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auf alle Fälle Texte

Am frühen Nachmittag kam Nora zu Besuch

Auch wer Ibsens Drama Nora nicht kennt, weiß vom Hörensagen, dass die Hauptfigur des Stückes, Nora, eine mutige Heldin sei, sozusagen eine Idealfrau. Ich habe Ibsen wieder gelesen und bin erstaunt, wie sehr seine Nora meiner ähnelt, die ich in Frauenfeld angetroffen habe.
Der Text stammt aus meinem Projekt Frauenfeld, Sommer.


Am frühen Nachmittag kam Nora zu Besuch, ihr Gepäck war eine kleine Reisetasche.

Mit Rucksäcken fahre sie nicht durch die Gegend, eine Reisetasche sei besser, sagte sie und lachte, lachte eine Weile.

Angemeldet hatte sie sich nicht, sie stand einfach vor der Tür.

Eine Nacht würde sie gerne bei uns bleiben, erklärte sie und schaute sich im Wohnzimmer um.

Zu Hause habe sie es nicht länger ausgehalten. Aber zunächst sollten wir erzählen, bevor sie uns ihre Situation und die Hintergründe erklärt.

Sie möchte still zuhören, wir haben uns ja lang nicht mehr gesehen.

Vorher wollte sie allerdings die Zugfahrt von Frankfurt nach Basel erwähnen. Von Karlsruhe an saß ein Mann ihr gegenüber.

Sie haben sich lang unterhalten.

Unterwegs haben ihr die einzelnen Bahnhöfe gefallen. Karlsruhe, Freiburg, Basel. Dann umsteigen nach Zürich.

Kurz entschlossen sei der Mann in Basel mit ihr umgestiegen, und auf dem Weg nach Zürich sagte er, dass sie ihm ein Rätsel sei.

Das meine sie selbst, und womöglich wäre es besser gewesen, mit ihm irgendwo in Zürich zu bleiben.

Wenn sie schon ein Rätsel sei, suche sie ihre Identität, sagte sie.

So, die Identität, sagte Manu, was ist das?

Wir hatten Spaghetti gekocht, sie aß mit uns und erzählte weiter.

Ein Leben lang wurde sie ausgenutzt, sagte sie.

Jetzt fehlen ihr all ihre früheren Hilfsgeister, das ist wahr, vor allem fehle ihr aber die Identität.

Was ist das für ein komisches Wort, komisches Zeug, fragte Manu.

Nora war müde und wollte sich schlafen legen.

Was heisst Identität und woher nimmt man sie, fragte die ruhige Manu nochmals.

Zsuzsanna Gahse, Müllheim


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