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im schönsten Fall Geschichten

Barbara Frischmuth – Lust auf eine wilde Zukunft 

Über das vielfältige Werk der „‚natural born‘ Feministin“

In ihrer Poetikvorlesung Traum der Literatur – Literatur des Traums formuliert Barbara Frischmuth 1991 ihren weiblichen Traum von der selbstverständlichen Anwesenheit als Schreibende in der Literatur:

Sich endlich über die eigenen Strategien und Trugschlüsse lustig machen, ohne der Angst anheimzufallen, man liefere dem Gegner nur wieder Argumente, eine Angst, die genauso schlimm ist wie Selbstzensur aus politischen Rücksichten. Denken, was nicht sein darf, und was nicht ist, erfinden! Endlich wieder Lust auf Zukunft haben, trotz aller Bedrohungen und Gefährdungen, auf eine wilde Zukunft, in der alles möglich ist. 

Barbara Frischmuth: Traum der Literatur – Literatur des Traums, 1991.

Ihr Plädoyer für eine Literatur des Traums ist gleichzeitig ein Plädoyer für die Aufklärung. Und dazu zählt eben auch der Mut zur Grenzüberschreitung. Als „‚natural born‘ Feministin“ – so bezeichnet sich die 1941 in Altaussee geborene Schriftstellerin selbst –, schreibt sie in ihrem vielfältigen Werk darüber, was möglich sein könnte. Das bedeutet aber auch genau hinzuschauen auf das, was heute ist und gestern war. Frischmuths zahlreiche Romane, Erzählungen, Essays, Hör- und Fernsehspiele, Kinderbücher und literarische Gartenbücher zeichnen sich gleichermaßen durch genaue Recherchen, stupendes Wissen und eine Vorliebe für das Karnevaleske und die Phantasie aus. 

Barbara Frischmuth © Christian Jungwirth

Barbara Frischmuth ist schon in ihrer Kindheit fasziniert von Tausendundeine Nacht und dies beeinflusst die Wahl ihres Studiums. Sie erzählt, die Begrenzung ihrer Kindheitslandschaft Altaussee durch hohe Berge habe in ihr den Wunsch entstehen lassen, möglichst weit weg zu gehen. Und weil sie in Graz nicht Arabisch studieren kann, wählt sie ganz pragmatisch Türkisch. Dass sie nach umfangreichen Recherchen im abendländischen Kanon der Literatur keine vergleichbare Frauenfigur wie Scheherazade entdecken kann, bedauert die Autorin zeitlebens. 

Erste Gedichte erscheinen 1962 in der Zeitschrift manuskripte, da studiert sie noch Türkisch und Ungarisch am Dolmetsch-Institut in Graz und absolviert 1960 als erste Europäerin ein Stipendium an der Universität Erzurum in Anatolien. In ihrer Abwesenheit wird sie in Graz Gründungsmitglied der „Grazer Gruppe“ im Umkreis des ForumStadtpark und bleibt als einzige Autorin in der Männerrunde eine Ausnahmeerscheinung. 1964 übersiedelt sie nach Wien und beginnt ein Studium der Orientalistik. Im Sommer 1966 lernt sie im Berliner Literarischen Colloquium bei einer Tagung literarischer Übersetzer einige wichtige Männer des Literaturbetriebs kennen. Im Oktober 1967 ist sie Gast beim letzten regulären Treffen der Gruppe 47 im Gasthaus Pulvermühle in Franken, zu dem einige junge Autorinnen eingeladen werden. 1967 liest Frischmuth bei der Österreichischen Jugendkulturwoche in Innsbruck aus Vorarbeiten zum Buch Die Klosterschule, mit dem sie 1968 im Suhrkamp Verlag debütiert. Darin gestaltet Frischmuth sprachlich den Konflikt zwischen einer hermetisch geschlossenen Welt innerhalb eines katholischen Mädcheninternats und der scheinbaren Freiheit der Außenwelt. Die Sprachregelungen fördern nicht das selbständige Denken und Erwachsenwerden, sondern die Einübung in traditionelle Rollenmuster. Sie zeigt aber auch, wie die Sprache der Mädchen Widerstand leistet. Ihre eigenen Erfahrungen sind im Buch zu einer exemplarischen Analyse verdichtet. Das sprachexperimentelle Buch unterscheidet sich von vielen autobiographischen Internatsromanen und zählt bis heute zu den wichtigsten Texten der österreichischen Avantgarde. 

Doch Frischmuth verfolgt diese literarische Verfahrensweise nicht weiter, sondern folgt ihrer Lust am Erzählen. Als Frischmuth einen Übersetzungsauftrag für den Rowohlt Verlag bekommt, riskiert sie einen Wechsel von der Wissenschaft in den Literaturbetrieb. Ihre geplante Dissertation über den Bektaschi-Orden beendet sie nicht. Ihre Forschungen fließen aber in ihren 1973 erschienenen Roman Das Verschwinden des Schattens in der Sonne ein, in dem sie ihre erste Begegnung mit der türkischen Kultur und Gesellschaft literarisch gestaltet. 

Frischmuth zählt zu jenen abendländischen Schriftsteller:innen und Intellektuellen, die sich um eine Vermittlung zwischen Orient und Okzident bemühen, eine Arbeit, die in Europa gerne den „Migranten der Literatur“ überlassen wird. Sie ist überzeugt davon, dass Literatur einen Blickwechsel ermöglichen kann. Ihr beeindruckender Roman Das Verschwindendes Schattens in der Sonne ist nach über fünfzig Jahren hochaktuell. Dies kann man bewundern oder bedauern und sich an einen Satz aus dem Buch erinnern: „Nicht das Aufeinandertreffen von Eigenem und Fremden ist zu verhindern, sondern der Versuch ihrer gegenseitigen Auslöschung.“

Die Asylanten der Literatur – so der Untertitel ihrer Salzburger Festspielrede Das Heimliche und das Unheimliche – sind Übersetzer und Grenzgänger, denn sie bewegen sich zwischen Sprachen und Kulturen und „werden immer das Eigene mit dem Blick des Fremden und das Fremde mit dem Blick fürs Eigene ansehen.“ Für Frischmuth verkörpern sie deshalb das, was sie als „gegenseitige kulturelle Wahrnehmung bezeichnen möchte, ohne die auf Dauer kein Zusammenleben möglich ist.“ 

Diese Spannung zwischen Eigenem und Anderem thematisiert Frischmuth nicht nur im Gegensatz zwischen Okzident und Orient, sondern auch innerhalb der jeweiligen Kulturen und Religionen, etwa am Beispiel der Religionsgemeinschaft der Aleviten, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sind und die sich öffentlich lange nicht zu ihrer Religion bekennen durften. Zentrales Anliegen Frischmuths ist es, den Blick auf die Vielfalt des Islams zu lenken und den Orient nicht nur über die Religion zu definieren.

In der abendländischen Kultur richtet Frischmuth ebenfalls ihren Blick auf die Nachtseiten, auf Verborgenes, Unheimliches, Verdrängtes, das allzu oft mit dem Weiblichen verbunden ist. In ihrer Sternwieser-Trilogie setzt sie sich mit mündlichen Erzähltraditionen auseinander, in ihrer Demeter-Trilogie interpretiert sie Mythen aus einer weiblichen Perspektive und verweist beharrlich auf ausgegrenzte Diskurse. 

Barbara Frischmuth überrascht immer wieder durch die vitale Schilderung beeindruckender Frauenfiguren. Raffiniert lässt sie in ihrem Roman Der Sommer, in dem Anna verschwunden war aus verschiedenen Stimmen ein lebendiges Bild der Verschwundenen erstehen. Anna hat Ali, ihren alevitischen Mann türkischer Herkunft, und ihre beiden Kinder verlassen, sie wird am Ende des Sommers zurückkehren, ob sie bleiben wird, bleibt offen. Frischmuth erzählt keine Geschichte, sondern bietet Themen zur Reflexion an: Was geschieht, wenn eine Gesellschaft Menschen ausgrenzt, weil sie anders sind? Was geschieht, wenn Einzelne sich selbst ausgrenzen? Nach Annas Verschwinden beginnt ihre Tochter ihre religiösen Wurzeln zu entdecken, Kopftücher zu tragen und eine Koranschule zu besuchen. Frischmuth sucht in der Figur Inimini die problematische Identitätsfindung der sogenannten zweiten Generation von Frauen darzustellen und nimmt in der vieldiskutierten „Kopftuchdebatte“ eine differenzierte Position ein. Der Roman ist ein Plädoyer für die Verschiedenheit und die Suche nach dem Fremden in uns selbst und eine Absage an die Aneignung des Fremden. 

In ihrem Roman Woher wir kommen erzählt Frischmuth die Geschichten dreier Frauen einer Familie, die mehrere Generationen und rund 75 Jahre umfasst. Die Schauplätze sind Altaussee, Istanbul und Wien, wobei das heimliche Zentrum das Seehaus in Altaussee zu sein scheint. Die Familiengeschichte spannt einen Bogen von der nationalsozialistischen Vergangenheit des Salzkammerguts bis zum Umgang der Türkei mit den Kurden. So verschieden die Lebensläufe der drei Frauen sind, so zentral bestimmt die Erfahrung des Liebesverlusts alle drei Biografien, das heißt konkret, des Verlusts des geliebten Mannes, durch politische Gründe, durch Selbstmord, durch einen Unfall. Auf unterschiedliche Weise gelingt es den Frauen wieder Mut zum Leben zu fassen. 

Frischmuth erlaubt sich keine Sentimentalitäten, sondern begreift ihre Erfahrungen als Lebensmöglichkeiten, die sie in der Realität oder in ihrer Literatur ausleben kann. Dass mit dem Verlassen der Klosterschule ihre eigene Kindheit endet, erfahren wir erst bei der Lektüre ihres 2019 erschienenen Bestsellers Verschüttete Milch. Der Roman hat einen autobiographischen Kern, aber Frischmuth erzählt nicht aus der Ich-Perspektive, sondern erfindet eine Figur, die als Kind Juli und als Erwachsene Juliane heißt. Die Erzählerin weiß: „Mnemosyne, die Göttin des Gedächtnisses, der Erinnerung, wenn man so will, ist keine zuverlässige Gefährtin“. Fotos sind immer wieder Auslöser für Erinnerungen an die Familiengeschichte, aber es bleiben auch Leerstellen, dunkle Flecken und Lebenslügen, über die geschwiegen wurde. Die Mutter führte bis in die 1950er Jahre ein Hotel in Altaussee, einem Ort, „an dem Heil und Unheil Tisch an Tisch zur Sommerfrische saßen“. Denn die Sommerfrische war für Juden und Nazibonzen gleichermaßen attraktiv und unter die einheimischen nationalsozialistischen Parteigänger mischten sich vereinzelte Widerstandskämpfer:innen. 

Ende der 1990er Jahre kehrt Barbara Frischmuth nach Jahren in Wien nach Altaussee zurück und kann ihre Lust an der Natur sowohl in der Praxis als auch in der Literatur ausleben. Ihre literarischen Gartentagebücher vermitteln ihren pragmatischen Zugang zur Gartengestaltung. Dass sie auch ihre wissenschaftliche Neugier behalten hat, kann man in Der unwiderstehliche Garten. Eine Beziehungsgeschichte und ihren Vorlesungen Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen nachlesen. Sie referiert dabei die aktuelle Forschung zum Thema Natur und denkt nach über Ressourcennutzung, Nachhaltigkeit, Ausbeutung und Verantwortung angesichts von Zerstörung und Klimaveränderung. So folgt sie etwa den Spuren von Pilzen und zeigt sich beeindruckt von Emanuele Coccias Philosophie. Er denkt die Natur anders als bisher und hebt den Gegensatz von Natur und Kultur auf: „Coccias Philosophie gleicht einer heliozentrischen Anmutung, die ihr Licht nicht nur auf die Blätter wirft, sondern bis in die Wurzeln vordringt.“ 

Am 30. März 2025 ist Barbara Frischmuth in Altaussee verstorben. In ihrer Münchner Poetikvorlesung heißt es: „Es kann nicht mehr davon die Rede sein, und schon gar nicht in der Literatur und in dem, was ich als weiblichen Traum bezeichnet habe, die Welt zu erobern, sondern es geht darum, sie zu sehen, um sie möglicherweise auf diese Art, nämlich als Ansicht zu gewinnen.“ Beim Lesen ihrer Bücher lässt sich auf wunderbare Weise Welt und Lust auf eine „wilde Zukunft“ gewinnen. 


Eine erste Fassung dieses Beitrags ist unter dem Titel Grenzgängerin zwischen Okzident und Orient erschienen in: Die Furche 26/1. 7. 2021. 


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