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Aus der Tür gehen

Über Christine Haidegger (1942–2021)

© Otto Müller Verlag

Es war Haideggers Debutroman Zum Fenster hinaus. Eine Nachkriegskindheit (1979) – inzwischen unter dem Titel Mama Dear 2002 von Heidi J. Petermichl ins Englische übersetzt und mit einem Nachwort von Renate Welsh versehen –, der eine Art Ruhm mit den bekannten Folgen im Literaturbetrieb begründete. Ihr Text schaffte es damals, in die Reihe „neue frau“ des Rowohlt-Taschenbuch-Verlages aufgenommen zu werden. Erstauflage: 30.000. Ihr Text hatte einen Nerv der Zeit getroffen – u.a. das Internat thematisierend hauptsächlich als paradigmatischer Ort repressiver Ordnung und Zucht sowie demütigender Befindlichkeiten und widerständigen Verhaltens. Es handelt sich um Aufzeichnungen eines aufmerksam registrierenden, schon sehr belesenen, etwa 11jährigen Mädchens, die erlebte und erlittene Zeitgeschichte in Mikrogeschichten von Krieg und Nachkrieg aufbewahren. „Zuerst die Wörter“, die sich in das Gedächtnis eingebrannt haben, so lautet der erste Satz des Romans: Oft gehörte und verwendete Wörter und Sprach-Floskeln mit ihren mit vielen Assoziationen und Konnotationen verbundenen Bedeutungsfeldern strukturieren die Erzählsequenzen, die auf eine zumindest kindlich imaginierte Katastrophe in der angeblich so glücklichen Wiederaufbauzeit zulaufen: Papa / vermisst / Luftschutzkeller / Soldat / verboten / illegal / Leichenschmaus / Heimarbeiten-Akkordarbeit / Hamstern / dumme Fragen / der beruhigt sich schon wieder / pass mir gut auf’s Dirndl auf / Krieg verloren haben usf. bis hin zu jenem fatalen Gedanken:

Alles wäre einfach besser, wenn ich nicht wäre. Ich bin im Grunde nur eine Last für Mama. […] Es wird gut sein, nichts mehr denken zu müssen. Dieses Leben zu vergessen. […] Sie dürften einen nicht so allein lassen. […] Dann steige ich auf das Fensterbrett. […] Dann mache ich einen großen Schritt in die Luft hinaus.

Zum Fenster hinaus. Eine Nachkriegskindheit, 1979

Haideggers Erstlingsroman machte damals u.a. deswegen Furore, bot doch dieser Text eine bis dahin nicht oft übliche weibliche Kindheitsperspektive auf die gesellschaftlichen und leistungsfanatischen Verhältnisse, die prekären Wertvorstellungen und Probleme einer postfaschistischen Zeit. Nicht zufällig sollte der Roman zuerst „Auftragsleben“ heißen (Renate Langer: Tödliche Ordnung. In: SALZ 2015, S. 57) Die erzählerische Verfahrensweise, die tagebuchähnliche Ich-Perspektive des Mädchens, ist glaubwürdig und lebendig und ist für ein generationsübergreifendes Lesepublikum bis heute eine aufschlussreiche Lektüre.

Hatte Haidegger mit ihrem Erstlingsroman die weibliche Kindheitswahrnehmung im Blick, so rückte sie in dem 1985 erschienenen und mit dem Romanpreis des ORF ausgezeichneten Roman Adam / Adam die Perspektive eines frühpensionierten Beamten in den Mittelpunkt und skizziert das Psychogramm eines alternden, vereinsamten und vereinsamenden Mannes. Die Autorin interessiert sich für die psychische Genese und die Bewusstseins- und Gefühlswelt eines nach Sinn Suchenden, dem äußerlich nichts abzugehen scheint, eines ersten Mannmenschen, der sich seine Reisen und Frauenbekanntschaft leisten kann, um Routine und Einsamkeit hinter sich zu lassen, und daran scheitert. Da ist einer, der vermeint, das Leben zu versäumen und damit nicht ganz falsch liegt – mit Erinnerungen an Kindheit, Studium und Kriegszeit und mit der trostlosen Perspektive: „Seine Lebenserwartung beträgt noch weitere zwanzig Jahre.“ Damit erregte sie erneut Erstaunen, jetzt aber auch Skepsis, bei einigen sogar Schmähung, denn „als Frau dürfte ich nicht über Männer und ihren Sex schreiben“, wie sie erzählte: „ich [aber] wollte etwas über soziale Isolation schreiben, die mir dauernd begegnete.“ (Christine Haidegger: Bis mir die Gedichte fremd genug sind. Gespräch mit Christa Gürtler. In: SALZ 2015, S. 60) Es verwundert, dass dieser Roman nie die Grundlage für einen Film geworden ist.

Schließlich stellt Haideggers dritter Roman Fremde Mutter (2006) die Verdichtung der erzählerischen Anliegen der Autorin dar. Haidegger knüpft thematisch, motivisch und literarisch besonders an ihren Erstlingsroman an. Der Blick wendet sich diesmal zurück in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland und Österreich. Erneut ist es ein Mädchenschicksal, das jetzt aber zu einem Frauenleben erweitert wird. Elisabeth heißt die sich erinnernde und erzählende Protagonistin. In Haideggers Roman wird die Welt eines „braven“ und „bescheidenen“, auf ihre Weise aber starken, intuitiv hellhörigen und praktischen Mädchens, einer jungen, mit dem richtigen Herzenskompass ausgestatteten und mit allen möglichen Fährnissen des Lebens konfrontierten Frau und schließlich Mutter aus einfachen und armen Verhältnissen gestaltet. Es handelt sich um ein durchschnittliches, „unheroisches“ Frauenleben, das am Ende in Hartheim ausgelöscht wird. Erst nach und nach erschließt sich für den Leser/die Leserin, dass Elisabeths Erzählung an einen anonym bleibenden, jungen, noch nicht völlig ideologisierten Arzt in einem NS-Heim für angeblich Geisteskranke und lebenslänglich zur „Verwahrung“ Weggeschlossene gerichtet ist. Sie wird jetzt wegen ihrer natürlichen Aufmüpfigkeit gegen einen Krieg, in dem ihr Mann schon gefallen ist und aus dem sie ihren kleinen Sohn Johannes schon wegbringen konnte, auf das er überleben könne, als geisteskrank abgestempelt. Nur selten, sparsam und sachlich hören wir im Roman den jungen Arzt nachfragen – nach diesem und jenem Detail, nach diesem oder jenem Vorkommnis oder nach bestimmten Umständen aus Elisabeths Leben. Wir hören hauptsächlich Elisabeths Stimme, aber auch einige Stimmen aus ihrem Umfeld, z. B. jene ihrer Mutter oder auch Ilses, einer in eine unglückliche Ehe geschlitterte höhere Tochter. Was Elisabeth berichtet, erscheint als etwas „Normales“, als etwas Unspektakuläres. Ohne viel Aufhebens wird das Beklemmende erinnert. Elisabeth erfährt auch viel Gutes, Glück und Angenommensein. Etwas Fatalistisches ist im Spiel, was man einfach hinzunehmen habe: Ausgrenzung, Enttäuschung, Verluste, Tod und Sterben gehören zum Leben. Der Roman ist mehr als ein bloßes „Stimmungsbild“ der Ersten Nachkriegs-, der Zwischenkriegs- und Kriegszeit. Elisabeths Lebensbericht ist auch ein Beitrag zu einer Sozial- und Mentalitätsgeschichte der Zeit: Religiöse Haltungen, übliche Erziehungsmethoden, soziale Grenzen und Rollenfixierungen, sozial bedingte Ängste, Wünsche, Träume und Sehnsüchte werden thematisiert – hauptsächlich in einer ländlichen Welt am Beginn der Technisierung/Modernisierung. Bemerkenswerte Einblicke gelingen in verschiedene Milieus – in die Bauern- und Dorfwelt, in einen Pastorenhaushalt oder in herrschaftliches Unternehmertum. Dazugehören und Fremdsein bzw. Fremdbleiben ist eine wichtige Bedeutungsebene des Romans: Elisabeths Mutter, die Vielsprachige und Zugezogene, und Tante Marie, die zugeheiratete Französin, sind zwei jener Romanfiguren, an denen dies exemplifiziert wird. Besonders bewegende Passagen des Romans betreffen den Unfall von Mutter Dorothea und deren allmähliches Absterben und Bruder Gregors Aufbruch in die Neue Welt – mit einem Psalmenwort aus dem Munde der Mutter auf seinem Weg ins Ungewisse. Elisabeths kleine „unpolitische“ Welt wird in realistischer Prosa meist chronologisch wiedergegeben. Die Welt steht auf dem Kopf – so lernt man. „Den Opfern“, insbesondere den zu Geisteskranken gestempelten, ist denn auch das Buch gewidmet. Hier erzählt eine Autorin, die in behutsamer Zugeneigtheit zu Elisabeth und ihrer kleinen, „unpolitischen“ Welt meist chronologisch erzählt. Der Zorn und die Getroffenheit über die Zerstörung dieses einfachen Frauenlebens erreicht die Leserschaft.

© Otto Müller Verlag

Aus dem Arbeitstitel „Boden aus Sternen, Himmel und Gras“ wurde schließlich der beeindruckende Lyrikband Von der Zärtlichkeit der Wörter (2020). Er ist Haideggers letzter Gedichtband – eine Art lyrisches Vermächtnis in allen Aspekten, thematisch und verfahrensmäßig: Herrliche Naturlyrik, erinnerungsgesättigte Gedichte an Kindheit, Krieg und Nachkrieg und die Auseinandersetzung mit den Widersprüchen der Gegenwart, der Zusammenprall von ökonomistischer Zivilisation und bedrohter Naturschönheit hier und dort in den Weltgegenden – aber im Zentrum stehen ihre Gedichte über Sterben und Tod. Dies alles in einer meist parataktisch „einfachen“ Bildsprache: „Ein Boden / aus Sternen im Winter / Im Sommer / ein Himmel aus Gras / Mein Grab / Fügt sich fröhlich darein“ (Von der Zärtlichkeit der Wörter, 2020, S. 69). Einige dieser Pretiosen würden nach neu komponierter Musik verlangen.

Was wird in ihrem Nachlass aufbewahrt sein? Unpublizierte Romane? Übersetzungen aus ihrer Feder? Fragmente verschiedener Genres? Abgebrochene Buchprojekte, unfertige Lyriksammlungen, Korrespondenzen und Materialien, die neues Licht auf die Entwicklung der Salzburger Literaturszene seit den 1970er Jahren werfen könnten? Wird man Christine Haidegger ein Ehrengrab widmen?

[…] Regen und Tau
sind die letzte Umarmung
für alle vor uns
Geh leise
Tritt zart auf
Spür deinen Herzschlag
Das Knistern
Unter dem Moss
Erinnere dich
wieder und wieder

Unten ist viel Platz. In: Von der Zärtlichkeit der Wörter, 2020, S. 64

Gönnt euch ein Lächeln
nach meinem Tod
Ich lächle mit euch

Aus der Tür gehen. In: Von der Zärtlichkeit der Wörter, 2020, S. 61


Karl Müller, Salzburg


© Cover: Wolfgang Richter

2015 erschien eine SALZ Ausgabe zu Christine Haidegger, alle Informationen zum Heft 161 und die Möglichkeit zur Bestellung finden Sie hier.

In der aktuellen Ausgabe von SALZ, Nahaufnahmen 27, lesen Sie einen Nachruf auf Christine Haidegger von Fritz Popp. Hier geht es zum Heft.

Hinweise zu den Büchern von Christine Haidegger, die im Otto Müller Verlag erschienen sind, finden Sie hier.

© Cover: Jonas Geise

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