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Aus der Tür gehen

Über Christine Haidegger (1942–2021)

Wie meinte Christine Haidegger zuletzt? „In den Möbeln und Büchern könnt ihr mein Leben suchen.“ Jedenfalls in ihren Büchern kann man ihr inneres Antlitz sehen – da hat sie einfach recht: Als sie 2005 mit dem Salzburger Lyrikpreis ausgezeichnet wurde, lautete die Begründung der Jury:

Alle Texte Haideggers verstehen es überzeugend, sowohl Momentaufnahmen von Jahreszeiten, der Natur und des Lebens als auch existenzielle Erfahrungen wie Trauer, Einsamkeit, Zeit und Vergänglichkeit in einer nicht-manierierten Sprache wiederzugeben, die sich besonders durch ihre scheinbare Einfachheit und behutsame Bildhaftigkeit auszeichnet. Haideggers Ton hat nichts Aufgeregtes oder gar Auftrumpfendes an sich, im Gegenteil, die Gedichte sind leise und dezent, sie wollen keine Weisheiten etwa in Form von Sentenzen verkünden, sie haben auch nichts Sprachexperimentelles oder -spielerisches im Sinn, Haideggers Gedichte sind sensible Beobachtungen und Mitteilungen über Innen- und Erfahrungsräume, die in knappen, ja lakonischen, nicht-klischierten poetischen Formulierungen festgehalten werden und gerade deswegen überzeugen und berühren.

Damals hatte sie fünfzehn Gedichte zur Beurteilung vorgelegt. Es handelte sich um einen sowohl thematisch als auch poetisch exemplarischen Querschnitt ihres lyrischen Schaffens seit den 1970er Jahren. Der Preis würdigte also schon damals das vorliegende lyrische Gesamtwerk – eine Würdigung, die durch die noch nachfolgenden zwei Gedichtbände – Herz.Landschaft.Licht (2009), gewidmet ihrer verstorbenen Tochter Meta Merz, und Von der Zärtlichkeit der Wörter (2020) auf das Schönste bestätigt wurde. Haidegger fand seit 2006 beim Salzburger Otto Müller Verlag Heimstatt, nachdem sich der Verlag 2006 bereit erklärt hatte, ihren dritten Roman Fremde Mutter in sein Programm zu nehmen, und es auch noch gelingen sollte, den 1979 geradezu als Sensation wahrgenommenen Erstlingsroman Zum Fenster hinaus. Eine Nachkriegskindheit (Rowohlt) neu aufzulegen (2016).

Bereits 1976 hatte der Darmstädter J. G. Bläschke-Verlag in Zusammenarbeit mit dem Innsbrucker „Turmbund“ eine erste Auswahl ihrer Gedichte publiziert: Entzauberte Gesichte war der Titel dieser Sammlung – Gedichte ihrer „Jugendsünden“ zwischen ihrem 13. und 22. Lebensjahr, wie sie einmal augenzwinkernd meinte. Bereits diese Auswahl zeigte jedoch die eigene Klangfarbe der jungen Autorin. Zugleich sind die poetischen Orientierungen und Vorbilder spürbar: Georg Trakl, Christine Lavant und der frühe Paul Celan. Auch war sie in ihren frühen Jahren eine Rilke-Leserin. Schon früh ist Haideggers bildhafte Sensibilität für Naturerscheinungen und Jahreszeitlichkeiten als Spiegel des Inneren fassbar. Naturgemäß umkreist das junge Ich Erfahrungen der Sehnsucht nach Angenommensein und Liebe, zeigt aber auch schon eine sprachskeptische Haltung, spricht von metaphysischer Obdachlosigkeit und Vergänglichkeit, insbesondere aber vom Fremdsein und von Einsamkeit. An einigen Stellen ist ein schonungslos-realistischer Ton ist angeschlagen – Rettung nirgends?

UNSERE EINSAMKEIT
ist so
: daß wir das zuckende Herz
auf den wehrlosen Handflächen
darbieten könnten
Den Vögeln zur Speise

Niemandes Auge
erhöbe sich.

Entzauberte Gesichte, 1976, S. 49


Atem. Stille hieß der zweite Gedichtband, der 1993 in der Reihe „Lyrik aus Österreich“ (Verlag G. Grasl) publiziert wurde, wo schließlich 2002 – zehn Jahre später – auch der Lyrikband Weiße Nächte herauskam. Das Eröffnungsgedicht von Atem. Stille ist zugleich eine Art selbstappellatives Mottogedicht für Haideggers lyrisches Schaffen: „Tritt ein ins Wort / Sieh, / was da war / was da sein wird // An der Schwelle / ködre den Lidschlag // Setze den Stein / gegen das Nichts // JETZT“ (Atem. Stille, S. 5) Und dazu in dieser großartigen Sammlung auch viele bewegende Erinnerungen wohl an ihr totes Kind: „Jemand / überwindet / die Trauer // Jemand / überschreitet / die Grenze // Jemand belächelt / den Tod // Sing weiter / Kind.“ (Atem. Stille, S. 61)

Die Lektüre der Gedichte in den beiden genannten Sammelbänden zeigt zugleich eine zunehmend verstärkte Beschäftigung mit sozialen Unterschieden und die Auseinandersetzung mit Randexistenzen, alltäglichen Beziehungskatastrophen und Verzweiflungen – gemäß der frühen Überzeugung für die schriftstellerische Arbeit, dem „Nichts sehen, nichts hören und nichts reden“ (Entzauberte Gesichte, S. 9) das poetische Wort orientierend, bändigend und bannend entgegenzusetzen. Auch Kindheitserinnerungen prägen die Sammlungen sowie die Auseinandersetzung mit einer virulenten Vergangenheit (z. B. Berlin Wannsee, 1980). Der Umgang mit den Wörtern ist einem langsamen Wandel unterworfen. Das Bestreben nach größtmöglicher Verknappung wird spürbar. Auch die zunehmende Bereitschaft, konkrete und auf den ersten Blick unscheinbare Gegenständlichkeit unspektakulär auf innere Befindlichkeiten durchsichtig zu machen, auch von männlichen Ichs, wird erkennbar. Die letzten Gedichte des Bandes Atem. Stille (1993) skizzieren wichtige Motive des Schreibens und Arbeitens: Zeichen setzen, so nennt sich etwa ein Text, in dem das Gedicht mit einem besonderen steinernen „Findling“ verglichen wird, den „der Bauer / fraglos / ausspart beim Pflügen / wie alle vor ihm /von Anbeginn an“ (Atem. Stille, S. 60).

Der Folgeband Weiße Nächte (2002) enthält vermehrt eine Reihe von Gedichten, die lyrische Antworten auf die vielen Reisen darstellen, die Haidegger seit den 1980er Jahren in den europäischen Süden (z. B. Italien, Provence, Portugal), aber insbesondere in die Vereinigten Staaten unternommen hat. Die Autorin hält besondere Momente fest, nicht nur ihr Befremden – „Du fühlst dich sehr fremd“ (S. 51) –, sondern auch ihr Staunen über Alltagsvorkommnisse in einer „westlichen“ Kultur im Vergleich mit dem „kalten“ Daheim (z. B. Virginia, America I: z. B. Alabama, San Diego, Louisiana).


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