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Der Petuschki-Cocktail

Michael Stavaric liest „Die Reise nach Petuschki“ von Wenedikt Jerofejew.

Man nehme 200 Gramm Komödie, 200 Gramm Tragödie, 150 Gramm Paraphrasen, mische diese sorgfältig, füge einen Schuss Absurdität hinzu, garniere abschließend mit institutionalisierter Dummheit und staatlicher Willkür – und fertig ist der Petuschki-Cocktail. Ein Werk, das man gelesen haben muss (Ausreden werden nicht toleriert!). Kaum ein Autor hat je besagte Ingredienzien gekonnter, unterhaltsamer und berührender zusammengefügt als Wenedikt Jerofejew. Das Buch (Originaltitel: Moskva-Petuski) avancierte zum Kultbuch im sowjetischen Samizdat und zählt zu den absoluten Klassikern des 20. Jhdts. Der Erzähler versucht von Moskau aus ins zwei Stunden entfernte Petuschki zu gelangen, woran er hoffnungslos scheitert. Petuschki, eine Metapher des unerreichbaren irdischen Glücks. Die Sicht bleibt verstellt – Alkohol (der Protagonist ist ein hoffnungsloser Säufer), Ächtung und Kommunismus stellen die einzige Realität dar. Der Roman ist reich an Bibelzitaten, unterschiedlichsten Legenden, Gogols „Die toten Seelen“ und vielen anderen Hauptwerken der Weltliteratur, es erschließt sich dem Leser jedenfalls ein ganzer Kosmos literarischen Schaffens, und plötzlich weiß man wieder was es bedeutet, das Mensch-Sein. Das Mensch-Sein müssen. Und das Mensch-Sein dürfen.

Michael Stavaric, Wien


Michael Stavaric hätte am 29. April 2020 aus dem Roman „Fremdes Licht“ (Luchterhand Verlag) gelesen. Die Lesung wurde auf den 29. Oktober 2020 verschoben (Veranstalter: prolit, Literaturforum Leselampe).


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