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auf alle Fälle Texte

Brennen.

Lida setzt Zeigefinger und Daumen an den Rand des Sockels. Drückt leicht in eine Richtung, vorsichtig, wahrscheinlich zu vorsichtig. Der Sockel bleibt drin. Lida knickt ihren Zeigefinger ab, setzt das Mittelglied und den Daumen an, so kann sie die Stärke besser kontrollieren.
Der Sockel bewegt sich, es knirscht ganz leise, Lida spürt eine leichte Reibung, spürt sie auch durch die Latexhandschuhe durch. Jetzt geht es.

Lida setzt Zeigefinger und Daumen an den Rand des Sockels. Drückt leicht in eine Richtung, vorsichtig, wahrscheinlich zu vorsichtig. Der Sockel bleibt drin. Lida knickt ihren Zeigefinger ab, setzt das Mittelglied und den Daumen an, so kann sie die Stärke besser kontrollieren. 

Der Sockel bewegt sich, es knirscht ganz leise, Lida spürt eine leichte Reibung, spürt sie auch durch die Latexhandschuhe durch. Jetzt geht es.

Sie legt den Sockel zu den anderen in die Kiste, stellt den Glaskolben der Glühbirne zu den anderen in den Eierkarton. Fünfzehn Glühbirnen hat sie schon aufgemacht, nur eine ist ihr dabei zerbrochen. Lida hat sich noch nicht ganz für eine Verschlusstechnik entschieden, das Wachs liegt in der Kiste neben den herausgedrehten Sockeln. Daneben die Farben.

Die meisten sollen Rot werden. Rot für das Blut, auch wenn es ihr platt erscheint und Plattitüden nichts sind, womit Lida gut kann. Sie wird noch etwas Schwarz oder Braun in das Rot mischen, damit es weniger nach Clownsnase, mehr nach wirklichem Blut aussieht. Das Verbluten, das Heraushängen der Organe, das Verrecken sehen schließlich auch nicht nach Klatschmohn und Frühlingskleid aus. Braun hat Lida gekauft, eine kleinere Flasche, Schwarz war noch da. Sie wird auch ein paar mit Lila machen, den Deckel musste sie vorher schon mit einer Zange aufmachen, offenbar war sie das letzte Mal schleißig mit dem Abwischen vor dem Zumachen, alles festgeklebt.

Hinter den Farbflaschen liegen die Luftballone. Lida hätte lieber noch mehr Glühbirnen, auch wenn der Transport mühsamer ist, aber man kann sich auf ihr Zerplatzen verlassen, auf ihre Fragilität im Kontakt mit harten Oberflächen, dazu braucht es nicht viel Kraft und außerdem, findet Lida, liegen sie besser in der Hand. Sie wird die Luftballone für die Orte nehmen, wo sie von oben herunter oder sehr gerade werfen kann. Lida weiß, dass ihr Wurf weniger kräftig wird, wenn sie aufgeregt ist, wenn das Adrenalin rauscht, wenn es schnell gehen muss, schnell und präzise, und sie muss sich nichts mehr beweisen. Lida investiert lieber mehr Zeit in das Sammeln und Finden der alten Glühbirnen als farbgefüllte Wasserbomben abprallen zu sehen, schadlos, als eine Chance zu vergeben. Außerdem kann sie gut mit fragilen Dingen. 

Lida legt den Sockel der letzten Glühbirne in die Kiste und lehnt sich zurück.

Später kommt Simu, das mit der Buttersäure müssen sie zu zweit machen, außerdem hat Simu die Masken dafür gekauft. Lida stößt mit ihrem Fuß leicht gegen den Chlor-Behälter unter der Eckbank, um sich nochmals zu vergewissern, dass noch genug da ist. Natürlich wird es den Geruch der Buttersäure nicht völlig überdecken können, aber es hilft. Und momentan sind ohnehin nicht allzu viele Leute im Haus, das ist gut.

Sie steht auf, zieht die Handschuhe vorsichtig aus und kreist mit ihren knackenden Schultern.

„Das ist auch das Patriarchat“, hat Leni letztens zu ihr gesagt und ihr genau in einen ihrer Schmerzpunkte gedrückt. „Immer schön die Schultern einziehen, ein bisschen kleiner sein als eigentlich, lieber sein als eigentlich, leiser sein als eigentlich.“

Während Leni sie massiert hat, musste Lida an die Physiotherapeutin denken, die letztens in der Kabine neben ihr zu ihrem Kollegen gesagt hat, dass ihre übernächste Patientin nur von einer Frau behandelt werden will und gemeint hat: „eine von den ganz Komplizierten.“ Ihr Kollege hat nichts gesagt und Lida hat überlegt, ob sie die Therapeutin darauf anspricht, wenn sie wieder zu ihr kommt und mit dem Ultraschallstab auf ihrem Rücken herumfährt, ob sie etwas sagt dazu, aber Lida hatte keine Kraft dafür. Keine Kraft für diese Auseinandersetzung und vielleicht auch Angst davor, danach schlechter behandelt zu werden. „Heute sind Sie aber ganz besonders verspannt“, hat die Physiotherapeutin gemeint.

Dass sie gnädiger sein soll mit sich, hat Simu gesagt, als sie ihr davon erzählt hat. Dass man nicht immer alle Kämpfe kämpfen muss. Lida weiß das und weiß es gleichzeitig nicht. Sie denkt wieder an die Badewannen, alle sitzen sie in diesen unterschiedlichen Badewannen an Privilegien, manche haben ein Loch und manchmal lässt jemand Gift hinein und manchmal Honig und manchmal beides gleichzeitig. Nur die Schwimmreifen in ihren Badewannen sind dieselben, es sind Schwimmreifen aus Wut. Auch aus Fassungslosigkeit, aus Trauer und aus diesem Brennen. Lida denkt an die Badewannen und etwas in ihr sträubt sich schon wieder, es sind so große Worte, so schwere Worte und abgegriffen sind sie auch. Sie hasst das Schwülstige und die Raumnahmen, die Jahrhunderte an Patriarchatsaspik, in der so viele dieser Worte eingelegt sind, Lida denkt an Feinkostabteilungen und Einmachgläser, an das träge Schweben von so Vielem. An die Gleichgültigkeit. 

Sie kreist noch einmal mit den Schultern, schüttelt sich und beginnt, die Trichter vorzubereiten. „Irgendwo muss man ja anfangen“, hört sie Simus Stimme in ihrem Kopf, bei diesem einen Treffen vor zwei Monaten und kann noch immer das Nicken spüren, das plötzlich durch den Raum gegangen ist, den Entschluss.

Während Lida Farbreste aus den Trichtern kratzt und sie unter dem eiskalten Wasser abspült, denkt sie an das Gefühl, als Raphaels Nasenrücken unter ihren Knöcheln geknackt hat. Sie denkt nicht mehr an seine Hände, an ihre Bestimmtheit, wie sie fünf Mal dasselbe sagt, sie denkt nicht mehr an die von ihm aufgezwungene Nähe, sie denkt nur mehr daran, wie der Knochen seiner Nase ein Stück nachgegeben hat unter ihrer Faust. Und daran, wie sie ihre geschwollenen Knöchel auch in den Tagen danach noch wie eine Trophäe mit sich herumgetragen hat, wie sie ihre Hand fotografiert hat und ihr jede unachtsame Bewegung wieder einen kleinen Schmerz durch ihre Finger gejagt hat, der ihr zeitgleich den Rücken aufrichtete. 

Als sich Simus Schlüssel im Schloss des Kellerraums dreht und die Tür aufgeht, flattert der geknickte und ein wenig schmutzige Zettel auf dem Tisch im Luftzug. Sie begrüßen einander, Simu nimmt Lida routiniert die Trichter aus der Hand und macht weiter. Lida hat die Liste am Tisch vorhin schon abgeschrieben, Simu wird es später noch tun. Aus dem Gedächtnis aufschreiben, möglichst in richtiger Reihenfolge, für die Dauer der Zeit im Kellerraum behalten, durchlesen, durchgehen, vor dem Gehen vernichten. Das ist ihr System, das Aufschreiben der Orte, der Ziele, Begehungen nur alleine und zeitlich mit den anderen abgesprochen. Eine Sicherheitsliste, die finale, an der sie so lange überlegt und diskutiert haben, liegt an einem anderen Ort. Lida weiß nicht mehr, wie viele Treffen sie gebraucht haben, um diese Liste zu erstellen. Es waren zu viele Orte, natürlich, genau das ist ja das Problem. 

Vor drei Wochen haben sie die Liste nochmal ergänzt, vor drei Wochen, als Lenis Wohnadresse im Internet veröffentlicht wurde, als ihr Wohnungsschloss verklebt wurde, ihr Fußabstreifer vollgesogen mit Urin war und quer über ihrer Tür stand, dass das erst der Anfang wäre und das Ende vom „großen Austausch“ mit ihrem Hals beginnen würde.

Leni hätte die Polizei nicht gerufen, zu viele gemachte Erfahrungen, zu wenig Kraft für die halbherzigen Fragen, den Unterton, die eingestellten Ermittlungen. Lenis Nachbar aber hatte schon angerufen, sie wird also eine Zahl, eine Zeile in einer Statistik sein, die konsequenzlos bleibt.

Konsequenzen hat nur die neue Zeile auf ihrer Liste.

Die erste Waffe, zu der Lida, zu der sie als Gruppe gegriffen haben, immer wieder greifen, ihre Basiswaffe, ist ihr Solidarischsein. Untereinander, miteinander, mit anderen.

„Without solidarity, you´re fucked“, hat auch Yaroslava gesagt, an dem Nachmittag, den sie mit ihr verbracht haben, als sie ihr die Tabletten übergeben haben, alle, die sie kriegen konnten, das Geld und die paar anderen Dinge. An dem Nachmittag, bevor Yaroslava zurückgefahren ist und niemand von ihnen ausgesprochen hat, dass sie sich vielleicht nie wiedersehen werden.

„Hast du das schon gesehen?“, unterbricht Simu Lida in ihren Gedanken und hält ihr das Handy hin. Lida und Simu schauen sich an und wissen beide, dass diese Meldung sie nicht überrascht, ein weiteres geschlossenes Gewaltschutzzentrum, ein weiteres eröffnetes Abschiebezentrum, dass sie nichts anderes erwartet haben, genauso wie sie wissen, dass sie deshalb nicht ihre Wut verlieren dürfen. Sie wissen auch, dass in diesem Blick so vieles liegt: Elisa, der sie vor einem halben Jahr mitten in der Nacht zum 24. Dezember in ein Frauenhaus geholfen haben, ihre ausdiskutierte und trotzdem unzureichende Liste, Raphaels angebrochene Nase, Miras verschlüsselte Mails, Lenis Wohnadresse, Yaroslavas Umarmung zum Abschied.

Lida steht auf und setzt sich ganz nah neben Simu. Sie legen ihre Arme umeinander, ihre Köpfe aneinander, atmen gemeinsam ein und aus, die Finger verschränkt. Nach einer Weile lösen sie sich wieder und Simu blickt lächelnd an Lida vorbei auf die vorbereiteten Glühbirnen.

„Als nächstes die Buttersäure?“, fragt Simu.

„Als nächstes die Buttersäure.“, sagt Lida.


© Residenz Verlag

Katherina Braschel las im April 2026 im Literaturhaus Salzburg auf Einladung des Literaturforums Leselampe aus ihrem Debütroman Heim holen, der im Residenz Verlag erschienen ist. Hier finden Sie alle Informationen zum Buch und zur Autorin sowie zu geplanten Veranstaltungen. Außerdem spricht Katherina Braschel bei der Veranstaltung des Literaturforums Leselampe „Twinni – Texte zum Teilen“ in Kooperation mit dem Literaturfest Salzburg über die deutsche Lyrikerin und Aktivistin der afrodeutschen Bewegung May Ayim. Näheres dazu finden Sie hier.


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