ausdauernder, konsequenter Übung?

Jedenfalls ließ mich die Geschichte an einen Zeitungsartikel denken, den ich vor Jahren gelesen hatte: er berichtete von einem Mann schwarzer Hautfarbe, der in einer amerikanischen Stadt vor mindestens zwei Jahrzehnten verurteilt worden war, seinen kurzzeitigen Arbeitgeber umgebracht zu haben; er selbst gestand das Verbrechen aber nie. Der Staatsanwalt, der die Anklage führte und dem zuständigen Richter das Material für seinen Schuldspruch lieferte, bekannte später, dass er seine Arbeit nicht ordentlich gemacht hatte, er sei ehrgeizig gewesen und habe, wie viele seiner Kollegen, vorschnell geurteilt, ohne ausreichende Beweise einzuholen. Der schnelle Erfolg sei ihm wichtig gewesen; sein mangelhaftes Tun und die damit verbundenen Gefahren hätten erst Jahre später sein Gewissen zu belasten begonnen. Nachdem der Verurteilte nach mindestens zwei Jahrzehnten Todeszelle für unschuldig erklärt und aus der Haft entlassen wurde, hatte er unheilbaren Krebs; der Staatsanwalt bat ihn um Verzeihung, der Mann konnte ihm diese Bitte nicht erfüllen; kurz danach verstarb er. (Soweit ich mich erinnere, aber ich bin in den Details nicht mehr sicher, setzte der Staatsanwalt sich mittlerweile für die Aufklärung von ähnlichen Fällen ein und hatte in diesen Angelegenheiten einige Anstrengung auf sich genommen… vermutlich gaben diese den Anlass für den Artikel ab.)

Das Verlangen des Staatsanwalts, von dem, den er unrechtmäßig in die Todeszelle gebracht hatte, „Vergebung“ zu begehren, empörte mich damals ebenso, wie mich jetzt das Vermögen Askjonows derart zu handeln, erschütterte.

Versetze ich mich in die Lage eines derart Geschädigten, stelle ich mir vor, dass ich, um „zu verzeihen“, den Schmerz des Täters über sein Vergehen fühlen und dabei erkennen müsste, dass er nicht die geringsten Anstalten macht, seine Verantwortung auf Umstände oder allgemein gültige Gewohnheiten abzuwälzen. (Was soll einer, dessen Leben zerstört worden ist, mit Worten anfangen?)

Vielleicht spielt sich in der Szene zwischen Ssemjonowitsch und Aksjonow Derartiges ab?

[1] Leo Tolstoi: Die leere Trommel, Märchen und Legenden aus dem alten Russland. Vorgestellt von Wladimir Kaminer. Diederichs 2010.

Andrea Winkler, Wien


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