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im schönsten Fall Geschichten

A House of One’s Own

Das Alleinsein galt Thomas Bernhard zeitlebens als „Idealzustand“, durch sein Werk geistern zahlreiche „Verrammelungsfanatiker“: Notizen in Zeiten des Social Distancing.

Thomas Bernhard hätte in diesen Tagen zur Hochrisikogruppe gezählt: Nicht nur wegen seines Alters – am 9. Februar 2020 wäre er 89 Jahre alt geworden –, sondern auch aufgrund seiner ihn über Jahrzehnte begleitenden und einschränkenden Lungenkrankheit, Morbus Boeck. Das Alleinsein galt ihm zeitlebens als „Idealzustand“, durch sein Werk geistern zahlreiche „Verrammelungsfanatiker“: Notizen in Zeiten des Social Distancing.

Thomas Bernhard war darauf bedacht, als jemand zu gelten, der auf Abstand Wert legt. „Ich habe mit niemandem etwas zu tun. Ich könnte mich nicht erinnern“, antwortete er 1980 im einem Interview auf die Frage, wie es um sein Verhältnis zu anderen Autorinnen und Autoren bestellt sei. Am entsprechenden medialen Bild arbeitete er tatkräftig mit, er pflegte das Image des Solitärs. Dass seine literarische Karriere früh durch wohlwollende Förderer unterstützt worden war, kam in späteren Auskünften nicht mehr vor. Er beharrte darauf, es allein, aus eigener Kraft geschafft zu haben. „Na, ich bin ja mein eigener, da brauch’ ich ja eh keinen.“

Aufzuwachen und ein Haus zu haben…, hieß 1955 eines von fünf Gedichten, die Bernhard im Band Die ganze Welt in meines Herzens Enge, einer Salzburger Lyrik-Anthologie, veröffentlichte; vom späteren ‚Alpen-Beckett‘ und ‚Unterganghofer‘ war hier noch nichts zu vernehmen. 1965, nach den ersten Erfolgen seiner Prosabücher Frost und Amras, konnte er sich das Ziel einer eigenständigen, abgeschiedenen Existenz mittels eines finanziell riskanten Deals erfüllen. Mit dem Erwerb eines Vierkanthofs in Nathal bei Ohlsdorf hatte er, was ihm für den weiteren Weg als Autor entscheidend schien, mit Virginia Woolf – der einzigen Autorin, die er neben Ingeborg Bachmann und Christine Lavant schätzte –: A House of One’s Own.

Im Sommer ist es da angenehm kühl und im Winter geschieht die Beheizung durch Ziegel- und Kachelöfen. Die Wände sind weiß, die Türen grün, die Böden aus Lärchenbrettern. Allein mit den weißen Wänden, den grünen Türen, den Lärchenbrettern, gelingt es mir jetzt, mich auf die beste Weise zu konzentrieren. Ich mache mir, nach und nach einer Spekulation nach der anderen folgend, die fürchterliche Landeinsamkeit gefügig. […] Die Welt wie sie ist und erscheint, zu zergliedern, damit fülle ich meine Einsamkeit aus, eine, meine eigene von den Milliarden Einsamkeiten, damit fülle ich meinen Hof aus, meinen Kerker, meinen Vierkantarbeitskerker, mit immer neuen Erfindungen, Entdeckungen, Verbrechen, Harmonien von Harmonien, immer neuen Kontakten, Kontrakten. / Mein Hof verbirgt, was ich tue. Ich habe ihn zugemauert, ich habe mich eingemauert. Mit Recht. Mein Hof schützt mich. Ist er mir unerträglich, laufe ich, fahre ich weg, denn die Welt steht mir offen.

Thomas Bernhard, „Meine eigene Einsamkeit“, 1965

„Ich habe hier einen idealen Kerker als Arbeitshaus in der denkbar besten Umgebung“, schreibt er ein Jahr darauf an seinen deutschen Verleger Siegfried Unseld. Hier wie dort, im literarischen Text wie in der brieflichen Auskunft, verweist die Rede vom „Kerker“ auf die Ambivalenz von Bernhards Unterfangen: Zwar bot ihm das für einen einzelnen Bewohner weit überdimensionierte Haus in Ohlsdorf, sein „Vierkantarbeitskerker“, Schutz vor einer feindlichen Umwelt und sichere Distanz vor seinen Mitmenschen. Zugleich war der Einsamkeit aber die Gefahr eingeschrieben, es mit sich selbst nicht mehr auszuhalten – die Flucht in „die Welt“ war, jedenfalls als Option, essenziell.

In seinem erzählerischen Werk hat Bernhard seine Protagonisten vor ähnliche Probleme gestellt: Welcher Grad der Isolation ist erforderlich, um sich einem künstlerischen Werk oder einer wissenschaftlichen Studie zu widmen, und wann kippt der Zustand der produktiven Absonderung ins Destruktive? Unter welchen Bedingungen kollabiert das mühsam gehegte Selbstbewusstsein der einsamen Misanthropen?

Einerseits ist die Notwendigkeit, sich abzuschließen seiner wissenschaftlichen Arbeit zuliebe die allererste aller Notwendigkeiten eines Geistesmenschen, andererseits ist aber auch die Gefahr die größte, daß dieses Abschließen in einer viel zu radikalen Weise geschieht, die letztenendes sich nicht mehr fördernd, wie beabsichtigt, sondern hemmend, ja sogar vernichtend auf diese Geistesarbeit auswirkt und von einem bestimmten Zeitpunkt an hatte sich mein Abschließen gegenüber der Umwelt meiner naturwissenschaftlichen Arbeit (über die Antikörper) zuliebe gerade auf diese meine naturwissenschaftliche Arbeit vernichtend ausgewirkt.

Thomas Bernhard, „Ja“, 1978

Bernhards Eremiten streben nach vollkommener „Kontaktlosigkeit“, weil sie diese für eine Voraussetzung ihres Tätigseins halten. Sie müssen in ihrer vorsätzlich herbeigeführten Isolation jedoch bald eine „Verkümmerung“ ihres Denkens feststellen, „hervorgerufen durch mutwillig heraufbeschworene Absonderung von allen Geisteskontaktmenschen“ – it’s a constant struggle. Die selbst geschaffenen „Denk-“ und „Existenzkerker“ erweisen sich bei Bernhard als fatale Architekturen: Sie sind Trutzburgen gegen die Zumutungen des Lebens, aber zugleich Chiffren einer fatalen Ausweglosigkeit. Der Erzähler von Ja, der rasch erkennt, „daß kein Mensch ohne einen Menschen und nur mit seiner Arbeit allein existieren kann“, kommt mit seinen Antikörper-Studien zu keinem Ende – dabei hätten wir heute jeden ergebnisorientierten Virologen bitter nötig.

In dem Gespräch mit Suhrkamp-Cheflektor Raimund Fellinger berichtet Peter Fabjan über seinen Bruder Thomas Bernhard, das Erbe und die Häuser.

Vor einiger Zeit habe ich mich selbst in eines der ehemaligen Häuser des Autors zurückgezogen, um an einer Arbeit über Thomas Bernhard (und seinen Antipoden Peter Handke) zu schreiben. Mit einem Stipendium ausgestattet, wohnte ich im September 2018 in Ottnang am Hausruck, im sogenannten „Quirchtenhaus“, das Bernhard 1972 erworben hatte. In vollkommener, nur selten von landwirtschaftlichem Gerät gestörter Ruhe, in der nicht Fuchs, aber immerhin Reh, Hase und Siebenschläfer mir Gutenacht sagten, versuchte ich schreibend dem einstigen Hausherrn gerecht zu werden; unter einem alten Mostbirnbaum sitzend, den Blick auf Schloss Wolfsegg am gegenüberliegenden Hang gerichtet, den Schauplatz von Bernhards Auslöschung. Am Ende der drei Ottnanger Wochen stand die Entscheidung, beinahe alle Abschnitte der Dissertation, die noch zu schreiben waren, beiseite zu lassen und aus dem Material für das einstige Unterkapitel III.5 die gesamte Arbeit zu bestreiten. Sonst wäre ich damit, wie all die Bernhard’schen „Verrammelungsfanatiker“, die seit Jahrzehnten ihre Studien im Kopf, aber nicht auf dem Papier haben, wohl bis heute nicht fertiggeworden.

Die Aufnahmen sind 2018 im Zuge eines Aufenthalts als Stipendiat der Thomas-Bernhard-Privatstiftung in Ottnang entstanden.

Wenige Wochen zuvor hatte Mario Schlembach ebenfalls drei Wochen im „Quirchtenhaus“ verbracht und darüber im STANDARD berichtet.


Literaturnachweise:

Thomas Bernhard: Meine eigene Einsamkeit, Die Presse, 24. Dezember 1965; Thomas Bernhard: Ja. In: Th. B.: Werke in 22 Bänden. Hrsg. v. Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler. Band 13: Erzählungen III. Hrsg. v. Hans Höller u. Manfred Mittermayer. Frankfurt am Main 2008.


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