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auf jeden Fall Lektüren

Aus der Tür gehen

Über Christine Haidegger (1942–2021)

© Otto Müller Verlag

2009 folgte – neu im Salzburger Otto Müller Verlag – der Lyrikband Herz.Landschaft.Licht. Für Meta Merz, 1965 bis 1989, wohl eine Sammlung ihrer gelungensten Gedichte seit den 1970er Jahren, in denen Haideggers sprachpoetische Identität und thematischen Fokussierungen sichtbar sind. Zum ersten Mal sind einige der den Band abrundenden Gedichte explizit eine Hommage an Georg Trakl, aber auch versteckte Ingeborg-Bachmann-Anspielungen finden sich – zwischen Grodek-Entsetzen und Beschwörung der Liebe: „Streunende Hunde / am Rande des Schlachtfelds /Der Feldscher lehnt blutig / an seinem Zelt. // […] Die Schreie / sind leiser geworden / Ein todweißer Mond /hängt über den Bäumen / Die Hände des Dichters zittern im Schlaf“ (S. 72) und dann: „Warum ich dich liebe / fragst du […] // Wir haben den selben / Friedenshimmel / – unglaublich blau – / gesehen hinter den Bombern / und hatten rissige Hände im Winter / aber fröhlich / kratzten wir Rübenreste / aus Schüsseln. […] // Und es gab keine Zeit / in der wir nicht / – du und ich – / eins waren / in jeglicher Sprache der Liebe.“ (S. 75f.)

Haidegger ist ohne ihre mit Begeisterung und Wahrnehmungssensibilität seit den 1990er Jahren verfassten drei Bände mit ihren Reise-Erzählungen und Skizzen nicht ausreichend gefasst. Hauptsächlich der amerikanische Alltag ist im Fokus –hellsichtige Reflexionen über ihre Reise-Erlebnisse zwischen Vertrautheit und Distanz, also eine Art „American Sightseeing“, wie es im mittleren Sammelband Cajuns, Cola, Cadillac (1997) heißt. Bereits 1993 war der erste dieser Bände erschienen: Amerikanische Verwunderung (1993). Von einer „tollen Erfahrung“ sprach Haidegger in Erinnerung an ihre erste zweimonatige Lesereise und Lesungen an Elite-Universitäten in den USA: „Aus den Briefen nachhause entstand mein erstes US-Buch ‚Amerikanische Verwunderung‘ mit dem Cover von Gerhard Haderer“ (SALZ 2015, S.67) Heidi J. Petermichl war Haideggers umsichtige Reisebegleiterin – über fast 15 Jahre (bis 2011) waren die beiden gemeinsam unterwegs, nicht nur in den USA, sondern auch u.a. in Portugal, Malta, Dänemark, Ägypten, Italien, der Türkei und in den Niederlanden. (vgl. SALZ 2015, S.34–40) 2010 erschien schließlich Texas Travels, 2001–2009. Reise-Erzählungen: Was ihr der Reisealltag an Schönem, Überraschendem, Bizarrem, Kuriosem, Ärgerlichem und Abstrusem zutrug: Spinnen, Autopannen, Wüstenregen, kuriose Sightseeing-Erlebnisse usf., also erzählerische, oft ungemein witzige Verarbeitungen des Erlebten, Gesehenen, Gehörten –erzählerische road movies, Lektürelust pur, oft auch den clash der Kulturen festhaltend.

Und schließlich: Da ist natürlich die „Haideggerin“ als Romancière und Erzählerin bewegender und oft pointenreicher Geschichten.

Haideggers Prosa seit 1979 umfasst drei Romane sowie zwei Erzählbände: Schöne Landschaft. Eingesammelte Prosa (1993) und zuletzt Nach dem Fest (2018; gewidmet ihren Familien Kilgus, Overdier und Pausz).

Es sind insgesamt ca. 40 Prosastücke, die kontinuierlich seit den 1970er Jahren entstanden sind. Ihre „eingesammelte Prosa“ im Schöne Landschaft (1993) zeigt an vielen Stellen, wie hinter den glatten Oberflächen, den Alltags-Fassaden und ideologiegetränkten Verblendungen das Bedrohliche, das Abgründige, auch potentielle Gewalt und postfaschistische Überzeugungen lauern. Bewegung unter der Oberfläche (Mai 1980), so heißt denn auch einer dieser Prosatexte. Es sind wie Schaufenster in die Erlebnisse und Schicksale vieler Menschen, wohl auch mit autobiographischen Einsprengseln. Haidegger versteht es, durch genau überlegte und abwechslungsreiche Perspektivierung –  einmal durch die direkte Selbstaussprache einer Person, im inneren Monolog oder erlebter Rede, die Nähe zu ihren Figuren herzustellen, dann wieder aus der Perspektive einer „bloß“ beobachtenden und mitteilenden Erzählinstanz die Leser zu packen. Oft sind es Kinder oder ältere Menschen, kleine Leute, Mädchen und Frauen, Nicht-Dazugehörige, aber auch Lehrer, denen wir begegnen. Meist sind es Blitzlichter (1982) auf Lebensstationen – so auch der Titel einer der Geschichten – und „Skizzen“, die das graue Routine-Leben, die Seelenkälte, Einsamkeit, Kontrolle und Ohnmacht als Themen aufgreifen.

Ihren letzten Erzählband nannte sie Nach dem Fest (2018) – die titelgebende Erzählung heißt so: die Geschichte einer bürgerlichen Ehe-Gewöhnlichkeit patriarchalen Zuschnitts, eine Geschichte der Kälte, Einsamkeit und des Schweigens angesichts von verheimlichter Arbeitslosigkeit und Krankheit. Oft handelt es sich um soziale Prosa, wenn etwa über Heimatlosigkeit, Obdachlosigkeit, psychisch und physisch Kranke gesprochen wird oder die beklemmende Geschichte eines Bauernkindes und eines kleinen Buben erzählt wird – Schicksalsschläge und repressive Verhältnisse im Zusammenspiel. Aber auch Satirisches enthält das Bändchen, etwa Der Traum von Salzburg, und noch einmal Erinnerungen an Italien- und Ägyptenreisen.


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