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von Fall zu Fall Fragen

Briefe vom Atem

Die Gedichte entstanden in lyrischer Zwiesprache zwischen der italienischen Dichterin Maria Borio und dem Berliner Lyriker Tom Schulz. Sie begegnen sich an der Schnittstelle zwischen Poesie und dem Brief. Der Brief, in Form eines Gedichts, gehört zu den ältesten Formen der Literatur und ist Mitteilung, Befragung, Antwort und Dialog.

Die Gedichte entstanden in lyrischer Zwiesprache zwischen der italienischen Dichterin Maria Borio und dem Berliner Lyriker Tom Schulz. Sie begegnen sich an der Schnittstelle zwischen Poesie und dem Brief. Der Brief, in Form eines Gedichts, gehört zu den ältesten Formen der Literatur und ist Mitteilung, Befragung, Antwort und Dialog. So wie es in dem bekannten Gedicht „The Conspiracy“ des amerikanischen Dichters Robert Creeley heißt:

You send me your poems,
I’ ll send you mine. 
Things tend to awaken
even through random communication.


Briefe vom Atem

Gedichte

Die Hirschkuh, die wir sahen, stammt aus dem 16.
Jahrhundert. Alles schien golden, auch unser Atem
in der Winterluft. Ein Mann saß schlafend vor der
Kathedrale. Auf den Mosaiken die Tiere, unversehrt
und der Schäfer. Pastorale, Pesca. Wir aßen pink-
farbenes Gebäck. Nur Bettler und Hausierer werden
aus dem Weltkulturerbe vertrieben. Auf den Stufen
von Sant’Apollinare umarmten wir einander.
Die Entfernung zwischen uns: mit jedem Hauch geringer.
Wenn man die Stadt ans Meer zurück versetzen könnte.
Wenn wir die Liebe unter allen Menschen ausriefen
könnten, wenn. Als das Wasser nicht mehr weiter floss,
standen wir an einem Siel. Als wir wussten, dass
das Wasser versickern würde. Als wir hörten, dass die
Böschungen abrutschen. Als die Brücken nachgaben.

(Ravenna, 8. Januar 2019)

Tom Schulz


Sono bocche, lingue, labbra i resti sul fiume,
li scriviamo con la mente e nella bocca,
sulla lingua, all’argine bagnato delle labbra –
tutto il tempo di un mondo liquefatto:
le spine dei ricci di castagna si sciolgono,
l’autunno non inverte più la primavera,
il caldo e il freddo si depositano sul Tevere
come lettere mobili, pericolose, semi senza alveo,
clima senza guscio – innestano tensioni nuove.
Nelle nostre voci le spine diventano cristalli,
dalla tua lingua alla mia trasparenti, dalla mia alla tua
azzurro più nascosto nel fondale, presente nel futuro.
Il fiume è sopra, lo vediamo correre da una riva all’altra.
Nella bocca i denti sono pesci, le onde sono labbra.
Dove un mondo è nella bocca tutti uniti cadono.

Roma, 16.12. 2018

Die Reste auf dem Fluss sind Münder, Zungen, Lippen,
wir schreiben sie im Kopf und im Mund,
auf der Zunge, am nassen Damm der Lippen –
die versammelte Zeit einer verflüssigten Welt:
die Stacheln der Kastanien-Igel lösen sich auf,
der Herbst kehrt den Frühling nicht mehr um,
Wärme und Kälte lagern sich über dem Tiber ab
wie bewegliche, gefährliche Lettern, Samen ohne Flussbett,
Klima ohne Schale – induzieren neue Spannungen.
In unseren Stimmen werden die Dornen zu Kristallen,
von deiner Zunge zu meiner transparent, von meiner zu deiner
verborgeneres Blau am Wassergrund, Gegenwart in der Zukunft.
Der Fluss ist oben, wir sehen ihn fließen von einem Ufer zum anderen.
Im Mund sind die Zähne Fische, die Wellen sind Lippen.
Wo eine Welt im Mund ist, fallen sie alle vereint.

Rom, 16.12.2018

Maria Borio

aus dem Italienischen von Julia Dengg


Niemand ist vor dem anderen gestorben. Alle haben gelebt.
Die Blumen gegossen, die Scheine in den Tiefkühler gelegt.
Ich werde nicht vor dir sterben, du nicht vor mir. Alle werden
nicht voreinander sterben. Auch nicht nacheinander. Alle werden
geschaukelt vom Grund der Erde, alle werden einmal den
Basalt küssen und den Bauchnabel. Das Krankenhaus an der
Straßenecke entlässt alle und alle kommen heraus mit Blumen
im Haar, alle sind jung und alt. Jeder zupft ein Blättchen vom
Basilikum, jede hört eine Musik. Alle sind innen und außen
auch schön, alle haben gelebt. In der Tasse ist Wasser, in der
Kanne Kaffee. Ich werde nicht vor dir sterben, du wirst nicht
vor mir sterben. Die weiße Bäckerei verschenkt Kuchenreste
an Kinder, von Mosaiken rufen Hirsche und Kühe. Zirkus, Rummel
und Gaukler bleiben noch länger in der Stadt. Du wirst sehen
wie ich das Haus betrete. Ich werde sehen, wie du die Tür öffnest.

(Berlin, 01. Juli 2019)

Tom Schulz


C’è un’immagine che si riflette tra le facce,
le nostre teste sembrano quelle di due cervi.
Nel mosaico di S. Apollinare la femmina e il maschio
allungano le ossa sulla fontana e la foresta si piega:
facce e occhi diventano la sostanza della foresta –
o sono un mare, la fontana è la zona delle tre miglia
dove vediamo il naufragio delle nostre immagini
e degli stranieri come dice Cornelius nel De dominio maris,
la vertigine e il rigore del limite tra paesi e uomini,
tra uomini e animali, come guardarsi nella fontana e essere
donna e uomo o il maschio e la femmina di una specie,
un gene o una storia di migrazioni. La tua faccia e la mia
sono i confini delle tre miglia. Se chiediamo “da te a me”
cosa significa, “da me a te” ritorna, annulla l’origine e la meta,
il dominio del mare, lo specchio dove in silenzio bevono i cervi.

Ravenna, 4.1.2019

Da ist ein Bild, das sich spiegelt zwischen den Gesichtern,
unsere Köpfe gleichen den zwei Hirschköpfen.
Im Mosaik von S. Apollinare recken Weibchen und Männchen
den Hals zur Quelle und der Wald biegt sich:
Gesichter und Augen werden zur Materie des Waldes –
oder sind ein Meer, der Brunnen ist die Drei-Meilen-Zone,
wo wir den Untergang unserer Bilder sehen
und der Flüchtlinge, wie Cornelius schreibt in De dominio maris,
Schwindel und Strenge der Grenze zwischen Ländern und Menschen,
zwischen Menschen und Tieren, wie sich ins Wasser zu schauen
und Frau und Mann zu sein oder Männchen und Weibchen einer Art,
ein Gen oder eine Migrationsgeschichte. Dein Gesicht und meines
sind die Drei-Meilen-Grenze. Wenn wir fragen, was „von dir zu mir“
bedeutet, spiegelt es „von mir zu dir“ zurück, löscht die Herkunft und das Ziel,
die Herrschaft über das Meer, den Spiegel, wo die Hirsche in Stille trinken.

Ravenna, 4.1.2019

Maria Borio

aus dem Italienischen von Julia Dengg


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