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auf alle Fälle Texte

Bei Anruf: Wort

Hören Sie Hanno Millesi in der Badewanne lesen.

In einem Editorial auf den ersten Seiten von SALZ Nr. 86, erschienen im Dezember 1996, weist Brigitte Feichtner auf die (gemeinsam mit Literaturhaus und Leselampe) gestartete Aktion lit.hot.line hin. Gemeint ist eine temporäre telefonische Einrichtung, die vorsah, alle, die eine bestimmte Nummer wählten, in den Genuss einer im Schnitt etwa dreiminütigen Lesung eines literarischen Textes durch den jeweiligen Autor, die Autorin zu bringen. Bei Erscheinen des Heftes gab es bereits 25 dafür zur Verfügung gestellte Texte, beigesteuert unter anderem von O. P. Zier, Ludwig Laher, H. C. Artmann, Rosa Pock, Walter Kappacher und Kathrin Röggla. Einige dieser Texte finden sich in der genannten Ausgabe abgedruckt.  

Ich bin ungefähr 2016/17 auf diese Aktion gestoßen, als ich im Auftrag von Barbara Stasta und Magdalena Stieb gemeinsam mit meinem Kumpel Xaver Bayer, anlässlich ihres 50-jährigen Jubiläums eine Schau aus dem vielfältigen Archivmaterial von Leselampe und SALZ zusammenstellte.

Irgendetwas an der Idee eines literarischen Anrufbeantworters, womöglich die Jahre später weniger rührend, als vielmehr entlarvend anmutende Satire, schien uns ausgesprochen stimmig. Üblicherweise für gähnende Langeweile stehende automatische Telefondienste mit literarischen Miniaturen aufzuladen, ließ uns an revolutionäre Innovationen wie Brian Enos Musik für Fahrstühle oder Andy Warhols auf Automatenfotos basierende Porträts denken.

Angeödet von der mehr und mehr Lebensbereiche vereinnahmenden Entwicklung der Smartphones, rekonstruierten wir mit Hilfe des übriggebliebenen Materials (auf MC-Kassetten!) zumindest den Grundgedanken, dieser, wie uns vorkam, literarischen Infiltrationen jenes frühen Stadiums telefonischer Vernetzung.

Wiewohl das Abdrucken dieser Texte im ersten Moment seltsam anmuten mag – ich verstand das zunächst als eine Art Materialschau im Sinn von Manuskripten –, wird dabei immerhin deutlich, inwieweit die Schreibenden in ihren Texten auf die spezifische Präsentationsform eingingen oder Telefon und Anrufbeantworter schlicht als Übermittler auffassten.

Hanno Millesi: The Stars Are Hearing (2014, 17,3x23cm)

Als ich Jahre nach seiner Realisierung mit diesem Konzept konfrontiert wurde, wünschte ich nicht nur, ich wäre damals mit dabei gewesen, ich überlegte mir auch, wie sich mein Beitrag in etwa angehört hätte. Ihn hier abzudrucken, hieße, nur in einen von zwei Fußstapfen meiner geschätzten Vorgänger:innen zu treten, ihnen quasi auf halbem Weg zu begegnen. Genau genommen, wurde die lit.hot.line gerade noch rechtzeitig eingerichtet, manche werden sagen, vielleicht sogar ein wenig spät, war Mitte der 1990er Jahre das digitale Zeitalter doch längst angebrochen. Ende der 1970er hätte ein solches Konzept zweifellos noch mehr eingeschlagen. Es ist dieses zeitliche Überlappen, das es mir als Nachzügler sinnvoll erscheinen lässt, meinen Beitrag anlässlich des 50-jährigen Jubiläums von SALZ quasi nachzureichen.

Einmal mehr ist es der Innovation von Barbara Stasta und Magdalena Stieb zu verdanken, dass mein Beitrag – er stammt tatsächlich aus der Zeit meiner Konfrontation mit dieser Idee und schlummerte in einer Kiste, auf der steht: Was ich beigesteuert hätte, wäre ich damals mit dabei gewesen –, auf eine dem Original ziemlich nahekommende Weise rezipiert werden kann.

Hier hören Sie Hanno Millesi:

Dieser Beitrag ist entstanden für die Ausgabe 200/201 SALZ…


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3 Antworten auf „Bei Anruf: Wort“

Herrliche Idee, einen literarischen Anrufbeantworter wiederzubeleben! Schade nur, dass die MC-Kassetten heute kaum noch gelesen werden. Vielleicht sollte man die Texte doch auf Smartphones laden? Ich für meinen Teil hätte sicherlich eine gewaltige Satire beigesteuert, wenn ich nur nicht ständig am Telefon wäre. Trotzdem eine tolle Hommage an die Stastas und die Vorheriger. Mein Beitrag wäre wirklich gut für die Ausgabe 200/201. Manchmal ist es aber besser, beim klassischen Anrufbeantworter zu bleiben – dort kann man wenigstens mal gähnen, ohne dass jemand merkt, dass man nur mit sich selbst spricht.

Eine witzige Idee, einen literarischen Anrufbeantworter wiederzubeleben! Schade, dass die MC-Kassetten heute kaum noch gelesen werden. Vielleicht sollten wir die Texte doch auf Smartphones laden? Ich für meinen Teil hätte sicherlich eine gewaltige Satire beigesteuert, wenn ich nicht ständig am Telefon wäre. Trotzdem eine tolle Hommage an die Stastas und die Vorheriger. Mein Beitrag wäre wirklich gut für die Ausgabe 200/201. Manchmal ist es aber besser, beim klassischen Anrufbeantworter zu bleiben – dort kann man wenigstens mal gähnen, ohne dass jemand merkt, dass man nur mit sich selbst spricht.đếm ngược online

Herrliche Idee, einen literarischen Anrufbeantworter zu gründen! Schade nur, dass man heute kaum noch auf Kassetten lauscht. Vielleicht sollte man die Texte jetzt auf Smartphones laden? Ich für meinen Teil hätte sicherlich eine gewaltige Satire beigesteuert – wenn ich nur nicht ständig am Telefon bin. Trotzdem eine tolle Hommage an die Stastas und die Vorheriger. Mein Beitrag, der ja schon existiert, wäre wirklich gut für die Ausgabe 200/201. Manchmal ist es gut, einen Schritt nachzuziehen, besonders wenn man keine Ahnung hat, wie man es besser machen würde.đếm ngược online

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