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auf alle Fälle Texte

Die wahren Verteidiger der Städte

Wenn deine Stimmung getrübt ist oder wenn dich die Verzweiflung gepackt hat, kannst du deine Hände waschen, bevor du weiterliest.

Gewiss, Damaskus ähnelt nicht Aleppo, und Deir al-Zor unterscheidet sich von beiden; auch strahlt es nicht wie sie. Früher gestand ich mir das nicht ein, denn ich wollte nicht, dass eine Frau bemerkt, dass ich mir in all diesen Städten nicht gleiche. Nun aber pendele ich von einer Stadt zu ihrer Schwester, zu ihrer Cousine, und stets bin ich ein anderer, je nachdem, wie es Straßen, Häuser, Spiegel und Bewohner der Stadt wollen.
Ich bin nicht der Einzige, der jeweils anders ist. Auch die Alkoholverkäufer werden mal weniger, mal mehr, je nach Laune einer jeden Stadt, je nach Erziehung und den Ratschlägen ihrer betagten Mütter.

Wenn deine Stimmung getrübt ist oder wenn dich die Verzweiflung gepackt hat, kannst du deine Hände waschen, bevor du weiterliest. In einer einigermaßen glaubwürdigen Zeitschrift las ich, dass das Waschen der Hände die Laune hebe und die Psyche stärke, sogar bei Menschen, die kurz vor dem Selbstmord stehen. Stell dir mal vor, wie viele Menschen dem Tod hätten entkommen können, hätten sie sich nur die Hände gewaschen!
Wäre das Wasser in Damaskus, in Aleppo, in Deir al-Zor oder in der Ghouta nicht abgedreht gewesen, wären – trotz der Chemiewaffenangriffe – viele Syrer noch am Leben.
Stell dir vor, der Diktator hätte sich die Hände gewaschen, bevor er den Befehl zum Angriff gab! Ein Diktator aber wäscht sich nicht die Hände.
Das ist eine Tatsache, die jene bezeugten, die Hitler in seinem Bunker mit schmutzigen Händen und Überresten von dreckigem Schießpulver an den Schläfen vorfanden.
Lassen wir die von der Chemie getrübte Laune. Ich bin sicher, dass deine Hände sauber sind, und ich bin nicht »hier«, um dir zu erzählen, was »dort« passiert. Du weißt alles aus dem Fernsehen, vom Bürgermeister und von der Partei, die in deinem Land die Medien kontrolliert. Darüber hinaus bist du beladen mit Erinnerungen. Du hast viele Städte durchquert, und du bist sicher, dass viele Städte dich durchquerten und noch durchqueren werden.
Ich komme zwar von weit her und aus einer anderen Kultur, aber ich weiß genauso gut wie du, wie man vor dem Überqueren der Straße nach links und rechts schaut. Und ich weiß, dass wir beide die Straße manchmal bei roter Ampel überqueren, weil keine Autos zu sehen sind. Ich weiß auch, dass es für alles ein Gegenteil gibt. Ich weiß genauso gut wie du, dass das Gegenteil von hell dunkel ist, das Gegenteil von satt hungrig und das Gegenteil von lebendig tot. Und ich weiß auch, dass mein Reisedokument das Gegenteil von deinem schönen Reisepass ist, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass auch die Stadt ein Gegenteil hat. Zumindest habe ich nicht erwartet, dass ich den Widerspruch einmal selbst erleben werde, und zwar ganz unmittelbar.
Wenn du eine schwarze Burka siehst, stellst du dir einen weißen Bikini vor. Wenn du einen Türken mit adrettem Schnauzbart siehst, stellst du dir einen Europäer mit glänzendem Kinn vor. Und wenn du mich mit meinem schwarzen zerzausten Haar und meinen zerlumpten Kleidern siehst, stellst du dir Einstein mit seiner weißen hochstehenden Mähne vor. Oder vielleicht Napoleon Bonaparte auf seinem weißen Pferd.
Ich bin dein Gegenteil, laut Medien, Bürgermeister und Fernsehen.
Glaubst du nicht, dass ich nicht nur dein Gegenteil bin, sondern auch deine Vervollkommnung?
Ich frage dich, weil du unaufmerksam bist und dein Verstand sich mit dem beschäftigt, was du siehst. Warst du, als du in Amsterdam warst, mit deinen Gedanken etwa in Mekka oder im Vatikan?

Seit ich meine Stadt verließ, verfüge ich über übernatürliche Kräfte. Sie könnten gut im nächsten Sommer in einem Hollywoodfilm vorkommen,
denn ich bin in der Lage, über jede beliebige Stadt zu sprechen, ohne sie besuchen oder einen Fuß in sie setzen zu müssen.
Ich bin ein Flüchtling, und ich kann mir das Flüchtlingsdasein überall vorstellen, in jedem Stadtviertel und auf jedem Berg. Soll ich dir von der Flüchtlingserfahrung in Barcelona erzählen? Ich gehe auf Wikipedia, finde heraus, welche Sprache in der Stadt gesprochen wird und male mir meine Qualen bei ihrem Erlernen aus. Dann lese ich einen der dort berühmten Schriftsteller und stelle mir vor, wie ich im Umgang mit den Figuren der Geschichte einen Fehler begehe und wie sie mir beibringen, mich schnell zu integrieren. Es gleicht der Anleitung zur Gewichtsabnahme oder zum Erlernen der Gabe, andere in fünf Tagen von mir zu überzeugen, wie es die legendären Geheimagenten so meisterhaft beherrschten …
Ich habe Mitleid mit jenen, die immer noch in ihrer Heimat leben. Sie gaben alles, was sie besaßen, um zu erfahren, wie andere Zivilisationen fühlen, wie andere Sprachen klingen, wie unterschiedlich der Pfeffer schmeckt, wie anders die Frauen gehen und wie sich das Lächeln und die Farbe von Schweiß und Arak unterscheiden.

Ich kann dich in jede Stadt mitnehmen, weil ich nicht in meine eigene Stadt gehen kann. Ich will nicht angeben, um Gottes willen, aber du weißt, dass jede Stadt ihre Fans, ihre Besucher und sogar ihre Beschützer hat. Auf dem Platz vor der Nationalbibliothek in Wien zum Beispiel sitzen sich zwei Wächter hoch oben in den Sätteln ihrer Pferde einander gegenüber. Und in Syrien steht auf jedem Platz die Statue eines Landesverteidigers, doch der Schatten der Assad-Statue überdeckt alles. Genau wie bei Hitler, dessen Schatten die Helden überdeckte, sodass die Pferde wieherten und die Welt stillschwieg.

Aber was nützen die Verteidiger, wenn es nicht in ihrer Macht steht, etwas zu tun? Wenn sie nichts bewegen können? Es gibt Millionen Verteidiger der Humanität, doch sie stirbt, und der Schatten des Todes saugt ihre Unschuld auf und löscht ihre Glut.
Die wahren Verteidiger sind die Verliebten, sie bewahren die Menschlichkeit in ihrem lebendigen Gewissen, in ihren Erinnerungen oder … oder sie töten zweihundertsechsundzwanzigtausend Zivilisten und Soldaten, um den Ort zu retten, an dem sie ihre bessere Hälfte küssten, ihre Liebhaberinnen oder Ehefrauen, wie die Legende es verlangt.
Henry L. Stimson, der amerikanische Verteidigungsminister, verbrachte seine Flitterwochen in Kyoto. Er trank Sakeschnaps und verneigte sich vor den Notabeln und den Bettlern, und ganz bestimmt lobte seine Frau die Schönheit seiner Augen, deren Farbe gut zu den Kirschblüten im Hintergrund passte.
Der eiserne Verteidiger Stimson, oder lass ihn uns »Samson« nennen, wie es diese Geschichte verlangt, strich den Namen seiner Lieblingsstadt aus der Liste der Städte, auf die die Atombombe fallen würde, und setzte an ihre Stelle den Namen Nagasaki.
Die Menschlichkeit in ihrer höchsten Ausformung ist die Rettung einer Stadt, die dir etwas bedeutet, selbst wenn es auf Kosten einer anderen Stadt geschieht, selbst wenn es auf Kosten aller Getränke der Welt geschieht, auf Kosten aller Kirschbäume der Welt.
Ich habe noch nie Flitterwochen in irgendeiner Stadt gemacht, aber ich frage mich, warum die Besuche von Präsidenten und Ministern aus aller Welt in meiner Stadt offizielle Besuche waren. Hat die Regierung sie beschworen, die Stadt nach dem Ende ihrer Mission und ihrer Besuche sogleich wieder zu verlassen? Keinen Moment allein in ihren Straßen und Vierteln zu verbringen? Vielleicht würden sie ja die Gastfreundschaft eines
Laden- oder Straßenverkäufers genießen und dann meinen, dieser Stadt ein bisschen Sehnsucht und Zärtlichkeit zu schulden!

Warum rüttelte eine Frau ihren Mann nachts nicht wach und sagte zu ihm: „Steh auf, mein Geliebter, unsere Stadt, in der wir Süßholzsaft tranken und aus der Hand des Verkäufers Damaszener Maulbeeren aßen, jene Stadt, in der die Statuen im Schatten der Statue stehen, in der es all diese Widersprüche gibt, all die Farben und all die Götter, jene Stadt wird bombardiert und verbrannt und gemordet. Steh auf, mein Lieber, unsere Stadt, in der du einst zu mir sagtest, du würdest dich für mich vom Kassjun-Berg stürzen, jene Stadt wird bombardiert.
„Steh auf, lösche ihren Namen aus dem Heft des Todes und ersetze ihn durch die Namen aller Städte, in die wir noch nicht gereist sind, die wir noch nicht besucht und in denen wir noch niemals Flitterwochen verbracht haben.“
Ganz sicher ähneln manche Städte nicht den anderen, aber einige hinterlassen ein Jucken im Hirn. Sie wecken dich mitten in der Nacht und sagen: „War diese Stadt meine Stadt oder war sie ihr Gegenteil?“

Ich weiß, dass das Thema dir unangenehm ist und dass du jetzt an deine Lieblingsstadt denkst und dass du versuchst, deine liebsten Erinnerungen an deine liebste Stadt zu retten …
Wasch deine Hände …


Der Text erschien im Band „In meinem Bart versteckte Geschichten“ (Arabisch / Deutsch, übersetzt von Larissa Bender und Kerstin Wilsch) im Verlag edition korrespondenzen.

Die für 3. Juni geplante Lesung wird verschoben. Hamed Abboud wird am 30. September 2020 auf Einladung von prolit in der Galerie Untersberger-Kerschbaumer (Salzburg) aus seinem Buch lesen.

mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags edition korrespondenzen


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